Metall-Einigung Hubers Angst vor der Basis

Das breite Lob für den Tarifabschluss in der Metallindustrie klingt wie das Pfeifen im Walde. Denn der Kompromiss bleibt weit hinter den ursprünglichen Forderungen der Gewerkschaft zurück. Die bange Frage lautet: Wird die Basis das Ergebnis mittragen?


Sindelfingen/Frankfurt am Main - Das Vertragswerk ist kompliziert - und sofort nach dem hart errungenen Abschluss in der Metall- und Elektroindustrie hat die Diskussion begonnen. Während die IG Metall die Tabellenerhöhung um 4,2 Prozent über 18 Monate in den Vordergrund stellt, rechnen die Unterhändler der Arbeitgeber den Mitgliedsunternehmen vor, dass sie der neue Tarifvertrag im kommenden Jahr zwischen 1,24 und 2,85 Prozent koste. Unbestritten dürfte aber sein, dass der erste Abschluss von Berthold Huber als IG-Metall-Chef gemessen an der Forderung nach acht Prozent mehr Geld in zwölf Monaten eher bescheiden dasteht.

Opel-Produktion: Die Autoindustrie hätte sich Kurzarbeitergeld gerne aus der Streikkasse der Gewerkschaften bezahlen lassen
DDP

Opel-Produktion: Die Autoindustrie hätte sich Kurzarbeitergeld gerne aus der Streikkasse der Gewerkschaften bezahlen lassen

"Es ist kein Ergebnis, das uns in Euphorie fallen lässt", räumte Huber bei der Vorstellung des Tarifvertrags denn auch ein. Angesichts der "historisch schwierigen Lage" im Zuge der Finanzmarktkrise sei es jedoch ordentlich. Huber scheint indes jedoch mit Kritik von Seiten der Basis zu rechnen: Rein vorsorglich zur Beschwichtigung betonte er seine Zweifel, ob mit einem Arbeitskampf mehr erreicht worden wäre.

"Das ist ein achtbares Ergebnis in schwieriger Zeit", sagte auch der Bezirksleiter des Tarifbezirks Frankfurt am Main, Armin Schild - auch wenn es niemanden zu Euphorie verleite. "Die Alternative wäre ein sehr schwierig zu führender Arbeitskampf gewesen." Der Gewerkschafter erwartet aber deutliche Kritik an dem Abschluss, "vor allem von Beschäftigten aus einer kleinen Zahl von Unternehmen, deren wirtschaftliche Lage höhere Zahlungen gerechtfertigt hätte." Mehr als die Hälfte der Belegschaften würden das Ergebnis nach seiner Einschätzung eher mit Erleichterung aufnehmen.

Beschwichtigungsadressen an die Basis

Die Einigung von Sindelfingen 2008 liegt im Gesamtvolumen deutlich unter Sindelfingen 2007, darüber sind sich Experten einig. Offenbar wollte Europas mächtigste Gewerkschaft einen Arbeitskampf im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld nicht riskieren. An der Kampfbereitschaft der Mitglieder hat es nicht gelegen, denn die Menschen wollen einen Ausgleich für die ständig steigenden Lebenshaltungskosten.

Außerdem sind sie nicht bereit, für die Milliardenfehler der Banken und Spekulanten zu büßen, die den Steuerzahler noch viel Geld kosten werden. Das haben sie vergangene Woche bei der massiven bundesweiten Warnstreikwelle mit fast 600.000 Beteiligten lautstark zum Ausdruck gebracht. Die von den staatlichen Milliardenhilfen für die Banken befeuerte Wut war dabei mit den Händen zu greifen.

Ein ausgedehnter Arbeitskampf wäre aber insbesondere in der kriselnden Autobranche kaum möglich gewesen, wo die IG Metall traditionell ihre stärksten Bataillone hat. Wegen der Absatzkrise stehen Freischichten und Entlassungen - vorerst nur der Zeitarbeiter - auf dem Programm - bei den Autoherstellern ebenso wie bei den Zulieferern. Das Kurzarbeitergeld hätte man sich gerne aus der Streikkasse der IG Metall bezahlen lassen.

