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Massenentlassung bei Pin: Springers Notausstieg aus dem Briefgeschäft

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Aufregung in der Politik, Empörung bei Gewerkschaftern, Klagen bei Unternehmen: Die Springer-Posttochter Pin will mehr als 1000 Mitarbeiter feuern und schiebt die Schuld auf den Koalitionsbeschluss zum Mindestlohn. Kaschiert der Verlag so seinen Rückzieher aus dem renditeschwachen Briefgeschäft?

Berlin - Im Post-Tower in Bonn dürfte die Stimmung gelöst sein: Das Weihnachtsgeschäft läuft rund, der Aktienkurs steigt spürbar. Und jetzt hat mit der Pin AG auch der zweite wichtige Konkurrent seinen Quasi-Rückzug aus dem Geschäft mit privaten Briefen angekündigt.

Pin-Briefträger: Ohne Geduld ist das Monopol nicht zu knacken
AP

Pin-Briefträger: Ohne Geduld ist das Monopol nicht zu knacken

Kaum eine Woche nach der Einigung der Bundesregierung auf eine Einführung von Mindestlöhnen für Briefträger zieht der Postdienstleister die Konsequenzen. Die Pin-Gruppe wolle in Kürze Kündigungen in die Wege leiten, teilte sie mit. Die entsprechenden Anträge bei den Arbeitsagenturen seien bereits gestellt. In einem ersten Schritt sollen weit über 1000 Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze verlieren. Das Unternehmen beschäftigt 9000 Menschen.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass die Existenz des gesamten Unternehmens auf dem Spiel steht: Pin prüfe mit Beratern Geschäftsmodell und Strategie "im Hinblick auf den Fortbestand des Unternehmens", hieß es.

Pin ist der zweite Wettbewerber der Post, der kapituliert. Gestern bereits hatte TNT Post, die Tochter des niederländischen Logistikkonzerns TNT, eine geplante Kooperation mit der Otto-Tochter Hermes Logistik abgesagt. TNT-Post bleibt allerdings im Segment mit Geschäftskunden aktiv.

Der postwendende Beschluss von Pin hat Politiker und Gewerkschaften aufgescheucht: Der DGB warf dem Unternehmen Erpressung vor. Von SPD-Politikern, die den Mindestlohn vorangetrieben hatten, hieß es, man lasse sich nicht unter Druck setzen. Und Kanzlerin Angela Merkel deutete schon mal an, dass sie skeptisch sei, Mindestlöhne auf andere Branchen zu übertragen.

Ein Bericht der Netzagentur weist die Post mit mehr als 90 Prozent Marktanteil bislang noch als unangefochtenen Marktführer im Briefgeschäft aus. Doch mit TNT und Pin wären ihm auf einen Schlag Konkurrenten mit erheblichem Potential erwachsen. TNT etwa wollte ursprünglich die 13.500 Hermes-Paketshops als Annahmestellen umrüsten. Pin hatte eine Kooperation mit den 18.000 deutschen Sparkassen verabredet. Seit Ende August bietet bereits eine Test-Filiale in der Sparkasse Siegen ihre Dienste an. Die Post hätte da mit ihren gerade einmal 12.000 Filialen alt ausgesehen

Post bleibt im Privat-Briefgeschäft konkurrenzlos

Doch ein Mindestlohn von 8 (Ost) beziehungsweise 9,80 Euro pro Stunde (West) machten nach Überzeugung von Pin-Chef Günter Thiel und TNT-Post-Chef Mario Frusch jede vernünftige Kalkulation zunichte. Sie zahlen ihren Zustellern durchschnittlich 7,33 Euro. Statt sich abzumühen und die bereits angelaufenen Verluste - allein Pin verzeichnete in den ersten neun Monaten 2007 ein Minus von knapp 50 Millionen Euro - noch weiter zu steigern, treten die Post-Konkurrenten lieber spektakulär von der Bühne ab.

Mit der Einführung des Mindestlohns würden "Investments in Milliardenhöhe" zunichte gemacht und Tausende von Arbeitsplätzen vernichtet, erklärte Thiel. Besonders bedauerlich sei, dass vor allem Geringqualifizierte und ehemalige Langzeitarbeitslose betroffen seien, die nun zu Lasten der Staatskassen wieder in die Arbeitslosigkeit und eine ungewisse Zukunft geschickt würden. Die Post bleibe auch nach dem Ende des Monopols "wettbewerbslos".

In der "Süddeutschen Zeitung" sekundierte Frusch seinem Kollegen: "Wir haben in den vergangenen Tagen mit dem Mutterkonzern alle Optionen geprüft", sagte er. "Das Angebot für Privatkunden mussten wir stoppen, weil es sich nicht mehr gerechnet hat. Solange wir diesen überhöhten Mindestlohn haben, kann hier auch kein normaler Wettbewerb entstehen."

Der Arbeitgeberverband der Post-Wettbewerber hatte schon in der vergangenen Woche mit einem massiven Stellenabbau gedroht. Wegen der geplanten Lohnuntergrenzen stehe ein Drittel der rund 60.000 Stellen auf der Kippe. Die Lohnkosten spielen eine wichtige Rolle im personalintensiven Briefgeschäft.

Allerdings dürften bei der heute verkündeten Radikalentscheidung auch andere Gesichtspunkte eine Rolle gespielt haben. Denn das Geschäft mit privater Briefpost gilt nicht eben als Goldgrube - zumal der Gesamtmarkt schrumpft. Der Betrieb eines dichten Netzwerks zur Annahme, Sortierung und Verteilung der Briefe erfordert einen großen Aufwand. Eine Konsolierung der Branche galt unter Experten längst als ausgemachte Sache.

Auch die Post hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, etwa durch Abbau von Briefkästen und Einsparung von Personal in den Postfilialen die Rendite zu verbessern. Ein Teil der Briefkästen musste der Konzern nach Protesten wieder aufstellen.

Miese Rendite - langer Atem

Hat Mathias Döpfner den Mindestlohn also nur als Vorwand genommen, um sich schnell von einem Geschäft zu verabschieden, dass viel mehr Verluste einzubringen versprach als ursprünglich kalkuliert?

Der Betrieb der Pin AG hätte zumindest einen langen Atem erfordert - auch ohne Mindestlohn. Wirklich überzeugt schien Döpfner schon während der Verkündung der Neunmonatsbilanz Anfang November nicht mehr - jedenfalls wollte er sich nur ungern zu den Aussichten der neuen Konzerntochter äußern.

Zeitweilig hatte der Springer-Chef sogar eine Allianz mit dem Konkurrenten TNT in Erwägung gezogen, das Projekt aber wegen der geringen Synergieeffekte wieder gestoppt. "Unwirtschaftliche Kostenstrukturen werden auch durch die Bündelung der Kräfte nicht wirtschaftlicher", sagte Döpfner der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dabei hatte er das Postgeschäft ursprünglich zu einer Säule des Verlags machen wollen.

TNT wiederum wird sich in Zukunft wieder auf den wesentlich lukrativeren Transport von Geschäftspost konzentrieren. Die Niederländer haben sich in diesem Geschäftfeld bereits fest etabliert und werden gegenüber der Post eher noch Boden gut machen. Denn in Kürze fällt deren Mehrwertsteuerprivileg, das bisher vor allem im Geschäft mit Banken und Versicherern Vorteile brachte.

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