McKinsey-Studie Millionen droht sozialer Abstieg

Agenda 2020: Der Beraterkonzern McKinsey hat die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands in einer Studie untersucht. Ihr Ergebnis: Großen Teilen der Mittelschicht droht der soziale Abstieg - es sei denn, das Land schafft in entscheidenden Zukunftsbranchen deutlich mehr Wachstum.


Hamburg - Die Warnungen der Unternehmensberater sind nicht zu überhören. Die Wirtschaft in der Bundesrepublik ist längst nicht dynamisch genug, um den Wohlstand und die Sozialstandards im Land zu halten, ergibt die neue McKinsey-Studie "Deutschland 2020".

Die Botschaft der Studie: Wenn das Wachstum nicht deutlich anzieht, bekommt Deutschland ein soziales Problem. Die Mittelschicht "gerät weiter unter Druck, weil die wirtschaftliche Basis für den Wohlstand breiter Bevölkerungsteile entfällt".

McKinsey legt in zwei Szenarien dar, dass einige Branchen zum entscheidenden neuen Wachstumsmotor werden dürften. Im sogenannten Basisszenario wird die Entwicklung der vergangenen Jahre fortgeschrieben: Wenn es bis 2020 bei 1,7 Prozent jährlichem Wachstum bleibt, sind 2,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze zu erwarten. Das klingt zunächst vielversprechend, zumal Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten oft eine deutlich schlechtere Konjunktur hatte.

Doch in Wahrheit droht schon bei diesem Wachstumstempo der Mittelschicht ein empfindlicher Wohlstandsverlust: Bis 2020 würden zehn Millionen Menschen weniger zur Mitte zählen als noch Anfang der neunziger Jahre. Bisher bekommen 54 Prozent der Deutschen ein Einkommen im mittleren Bereich (70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens von 25.000 Euro pro Kopf der deutschen Bevölkerung). 2020 wären es dann weniger als 50 Prozent.

"Erhebliche Dynamik" nötig für heutigen Lebensstandard

Im sogenannten Chancenszenario entwerfen die Unternehmensberater eine Alternativrechnung mit drei Prozent jährlichem Wachstum. Eine solche "erhebliche Dynamisierung der Wirtschaft" sei ebenso möglich wie erforderlich, "um die gewohnten Lebens- und Sozialstandards zu halten". Nur so könnten breite Schichten der Bevölkerung vom Aufschwung profitieren und Sozialsysteme gesichert werden.

Konkret: Das mittlere Einkommen würde 2020 gegenüber 2006 von 25.000 Euro auf rund 36.000 Euro steigen. Insgesamt gebe es 6,1 Millionen zusätzliche Jobs, mehr Ältere und Frauen müssten arbeiten, junge Menschen schneller ausgebildet werden. Der Mangel an hochqualifizierten Fachkräften wäre "das vordringliche Problem", die Sozialsysteme würden deutlich entlastet, schreiben die Berater. Auch gering Qualifizierte bekämen als Haushaltshilfen oder im Einzelhandel verstärkt Jobs. Am Ende gebe es zwar noch 700.000 Arbeitslose - faktisch würde dies allerdings Vollbeschäftigung bedeuten.

Boombranchen im Basis- und Zukunftsszenario: Die McKinsey-Prognose für 2020
McKinsey

Boombranchen im Basis- und Zukunftsszenario: Die McKinsey-Prognose für 2020

Nicht alle bisherigen klassischen Wachstumsbranchen werden für einen solchen Boom noch wichtig sein. Die Autobranche wird der Studie zufolge zwar eine Schlüsselindustrie bleiben, aber ihre Rolle als Jobmotor im Inland verlieren und trotzdem enorme Anstrengungen unternehmen müssen. Sie wächst den Prognosen zufolge deutlich schwächer als alle anderen untersuchten Branchen in Deutschland (siehe Grafik und Fotostrecke).

"Die Industrie wird ihre herausragende Rolle in Deutschland behaupten", schreiben die Autoren. "Wichtig sind aber auch die signifikanten Wachstumspotentiale im Dienstleistungssektor." Konkret sollen der Hightech-, Chemie- und Umwelttechniksektor, die Transport- und Logistikbranche, der Handel und das Gesundheitswesen die meisten neuen Jobs schaffen.

