Messias- Geschäfte Eine Marke namens Jesus

Religiöse Produkte sind in den USA ein höllisch gutes Geschäft - nicht erst seit Mel Gibsons "Passion". Christliche Superhelden, Armageddon-Romane oder Bibel-Illustrierte erzielen Rekordumsätze. Das blutige Kinospektakel beschert den Jesus-Händlern wunderbare Gewinne.


Superheld Bibleman: Jesus und der Lichtsäbel

Superheld Bibleman: Jesus und der Lichtsäbel

New York - Ist es ein Engel? Ist es ein Heiliger? Nein, es ist Bibleman! Anders als sein ungläubiger Kollege Superman lässt er sich nicht von ein bisschen Kryptonit in die Flucht schlagen, denn er bezieht seine Kraft direkt aus der Heiligen Schrift. Auch den fiesen Prinz des Stolzes, der Bibleman vermittels eines Megavolt-Egomanie-Strahls in einen arroganten Kotzbrocken verwandeln wollte, hat der Täter aller guten Taten letztlich besiegt. Dank Jesu und seines Lichtsäbels, mit dem er dem Prinzen etwas Gottesfurcht in den Schädel gedroschen hat.

Bibleman ist nur eines von Dutzenden Produkten, die amerikanischen Kindern das Christentum näher bringen sollen. Doch auch sämtliche anderen Altersgruppen werden in den USA in einem Maße mit religiösem Merchandising bedient, das für Europäer unvorstellbar ist. Während christliche Literatur in Deutschland bei Hugendubel oder Thalia ein Regal einnimmt, sind es bei Barnes & Noble auf der New Yorker Fifth Avenue zwanzig.

Leinwand-Massaker "Die Passion Christi": Verkaufsschlager Jesus
AP

Leinwand-Massaker "Die Passion Christi": Verkaufsschlager Jesus

Die Amerikaner sind wesentlich religiöser als die Europäer - etwa 80 Prozent der Bevölkerung glaubt an Gott, im säkularen Europa sind es nur 40 bis 60 Prozent. Zudem geben die Amerikaner mehr Geld für ihren Glauben aus. Mel Gibsons Rekordfilm "Die Passion Christi", der an Ostern seine Wiederauferstehung feierte und den Zombiestreifen "Dawn of the Dead" von Platz Eins verdrängte, ist das derzeit augenfälligste Symptom eines Trends, der sich bereits seit Jahren abzeichnet: Jesus ist ein Verkaufsschlager und den Amerikanern kein christliches Produkt zu absurd.

Das Hochglanz-Evangelium

Als Pionier des modernen Messias-Marketing gilt Duane Pederson, ein Bauchredner aus Montana, der in den frühen Siebzigern das religiöse Magazin "Hollywood Free Paper" verlegte. Um sein Gratisblatt zu finanzieren, verkaufte er T-Shirts mit Aufschriften wie "High von Jesus" und Autoaufkleber mit dem Slogan "Hupt, wenn Ihr Jesus liebt". Das Jesus-Merchandising war geboren.

Pedersons Blatt ist Geschichte, aber Firmen wie Thomas Nelson Inc., der weltweit größte christliche Verlag, sehen goldenen Zeiten entgegen. In den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres hat das 1798 gegründete Unternehmen 68 Prozent mehr verdient als im Vorjahr. "Das ist wohl unser bestes Jahr aller Zeiten", freut sich Vorstandschef Sam Moore. Nelsons derzeit größter Verkaufsschlager: das gute alte Neue Testament in einer speziell auf junge Mädchen zugeschnittenen Version mit dem schmissigen Titel "Revolve".

