Medikamenten-Skandal Pharma reich, Arzt versorgt, Patient tot

In den USA stehen Bestseller-Medikamente in der Kritik. Mehrere Anämie-Mittel sollen tödliche Nebenwirkungen haben. Mehr noch: Den Herstellern wird vorgeworfen, Ärzten Hunderte Millionen Dollar gezahlt zu haben, damit sie höhere Dosierungen verschreiben.

Von , New York


Wer liest bei Medikamenten schon die Packungsbeilage? Etwa bei Procrit, einer US-Arznei gegen Blutarmut: Vier kleingedruckte Seiten umfasst der Zettel, mit Hinweisen und Grafiken zur korrekten Injektion. Darunter findet sich auch dieser Satz: "Wird Ihr Hämoglobin zu hoch gehalten, steigern Sie das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzstillstand, Blutgerinsel und Tod." Und für Krebspatienten: "Ihr Tumor könnte schneller wachsen."

Anämie-Mittel Aranesp: Black-Box-Warnung wegen potentiell tödlicher Nebenwirkungen
Getty Images

Anämie-Mittel Aranesp: Black-Box-Warnung wegen potentiell tödlicher Nebenwirkungen

Manche Medikamente können killen. Offenbar auch der Anämie-Bestseller Procrit, oft bei der Chemotherapie eingesetzt und hergestellt von Ortho Biotech, einer Tochter des Pharma-Weltkonzerns Johnson & Johnson (J&J). Wegen potentiell tödlicher Nebenwirkungen musste Ortho Biotech es jetzt mit einer "Black-Box-Warnung" versehen. Gleiches gilt für Aranesp und Epogen, zwei ähnlich populäre Anämie-Mittel des Biotech-Unternehmens Amgen.

Die US-Gesundheitsbehörde FDA befasst sich heute auf einer Sondersitzung mit den Risiken der drei Marktrenner, die zur Klasse der "Erythropoese-stimulierenden Wirkstoffen" (ESA) gehören. Die FDA - die der US-Senat gestern mit neuer, weitreichender Autorität zur Arzneikontrolle versah - will den ESA-Einsatz notfalls stark reduzieren. "Studien haben bis heute nicht demonstrieren können", heißt es in einer FDA-Vorlage, "dass ESA's die Überlebenschancen verbessern." Im Gegenteil.

"Millionen Menschen geholfen"

Der wahre Skandal aber reicht viel tiefer. Wie die "New York Times" jetzt enthüllte, haben Ortho Biotech und Amgen Hunderte Millionen Dollar Prämien an US-Ärzte gezahlt, damit diese nicht weniger, sondern sogar noch mehr ESA's verschreiben. Die Folge: Ärzte in den USA verschreiben pro Patient mehr als doppelt so viele ESA-Dosen wie ihre Kollegen in europäischen Ländern und kassieren dabei munter ab - was natürlich auch den Pharmakonzernen hilft.

Procrit, Aranesp und Epogen gehören zu den meistverkauften Medikamenten der Welt. 2006 fuhren sie insgesamt fast zehn Milliarden Dollar ein. Ein Verlust dieser Geldquelle wäre verheerend für die Hersteller. Amgen bestreitet fast die Hälfte seines Umsatzes mit Aranesp und Epogen. "Amgen-Therapien haben Millionen Menschen im Kampf gegen Krebs, Nierenleiden, rheumatische Arthritis und andere schwere Krankheiten geholfen", rühmt sich der Konzern in seiner letzten Jahresbilanz.

ESA's fördern die Produktion roter Blutzellen (Hämoglobin). Sie werden oft bei chronischem Nierenversagen, Chemotherapie, schweren Operationen und bei der HIV-Behandlung mit dem Aidsmittel AZT injiziert, um das Anämie-Risiko zu verringern und Bluttransfusionen zu vermeiden. In den USA bekommen rund eine Million Patienten im Jahr ESA's verabreicht.

"Extrem geringer" Nutzen

Deren womöglich tödliche Gefahr wurde erstmals im März breiter publik. Da verpasste die FDA Procrit, Aranesp und Epogen zusätzliche Warnungen. "Jüngste Studien von ESA's haben ein größeres Risiko ernsthafter und lebensbedrohlicher Nebeneffekte und eine größere Zahl von Todesfällen bei Patienten ergeben, die damit behandelt wurden", befand die Behörde. Auch könnten ESA's dazu führen, dass Krebstumore schneller wachsen, und zwar vor allem dann, wenn die Hämoglobinwerte auf über 12 Gramm pro Deziliter Blut stiegen.

Gestern verschärfte die FDA ihre ESA-Warnungen noch weiter. Während neue Studien die Risiken der ESA's bestätigten, sei ihr Nutzen "extrem gering, wenn überhaupt vorhanden", hieß es in einem Bericht, der die Grundlage der heutigen Sitzung bildet. Auf der will die FDA unabhängige Experten anhören.

"Amgen ist den höchsten Ansprüchen der Patientensicherheit verpflichtet", erklärte das Unternehmen im kalifornische Thousand Oaks. ESA's hätten das "Anämie-Management" von weltweit bisher rund vier Millionen Menschen verbessert. In der richtigen FDA-Dosierung seien Aranesp und Epogen ungefährlich.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.