"Megatrends"-Prophet Hellsehen für Anfänger

Er hat das Wort "Megatrend" erfunden und die "Globalisierung" bekannt gemacht: Seit mehr als 20 Jahren verblüfft der US-Autor John Naisbitt mit Prognosen über die Zukunft. Jetzt legt er ein neues Buch vor – und verrät, mit welchen Tricks er das Künftige aufdeckt.


Wien - "Stellen Sie sich in die Kabine, ich beam' Sie hoch", witzelt John Naisbitt durch die Sprechanlage des restaurierten Jugendstilhauses. Der alte, ruckelnde Aufzug stammt mindestens aus den Fünfzigern. Der Guru aller Zukunftsforscher wohnt in der wohl altmodischsten Metropole der Welt, in Wien. Um die Ecke gemütliche Cafés und Gottschalks Münzwäscherei, durch die Nachbarstraße rattern rote Straßenbahnen.

Futurologen-Guru Naisbitt: "Als ich acht war, wurde überall die nächste Eiszeit vorausgesagt"
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Futurologen-Guru Naisbitt: "Als ich acht war, wurde überall die nächste Eiszeit vorausgesagt"

Er schätze diesen alten Charme genau wie das europäische Kunstverständnis, erklärt Naisbitt.

Äußerlich hat Naisbitt tatsächlich etwas Prophetisches. Weißer struppiger Bart, die Brauen sitzen schräg über den wässrig-eindringlichen Augen. Er trägt T-Shirt und Jeans, beides schwarz. Aber er mag das Image des schrägen Zukunftsforschers nicht. "Ich sehe mich mehr als Student und Lehrer", sagt er.

Das ist fast unverschämt bescheiden. Denn Naisbitt ist mehrfacher Bestseller-Autor und 15-facher Ehrendoktor. Seinen Ruhm verdankt er vor allem seinem 1982 erschienen Bestseller "Megatrends": Damals sagte er als einer der ersten den Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft voraus, beschrieb die Grundzüge der Globalisierung. Oft wird er sogar als Erfinder des Begriffs gefeiert - das stimmt zwar nicht, doch bekannt gemacht hat Naisbitt das Wort allemal. Auch heute reist er noch mehrere Monate im Jahr umher, hält in der Welt Vorträge darüber, wie die Zukunft aussehen könnte. Sein neuestes Werk "Mindsets" wurde ad hoc in 37 Ländern verlegt.

Das Buch ist über weite Strecken typisch für den großen Guru der Futurologie: ein Sammelsurium spannender Beobachtungen, bizarrer Ideen und mahnender Worte. Glaubt man Naisbitt, werden die USA die Welt in den kommenden Jahrzehnten dominieren "wie einst die Römer"; China wird weiter boomen, Indien jedoch nicht - dort gehe das Wachstum schließlich nur vom IT-Sektor aus. Europa sei eher auf dem Weg "zu einer Art Erlebnispark für reiche Asiaten und Amerikaner als zur wirtschaftlich dynamischsten Region der Welt".

Der Nationalstaat sei als wirtschaftliche Einheit außerdem überholt, globale Branchen-"Domains" seien die ökonomisch entscheidenden Einheiten. Deshalb werde das Brutto-Inlands-Produkt durch das globale Brutto-Domain-Produkt abgelöst.

Unerschütterlicher Optimist

Nach der Lektüre schwirrt einem der Kopf. Die Menge an Fakten und Daten ist erschlagend und unmöglich nachzuprüfen, Naisbitt hat in seiner Beratungsfirma nicht umsonst über Jahre Legionen von Mitarbeitern mit der Auswertung von Zeitungen und Studien aus aller Welt beschäftigt. Immer neue Zahlen hat er parat, sein Gedächtnis ist beeindruckend. Wenn er ins Stocken gerät oder unterbrochen wird, schließt er die Augen, breitet die Arme mit nach oben gerichteten Handflächen aus wie zur Meditation, und führt den Satz konzentriert und mit dröhnender Stimme zu Ende.

Eigentlich trägt der 78-Jährige bei einem Gespräch einfach ein wildes Potpourri der wichtigsten Überzeugungen vor, zu denen er im Laufe seines Futurologenlebens gelangt ist. Da kann es in einem Moment um den Klimawandel gehen – die Diskussion geißelt er seit Jahrzehnten als hysterisch. "Als ich acht Jahre alt war, wurde noch überall die nächste Eiszeit vorausgesagt. Mit der gleichen Dringlichkeit. Ich hatte wahnsinnige Angst davor", erzählt er dann gern. Im nächsten Augenblick ist er bei der europäischen Verfassung, "die wohl schlechteste Verfassung, die jemals gemacht wurde", findet er, "ein wildes Gestrüpp sinnloser Regeln und Vorschriften".