Flächendeckender Streik ohne Chance

Die Streikpläne der sieben IG-Metall-Bezirke für die Branche mit 3,6 Millionen Beschäftigten konzentrierten sich daher notgedrungen auf den Maschinenbau, die Luftfahrtindustrie und einzelne "Exoten" mit vollen Auftragsbüchern. Hier ist die Neigung zu harten Arbeitskämpfen aber deutlich weniger verbreitet als etwa bei Daimler oder Opel.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise können sich aber vor allem die Autoleute mit dem Ergebnis arrangieren. Es sei zwar kein Grund zum Jubeln, aber "bestimmt nicht schlecht genug, um es abzulehnen", sagte Ford-Betriebsratschef Dieter Hinkelmann der "Kölnischen/Bonner Rundschau". Die ursprüngliche Acht-Prozent-Forderung der IG Metall sei seinerzeit sicher nicht zu hoch gewesen, aber: "Ich bin seit 39 Jahren im Tarifgeschäft, ich habe noch nie erlebt, dass sich in dem Zeitraum von der Aufstellung der Forderung bis zum Verhandlungsbeginn die Bedingungen so stark geändert haben."

Die IG-Metall-Forderung nach acht Prozent mehr Geld stammte aus der Zeit vor der Finanzkrise und ihren überraschend schnellen Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Bereits während der Friedenspflicht wurden deshalb die Fragen immer lauter, wie die acht Prozent noch in die Landschaft von Stagnation und Rezessionsangst passe.

Gewerkschaftsnahe Ökonomen wie Gustav Horn betonten neben dem Argument der Gerechtigkeit die stimulierenden Folgen der Lohnerhöhungen auf den Konsum und verlangten zusätzliche Konjunkturspritzen aus den öffentlichen Kassen. Hans-Werner Sinn vom Münchner ifo-Institut hielt dem entgegen: "Höhere Löhne sind das sicherste Mittel, die Binnennachfrage wieder kaputtzumachen."

Kaufkraftgewinn für untere Lohngruppen

Der Tarifexperte Reinhard Bispinck von der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung verweist auf die nun vereinbarten Einmalzahlungen zu Beginn der Laufzeit, die den unteren Lohngruppen überproportional zugute kämen und direkt in den Konsum laufen dürften. "Mit der zweiten Stufe der Tabellenerhöhung ab Mai liegt das Plus zudem deutlich über der zu erwartenden Preissteigerung", sagt er. Die Arbeitgeber können diesen Schritt allerdings bis in den Dezember verzögern, wenn das Geschäft nicht läuft.

Ein tieferer Grund für die offensive Forderung war die bei der IG Metall weit verbreitete Auffassung, dass man von dem vorangegangenen Aufschwung nicht genug abbekommen habe. Insbesondere die zweite Stufe des Tarifvertrags aus dem Mai 2007 (1,7 Prozent plus auf fünf Monate) sei für die Hochkonjunktur deutlich zu gering ausgefallen. Obwohl die Gewerkschaft offiziell nicht mit dem Nachholbedarf argumentierte, war auch den Arbeitgebern klar, dass dies noch mal vorgelegt würde.

"Man muss aber die beiden Abschlüsse 2008 und 2009 in der Gesamtheit sehen, so dass es von der Gesamtbelastung her passt", sagt Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Die Unternehmen seien allerdings in der schwierigen Lage, im deutlich schlechteren Jahr 2009 den Ausgleich zahlen zu müssen. Bei Problemen sei der flexible Einstieg in die zweite Stufe hilfreich.

Für einige Unternehmen ist aber selbst die vereinbarte Flexibilität noch zu teuer - Infineon gehört dazu. Kurz nachdem die Tarifeinigung verkündet worden war, verkündete der Münchner Halbleiterkonzern seinen Austritt aus dem Tarifverband der Bayerischen Arbeitgeber. Für die Mitarbeiter des Unternehmens gibt es im laufenden Geschäftsjahr keine Gehaltserhöhungen.

mik/dpa/Reuters/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.