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Roland Berger im Middelhoff-Prozess: Abstieg der Unantastbaren

Von , Essen

Sie bewegten Milliarden, heute hetzen sie sich Gerichtsvollzieher auf den Hals: Im Prozess gegen Ex-Starmanager Thomas Middelhoff trat Beraterlegende Roland Berger auf. Der Fall zeigt, wie aus väterlicher Freundschaft erbitterte Feindschaft wurde.

"Ich war noch nie vor Gericht", sagt Roland Berger, 76. Die Legende unter den deutschen Unternehmensberatern hebt entschuldigend die Hände. Ein Mann wie er, im feinen Anzug, mit teuren Schuhen und besten Manieren gehört eigentlich nicht hierher, so will er vielleicht bedeuten, in diese Umgebung: Saal 101, Landgericht Essen, ein Raum extravagant wie eine Grundschulturnhalle.

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Thomas Middelhoff: Einst "Big T" genannt

Und auch der Angeklagte, gegen den er aussagen soll, bewegte sich viele Jahre lang in anderen Sphären. Seine Millionenvilla in Saint-Tropez kaufte Thomas Middelhoff, 61, einem osteuropäischen Oligarchen ab, wie zu lesen war, und das Anwesen in Bielefeld bietet immerhin ein eigenes Kino. Ansonsten Kitzbühel, London, New York, Berlin - wo der "Big T" genannte Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann und später von Arcandor eben so zu tun hatte. Das Leben war ein anderes, große Geschäfte, Privatjet, Fahrer, das Gegenteil von gewöhnlich.

Als sie erfolgreich waren, Konzerne führten und Milliarden bewegten, müssen sich Männer wie Middelhoff als Herren der Welt gefühlt haben. Steuern zu vermeiden, gilt in ihren Kreisen ohnehin eher als grundsätzliche Erfordernis, denn als cleverer Schachzug; dazu gibt es Fonds, Modelle und Berater.

Heute aber scheuen sich diese Unantastbaren nicht, sich gegenseitig Gerichtsvollzieher auf den Hals zu hetzen und zu verklagen. So will Berger von Middelhoff, der ihn einen "väterlichen Freund" nennt, aus einer gescheiterten Unternehmung etwa 6,7 Millionen Euro haben. Das merkwürdig erscheinende Geschäft mit seinen vielen Verschachtelungen, Verkäufen, Zusammenschlüssen und Beteiligungen zu erläutern, gelingt Berger vor Gericht indes nur in groben Zügen. "Das ist alles wirklich sehr lange her", sagt er.

Middelhoff muss sich im Strafverfahren vor dem Landgericht Essen wegen Untreue verantworten. Er soll seinen früheren Arbeitgeber Arcandor mit Privatflügen um 1,1 Millionen Euro geschädigt haben. Der Manager bestreitet die Vorwürfe.

Roland Berger: "Väterlicher Freund" Zur Großansicht
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Roland Berger: "Väterlicher Freund"

Zugleich setzt sich Middelhoff, der den Zeugen Berger lächelnd und mit einem Kopfnicken begrüßt hat, juristisch gegen den Unternehmensberater zur Wehr. Der habe seine Pflichten in einer gemeinsamen Firma sträflich vernachlässigt, was zu einem dramatischen Wertverfall der dort gebündelten Wertpapiere geführt habe. Hinzu kommt: "Mein gesamtes liquides Vermögen, und das ist nicht wenig", sagt Middelhoff, "ist blockiert bei Sal. Oppenheim."

Denn auch die rheinischen Skandalbanker beschäftigen längst viele Gerichte. In Köln läuft seit anderthalb Jahren ein großes Verfahren gegen die Herren, in dem es um Untreue in drei besonders schweren Fällen und einen Schaden von 150 Millionen Euro geht. Ursächlich für den Niedergang der noblen Privatbank waren wohl risikoreiche Aktiengeschäfte, merkwürdige Kreditvergaben und erfolglose Immobiliengeschäfte. Die Pleite des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, deren Chef Middelhoff war, riss die Privatbank dann 2009 vollends in die Krise.