"American Jesus": "Nur wenige haben ein Problem damit"

"American Jesus": "Nur wenige haben ein Problem damit"

Der Verlag hat "Revolve" wie "Cosmopolitan" oder "Young Miss" aufgemacht: schön bunt, schön kleinteilig. In der Rubrik "Beauty & Secret" gibt es zum Beispiel den Tipp: "Nutze die Zeit, während du deine Sonnencreme aufträgst, um mit Gott zu sprechen. Sag ihm, wie dankbar du bist, dass er dich geschaffen hat." Auch in Sachen Liebe gibt "Revolve" Ratschläge: "Gehst Du mit einem gottesfürchtigen Typ?" Eine Passage, die Mädchen erklärte, dass Jungs nach Gottes Willen in einer Beziehung die Führung übernehmen sollten, hat Nelson nach Protesten entfernt. Vierzigtausend Exemplare ließ der Verlag aus Nashville zunächst drucken - und unterschätzte damit die Nachfrage um einige Hunderttausend Stück. Zu Ostern erschien eine Version für Jungen ("Refuel"), demnächst folgt eine für Frauen ("Becoming").

Action und Armageddon

Steven Prothero, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Boston, glaubt, "dass wir uns in der Mitte eines Jesus-Booms befinden". Der Autor eines Buches über das Jesus-Phänomen prognostiziert, dass vor allem Gibsons Film das Interesse der Amerikaner an christlichen Themen weiter verstärken wird - ähnlich wie das Musical "Jesus Christ Superstar" in den Siebzigern oder der Film "King of Kings" in den Zwanzigern. Die Kommerzialisierung Jesu kritisch zu sehen, ist nach Ansicht Protheros typisch europäisch. "Klar, die Leute verdienen hier viel Geld mit Jesus. Aber nur wenige Menschen haben ein Problem damit." Auch eher schräge Produkte wie Bibleman sind nach Ansicht des Religionswissenschaftlers Ausdruck des amerikanischen Pragmatismus. "Man fragt sich, wie man Kindern häufig trockene religiöse Themen nahe bringen kann."

Doch auch für Erwachsene wird die Bibel aufgepeppt. In der christlichen Buchserie "Left Behind" des Predigers Tim LaHaye knallt und blitzt und raucht es in einem fort. Mit mehr als 60 Millionen verkauften Exemplaren ist die Serie eine der bestverkauften Belletristik-Buchreihen überhaupt. LaHayes Thema: Armageddon und die letzen Tage. Die Geschichte der mittlerweile zwölf Bände im Schnelldurchlauf: Eines Tages verschwinden auf einen Schlag alle wahren Christen vom Antlitz der Erde. Kurz darauf installiert eine meistenteils aus Europäern bestehende Verschwörergruppe eine Uno-Weltregierung unter der Führung des charismatischen Rumänen Nicolae Carpathia. Letzterer erweist sich dummerweise als der leibhaftige Antichrist und verheert den gesamten Planeten. Zum Schluss kehrt Christus zurück und das Gute siegt über den Satan. Vor allem Dank des neuesten Romans "Glorious Reappearing" konnte die Evangelical Christian Publisher's Association für Februar im Vergleich zum Vorjahr einen Umsatzanstieg von mehr als 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr vermelden.

"Left Behind": Armageddon und die letzten Tage

"Left Behind": Armageddon und die letzten Tage

Prothero weist darauf hin, dass christliche Produkte keineswegs nur von einer Minderheit erzkonservativer Bible-Belt-Zeloten gekauft werden. "Das ist ein Thema für alle Schichten. Auch Demokraten lieben Jesus." Die LaHaye-Serie bestätigt Protheros These: Laut Daten des Marktforschers Ipsos-NPD werden die Bücher von allen Altersschichten, Konfessionen und Ethnien gelesen.

Den Heiland zu Geld zu machen, bemerkt Prothero spitz, sei übrigens eine europäische Erfindung und keine amerikanische. "Wenn die Leute früher Pilgerfahrten nach San Sebastiano oder anderswohin unternahmen, dann konnten sie auf dem Weg dorthin alles kaufen, von Votivkerzen über Essen bis zu Jesusstatuetten." Die Europäer mögen das Geschäftsmodell erfunden haben, doch die Amerikaner haben es perfektioniert.



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