Doch selbst Wissenschaftler, die sonst die Zukunftsforschung als Kaffeesatzleserei mit pseudowissenschaftlichen Methoden verteufeln, schenken Naisbitt Gehör. Schon ein Blick auf seinen Lebenslauf reicht schließlich, um zu ahnen, dass der Mann einiges von der Welt mitbekommen hat. Als Sohn eines Busfahrers und einer Näherin wuchs er in einer Mormonengemeinschaft in Utah auf. Die verließ er mit 19, weil er nicht - wie verlangt wurde - missionieren wollte. Abenteuerlust trieb ihn zur Marine. Dort bekam er sein erstes richtiges Buch in die Finger - die fiktionale Van-Gogh-Biografie "Lust for Life" von Irving Stone.

Regierungsberater bei Kennedy und Johnson

Danach las er alles, was er bekam, studierte in Harvard und an der Universität Cornell. Im Laufe seines wechselhaften Berufslebens war er unter anderem Pressesprecher bei Kodak, Manager bei IBM, Regierungsberater im Stab von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Zwischendurch reiste er durch Vietnam, versuchte sich als Künstler. Einer seiner Siebdrucke mit Marilyn-Monroe-Porträts hängt noch in seinem sonnendurchfluteten Apartment.

Das Label Zukunftsforscher bekam Naisbitt erst mit 53: Sein "Megatrends"-Buch verkaufte sich über neun Millionen Mal, erschien in 57 Ländern, Naisbitt wurde zu einem der gefragtesten Redner der Welt und vermutlich zum mehrfachen Millionär. Und er legte in regelmäßigen Abständen nach, prophezeite die "Asiatisierung" der Weltwirtschaft oder sprach über die Bedeutung von Bio- und Gentechnologie in den kommenden Jahrzehnten. Auf "Megatrends" folgten "Megatrends 2000", "Megatrends für Frauen", "Megatrends Asien".

Das wohl wichtigste Erfolgsgeheimnis seiner Bücher ist der größte Kritikpunkt seiner Gegner: Naisbitts unerschütterlicher Optimismus. Er sagte wirtschaftliche Blütezeiten voraus, beschwor den Segen des freien Marktes, den Siegeszug der Kunst, die Entfaltung des Individuums. Von psychischen Krankheiten, Aids, Armut, Gewalt, gar Terrorismus oder Umweltkatastrophen ist in seinen Werken nichts oder nur wenig zu lesen.

Sicher – Naisbitt mahnt auch Verantwortungsbewusstsein an, etwa im Umgang mit der Gentechnik. Doch seine Visionen steuern immer auf ein Happy End hin. Für den Leser ist das sehr beruhigend. Für Naisbitts Kritiker grenzt es an Ignoranz.

Beim Durchblättern von Naisbitts Büchern fällt schnell auf, dass er oft genug gründlich daneben liegt. Der Tag, an dem in Amerika die partizipatorische Demokratie die repräsentative ablöst, ist wohl genauso weit weg wie der, an dem Kunst als allgemeine Freizeitbeschäftigung wichtiger wird als Sport. "Die Hälfte seiner Vorhersagen liegt schon in der Luft und die andere Hälfte trifft nicht ein", sagt ein Kritiker. Naisbitt kümmert das nicht. Irrtümer seien beim kreativen Denken unausweichlich, sagt er.

"Jeder würde von mir erwarten, dass ich perfekt bin"

Naisbitts eigentliches Problem wird schon in den ersten Minuten des Gesprächs klar. Er habe das Deutschlernen schnell gelassen, erzählte er da, "denn jeder würde sofort von mir erwarten, dass ich perfekt bin." So scheint es immer zu sein: Man erwartet das Unmögliche von ihm. Deshalb fielen auch einige Reaktionen auf sein neues Buch sehr verhalten aus. Denn seine neuesten Gedankenspielchen stehen darin eigentlich gar nicht im Vordergrund: Naisbitt will den Leser in das Geheimnis der Zukunftsforschung einweihen. Insgesamt zehn "Mindsets" beschreibt er – Analyse-Raster, nach denen er Informationen verarbeitet.

Die Ratschläge sind erschütternd banal. "Während vieles sich ändert, bleibt das meiste bestehen", heißt es da etwa. Oder: "Behalten Sie den Spielstand im Auge". Was soviel heißt wie: "Vergleichen Sie Zahlen und Fakten."

Doch was hatte man erwartet? Naisbitt, der früher begeisterter Marathonläufer war, hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass seine Analysen zuallererst Fleißarbeit bedeuten. Ob er verstehe, dass mancher Kritiker den ungeheuren Hype um seine Werke übertrieben findet? "Natürlich", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Das stört mich nicht." Seine Gabe ist es, interessante Schlüsse und teils wilde Ideen zu entwickeln, um die Ecke zu denken. Oder aber das eigentlich Offensichtliche richtig zu formulieren.



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