Tipps vom Mediator Wie Sie Erbstreit vermeiden 

Manche Erben kämpfen bis aufs Blut um Opas Briefmarken, es könnte ja ein Schatz sein. Der Bielefelder Anwalt Stephan Konrad ist darauf spezialisiert, bei Erbstreitigkeiten zu vermitteln. Was rät er seinen Mandanten?

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SPIEGEL: Herr Konrad, warum streiten so viele Familien ums Erbe?

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Konrad: Weil die Lebensverhältnisse der Menschen komplizierter werden. In Patchwork-Familien gibt es viel Ärger. Oder wenn die späte Geliebte des Verstorbenen mit den leiblichen Kindern streitet. Oder wenn plötzlich ein uneheliches Kind auftaucht. Ich stelle aber auch fest, dass die Menschen insgesamt stärker auf ihren Vorteil aus sind als früher. Von hundert Fällen erlebe ich vielleicht zwei, wo einer der Erben sagt: Hier komm, ich verzichte, lass gut sein.

SPIEGEL: Es gibt ja auch mehr Geld als früher zu verteilen, oder?

Konrad: Ach, wissen Sie, die Menschen streiten um jede Kleinigkeit. Um alte Stühle, altes Werkzeug. Oder um einen alten Pelzmantel. Dabei kenne ich keinen Menschen, der heute noch mit einem Pelz herumläuft. Manche Erbstücke sind auch deshalb so umkämpft, weil sie mit Erinnerungen verbunden sind. Wir Fachleute sprechen dann von einem hohen Affektionsinteresse.

SPIEGEL: Was ist mit Münzen, Briefmarken, Kunst?

Konrad: Viele Erben haben völlig unrealistische Erwartungen, was den Verkaufswert solcher Sammlerschätze betrifft. Es gibt Erben, die glauben, sie könnten sich ein Haus leisten, wenn sie Opas Briefmarken verkaufen. Dann gehen sie mit der Sammlung, einmal Deutsches Reich komplett, zum Händler und der bietet 500 Euro. Für alles. Da bricht für manchen eine Welt zusammen. Oder Omas Schmuck. Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Die Goldschmiedekunst zählt häufig fast nichts. Sie können nur den Edelstein herausbrechen und das Gold nach Gewicht verkaufen; mehr geht in der Regel nicht.

SPIEGEL: Als Mediator müssen Sie zwischen den zerstrittenen Parteien vermitteln; wie gehen Sie vor?

Konrad: Wichtig ist, dass alle Beteiligten freiwillig mitmachen, da nur so eine Mediation erfolgreich sein kann. Aber möglichst auch nur die Beteiligten! Also keine Ehepartner und Freunde, die können die Annäherung empfindlich stören. Zu Beginn der Mediation kläre ich über die Regeln auf: Der Mediator führt das Gespräch; Beleidigungen und aggressives Verhalten werden nicht akzeptiert und führen notfalls zum Abbruch.

SPIEGEL: Und das reicht?

Konrad: Fürs Erste. Viele Beteiligte sind geradezu froh, in Gegenwart eines Mediators die vorhandenen Probleme erörtern zu können. Zu ermitteln sind im Gespräch zunächst die eigentlichen Interessen der Beteiligten, die hinter ihren Positionen stehen. Danach lasse ich zur Lösung der Probleme ein Negativszenario entwickeln und frage in die Runde: Was müsste denn passieren, damit die Situation so vor die Wand fährt, dass jede Lösung ausgeschlossen ist?

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SPIEGEL: Und?

Konrad: Im Negativdenken sind Menschen sehr kreativ; die Ideen sprudeln. Danach reden wir darüber, wie wir aus dem Negativszenario herauskommen und überlegen, ob das Gegenteil dieser Ideen eine Lösung verspricht. Die Lösung muss letztlich von den Beteiligten selbst kommen. Das gilt natürlich auch in Fällen, bei denen das Testament so angelegt ist, dass es Streit geben muss.

SPIEGEL: Wie das?

Konrad: Manche Erblasser sind einfach boshaft, manche gedankenlos. Ein Testament wird mitunter sogar missbraucht, um einzelne Nachfahren ein letztes Mal zu bestrafen. So wird manchmal Streit in die nächste Generation getragen, obwohl diese eine solche Auseinandersetzung nicht will. Solchen Erben gebe ich auch den Tipp: Ihr seid nicht gebunden an das, was im Testament steht. Wenn ihr euch alle einig seid, könnt ihr auch für euch eine komplett andere Lösung finden

SPIEGEL: Wie gehen Sie mit Erbstücken um, an denen das von Ihnen erwähnte große Affektionsinteresse besteht?

Konrad: Ich habe zum Beispiel Aufkleber dabei, um Stücke zu kennzeichnen, die einzelnen Beteiligten wichtig sind. Bei Doppelnennungen muss dann das Los entscheiden. Man kann auch in ausgeloster Reihenfolge zugreifen lassen, bis alles verteilt ist. Meine Aufgabe ist es dann, die Verhandlungsergebnisse für alle sichtbar auf einem Flipchart festzuhalten; die Beteiligten erhalten nach jeder Sitzung die abfotografierten Aufzeichnungen.

SPIEGEL: Was raten Sie Menschen, die möchten, dass es nach ihrem Tod friedlich bleibt?

Konrad: Manche Erblasser, ich nenne sie die Herrscher aus der Gruft, wollen ihre Familie über ihren Tod hinaus beherrschen durch Auflagen, Bedingungen. Ich rate dringend davon ab. Eine vernünftige, mit den Bedachten abgesprochene erbrechtliche Verfügung, die den Nachlass für die nächste Generation regelt, verspricht am ehesten Erfolg, ohne die Zukunft aller zu belasten.

SPIEGEL: Und hören Ihre Mandanten auf Sie?

Konrad: Fast jeder meiner Mandanten träumt davon, dass seine Liebe über seinen Tod hinauswirkt. Seine Erben rühmen seine Großzügigkeit und behalten ihn in dankbarer Erinnerung - so stellt man sich das gerne vor. Aber es kann auch ganz anders kommen, und deshalb warne ich meinen Mandanten: Ohne vernünftige Regelungen werden sich Ihre Erben an Ihrem noch offenen Grab zerstreiten. Der Streit wird Jahre dauern. Und während die eine Hälfte Sie im Laufe der Zeit vergisst, wird Sie die andere Hälfte zur Hölle wünschen und dafür hassen, was Sie der Nachwelt angetan haben.



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