Unternehmerfreundliche Reformen gefordert

Bis zu 4,8 Prozent jährliches Wachstum in diesen Branchen bringt laut McKinsey bis zu 1,9 Prozent mehr Arbeitsplätze. Um die drei Prozent Wachstum zu erreichen, schlägt McKinsey mehrere Maßnahmen vor, die ausdrücklich nicht als "politische Agenda" für 2020 verstanden werden sollen, sondern als Diskussionsbeitrag. Deutschlands Wachstumsmodell habe zuletzt fast ausschließlich auf Produktivitätsgewinnen beruht. Dieses Konzept stoße an seine Grenzen. Jetzt brauche es Wachstum durch Innovation, einen guten Umgang mit den weltwirtschaftlichen Trends und bessere Rahmenbedingungen:

  • besserer Zugang zu den Kapitalmärkten für eine effizientere Unternehmensfinanzierung, außerdem eine nicht näher definierte Stärkung des Unternehmertums,
  • Reform der Hochschulen hin zu mehr Profilbildung und Wettbewerb, Chancengleichheit im Bildungswesen und Qualifizierung von Arbeitnehmern, insgesamt Ausbildung von einer Million Akademiker,
  • gezielte Investitionen in Infrastruktur wichtiger Branchen wie Telekom-, Energie- und Verkehrsnetze, denn ohne massive Investitionen sei die weltweite Spitzenposition in diesem Bereich in Gefahr.

Dass die Unternehmensberater dabei auch an einen Rückzug des Staates und Deregulierung denken, machen sie in mehreren Kapiteln klar. Damit es mehr Haushaltshelfer-Jobs gibt, brauche es "für Anbieter wie Nachfrager" einen attraktiven Rahmen - dann könne die Branche ein wichtiger Jobmotor werden.

Ähnliche Töne gibt es im Kapitel über das Gesundheitswesen, aus dem die "Welt" zitiert. Binnen Jahren könnte dort eine Million neuer Jobs entstehen - allerdings brauche es eine stärkere finanzielle Eigenbeteiligung der Patienten und einen weitgehenden Rückzug der öffentlichen Hand. Solche Reformen vorausgesetzt, könne die Branche überdurchschnittlich um 3,3 Prozent pro Jahr wachsen.

plö



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
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Baikal 04.05.2008
1. Die Märkte von McKinsey
Zitat von sysopAgenda 2020: Der Beraterkonzern McKinsey hat die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands in einer Studie untersucht. Ergebnis: Großen Teilen der Mittelschicht droht der soziale Abstieg - wenn das Land nicht in entscheidenden Zukunftsbranchen deutlich mehr Wachstum schafft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,551345,00.html
Und was wird McKinsey wohl empfehlen um den Abstieg zu verhindern? Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt etwa, damit ja Zeitarbeiter keinen Mindestlohn bekommen, sondern weiter besser ausgebeutet werden können? Den Rückzug des Staates etwa, damit wie jetzt bei der Bahn_privatisierung bessere Renditen rausgeschlagden wrden können: denn verhilft nicht der "Markt" zur besseren Allokation der Produktivitätskräfte wie jetzt in der Subprime-Krise? Oder werden es nur Steuersenkungen sein, damit die Leistungsträger von Ackermann bis Zimwinkel nicht mit dem scheuen Reh Kapital weiter flüchten gehen? Wann hat McKinsey schon mal etwas empfohlen, dass nicht der Marktliberalität geschuldet war? Noch nie und auch jetzt nicht.
texpresso 04.05.2008
2. Wachstumsschub?
Deutschland braucht vor allem einen Sozialschub, der Wachstumsschub allein wirds nicht richten. Wenn der Reichtum immer nur auf dem grossen Haufen landet, kann der Kuchen noch so fett sein, er wird nur den oberen Zehntausend noch mehr bringen. Dem Rest werden weiterhin nur die Krümel bleiben.
nixus, 04.05.2008
3. Berater...
und was sie leisten: http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Der-Unternehmensberater/forum-136609/msg-14833445/read/ ... wenn man Sie sich leistet.
Bernd Klehn 04.05.2008
4. Beraterkonzern McKinsey
Immer derselbe McKinsey Mist. Anstatt Ross und Reiter zu nennen, die dafür verantwortlich sind, dass trotz 184 Leistungsbilanzbilanzüberschuss, Fleiß, Können und Sparsamkeit nichts bei der breiten Massen ankommt, nämlich 242Nettokapitalexport, 20Milliarden EU Nettoüberweisungen, Stützung von Italien, Frankreich und Spanien über den Euro, Versenkung unseres Geldes auf den Kapitalmarkt, werden die alten Rezepte wieder vorgeholt, die genau zur Spaltung der Gesellschaft geführt hat.
autocritica, 04.05.2008
5. Zukunftsbranchen
Zitat von sysopAgenda 2020: Der Beraterkonzern McKinsey hat die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands in einer Studie untersucht. Ergebnis: Großen Teilen der Mittelschicht droht der soziale Abstieg - wenn das Land nicht in entscheidenden Zukunftsbranchen deutlich mehr Wachstum schafft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,551345,00.html
Vielleicht haben wir in Deutschland zu viele Consultants und zu wenige Impulsgeber in entscheidenden Zukunftsbranchen?
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