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McKinsey-Studie: Therapie-Suche für die kranke Mittelschicht

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Was denn nun, mehr oder weniger Staat? Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Während die Unternehmensberatung McKinsey eine firmenfreundlichere Politik und mehr Eigenverantwortung fordert, warnen Sozialwissenschaftler vor diesem Rezept. Sie halten das Gegenteil für richtig.

Hamburg - Es ist ein düsteres Bild, das McKinsey zeichnet: Die deutsche Mittelschicht, heißt es in der neuen Studie "Deutschland 2020", gerät "weiter unter Druck, weil die wirtschaftliche Basis für den Wohlstand breiter Bevölkerungsteile entfällt". Auf 19 Seiten fasst die Unternehmensberatung ihre Erfahrungen aus der täglichen Beratungsarbeit in Firmen aus unterschiedlichen Branchen zusammen.

In der Diagnose ist sich die Unternehmensberatung mit Sozialwissenschaftlern einig: Die Mittelschicht schrumpft, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Doch die Lösungsvorschläge könnten gegensätzlicher kaum sein.

McKinsey fordert mehr Wettbewerb, bessere Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und mehr Privatisierung - vor allem im Gesundheitswesen. In dieser Branche könnten auf diese Weise sogar eine Million neue Jobs entstehen. Empfohlen wird, dass die öffentliche Hand sich aus diesem Bereich weitgehend zurückzieht. Eine "neue Einstellung zum Unternehmertum" sowie "deutlich höhere Investitionen in Bildung und Infrastruktur" seien nötig, um die "Voraussetzungen für eine dauerhafte Wirtschaftsdynamik" zu schaffen. Der Kapitalmarkt könne zudem die wirtschaftliche Erneuerung "mit modernen Instrumenten zur Unternehmensfinanzierung" beschleunigen und zudem privaten Haushalten "attraktivere Anlagemöglichkeiten, vor allem für das Alterssparen, bieten".

"Wir erleben einen Pater-Noster-Effekt"

Für Christoph Butterwegge, Sozialwissenschaftler an der Universität zu Köln, sind das Vorschläge, die die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößern. "Wir erleben in unserer Gesellschaft einen Pater-Noster-Effekt: Die einen fahren nach unten, während die anderen gleichzeitig nach oben fahren." Die Reformen der vergangenen Jahre hätten das gezeigt: "Man hat den Spitzensteuersatz gesenkt und damit die Reichen noch reicher gemacht. Gleichzeitig wurde die Mehrwertsteuer, die Geringverdiener überproportional belastet, angehoben. Hinzu kommt die Einführung von Hartz IV, der immer stärkere Abbau der Sozialsysteme - all das führt dazu, dass die Gesellschaft auseinander bricht."

Auch Wolfgang Strengmann-Kuhn, Sozialwissenschaftler von der Universität Frankfurt und seit Anfang des Jahres Grünen-Abgeordneter im Bundestag, sieht die McKinsey-Vorschläge kritisch. "Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass Privatisierung in vielen Bereichen den Reichen nützt und den Armen schadet. Das Rezept müsse daher sein, weniger zu privatisieren und staatliche Transferleistungen zu verstärken." Um der Verarmung großer Teile der Bevölkerung entgegenzuwirken, müsse es eine negative Einkommensteuer - mit steuerlichen Zuschüssen für Geringverdiener - sowie eine Bürgerversicherung geben, die Vermögende in das Sozialsystem einbeziehe.

Also doch mehr Staat?

Die Reformen der vergangenen Jahre haben das Auseinanderdriften der Einkommensgruppen jedenfalls nicht aufgehalten: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte bereits im März fest, dass sich der Anteil der Menschen, die mehr als 200 Prozent des Durchschnittseinkommens beziehen, von 6,4 Prozent im Jahr 1996 auf 9,2 Prozent im Jahr 2006 erhöht hat. Dagegen stieg die Zahl der Armen in diesem Zeitraum: 1996 hatten noch 7,3 Prozent der Bevölkerung weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens zum Leben, 2006 betrug dieser Anteil schon 11,4 Prozent - Tendenz wachsend.

Kaufhaus für Hartz-IV-Empfänger

"McKinsey definiert merkwürdigerweise Menschen mit 70 bis 150 Prozent des Durchschnitteinkommens als Mittelschicht", kritisiert Butterwegge. "Ich würde sagen, dass jemand, der 70 Prozent des Durchschnitts verdient, nahe an der Verarmung liegt. Umgekehrt ist jemand, der beispielsweise 60.000 Euro im Jahr verdient, nach dieser Definition schon Oberschicht. Das würde ich so nicht sagen."

Dem Sozialwissenschaftler zufolge sollte der Spitzensteuersatz im Gegensatz zur aktuellen Politik angehoben werden. "Aber er sollte nicht wie jetzt ab rund 50.000 Euro gelten, sondern ab Einkommen von 120.000 Euro oder 150.000 Euro, also bei den wirklich Gutverdienenden." Auch Butterwegge befürwortet eine Bürgerversicherung, die Wohlhabende und Vermögende einbeziehe.

Die bisherige Politik hat Butterwegge zufolge zu Parallelwelten geführt: "In Deutschland entstehen auf der einen Seite zunehmend Viertel, in denen Reiche abgeschirmt leben und sich von privaten Sicherheitsdiensten beschützen lassen. Auf der anderen Seite eröffnet vergangene Woche in Köln ein neues Kaufhaus für Hartz-IV-Empfänger, in dem diese verbilligt Waren einkaufen dürfen. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist das eine katastrophale Entwicklung."

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Ähnlich verhalte es sich im Bildungswesen, für das McKinsey im universitären Bereich mehr Wettbewerb und stärkere Autonomie fordert. "Wer es sich leisten kann, geht dann zur Privatuniversität, während der Facharbeiter, der ganz klar zur Mittelschicht zählt, seine Kinder, wenn überhaupt, zur staatlichen Uni schicken kann." Wöchentlich eröffne eine neue Privatschule in Deutschland. "Es entsteht schon bei Kindern entweder ein elitäres Bewusstsein oder das Wissen, dass man sein Leben lang Hartz-IV-Empfänger sein wird."

Schlagworte wie "mehr Eigenverantwortung" und "mehr Wettbewerb" hält Butterwegge für den Versuch, soziale Verantwortungslosigkeit zu kaschieren. "Wettbewerb ist gut, wenn er fair ist, wenn Chancengleichheit gilt und wenn die Beteiligten ihn wollen." Andernfalls führe er zu Frustrationen, Aggressionen und dazu, dass wenige zu Millionären aufsteigen, die meisten Menschen aber nach unten absteigen würden.

Aus McKinsey-Kreisen ist zu hören, dass man sich über jede Kritik an der Studie freut. "Deutschland 2020" biete lediglich eine wirtschaftliche Perspektive und sei keine politische Agenda. "Unser Ziel ist, einen Beitrag zu leisten zur Diskussion über die wirtschaftliche und damit letztlich auch gesellschaftliche Zukunft Deutschlands", heißt es in der Studie.

Das dürfte gelungen sein.

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