Vor dem Landgericht Bonn wiederum versuchte die Schuhdynastie Deichmann in Zivilverfahren einen Teil des Geldes zurückzubekommen, das sie bei Sal. Oppenheim versenkt hatte. Einem Urteil zufolge, das allerdings noch nicht rechtskräftig ist, legte die Familie insgesamt 300 Millionen Euro in den mitunter höchst dubiosen Fonds des Bankhauses an. Die dienten nach Auffassung der Kammer vor allem der Vermeidung von Steuern im ganz großen Stil, was die Bonner Richter, Rechtspfleger und Justizbediensteten als Beschäftigte eines chronisch klammen Bundeslandes sehr gefreut haben dürfte.

Madeleine Schickedanz: Verklagte ihre frühere Hausbank Zur Großansicht
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Madeleine Schickedanz: Verklagte ihre frühere Hausbank

Auch Madeleine Schickedanz, die Quelle-Erbin und Arcandor-Hauptaktionärin, bemühte den Rechtsstaat im Kampf gegen Sal. Oppenheim. Wiederum vor dem Landgericht Köln verklagte sie ihre frühere Hausbank und ihren Vertrauten Josef Esch auf rund 1,9 Milliarden Euro. Sie wirft ihnen vor, sie falsch beraten und um erhebliche Teile ihres Vermögens gebracht zu haben. Das Verfahren läuft noch.

Thomas Middelhoff erwartet in seinem Streit mit Sal. Oppenheim in diesem Jahr jedoch bereits ein erstinstanzliches Urteil, wie er sagt. Zugleich fordert aber nach Middelhoffs Darstellung dessen früherer Vermögensverwalter Esch 2,5 Millionen Euro von ihm, der Arcandor-Insolvenzverwalter 3,4 Millionen Euro und die Bank Sal. Oppenheim rund 70 Millionen Euro. Man sieht sich also wieder vor Gericht.

Bankhaus Sal. Oppenheim: "Gesamtes liquides Vermögen blockiert" Zur Großansicht
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Bankhaus Sal. Oppenheim: "Gesamtes liquides Vermögen blockiert"

Zudem wehrt sich Middelhoff in Bielefeld juristisch mit einer Vollstreckungsgegenklage gegen Roland Bergers Versuche, ihn zu Zahlungen zu zwingen. "Herr Middelhoff ist nicht der säumige Schuldner einer berechtigten Forderung", erklärt sein Verteidiger. Ein Grund zu klagen - allemal.

Gefragt vom Vorsitzenden Richter Jörg Schmitt, ob er seinen Anspruch auf eine Zeugenentschädigung wahrnehmen wolle, winkt Roland Berger am Dienstag nach seiner Vernehmung ab. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag", sagt Schmitt sehr freundlich. Die Verhandlung wird fortgesetzt, nächster Zeuge ist ein Kriminalhauptkommissar.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Der feine Herr...
expendable 02.09.2014
...hat was wichtiges übersehen, was man normalerweise schon in der Grundschule für Kriminelle lernt: Die gefährliche Phase jedes Coups beginnt erst, wenn man die Beute sicher im Sack hat und es ans Teilen geht...
2. Für den Gerichtssaal zu fein?
brille000 02.09.2014
Da scheinen sich doch die Betrüger par Excellence gegenseitig zu behacken. Nun, wenn es jemals in Deutschland möglich sein sollte, dass man ernsthaft gegen Korruption ohne Ansehen der Person(en) ermittelt, so könnte sicherlich auch der so saubere Herr Berger vielleicht mal auf der härteren Bank im Gerichtssaal sitzen. Wissen Sie wieviele Millionen dieses Unternehmen an der Öffentlichen Hand verdient? Wieviele hochdotierte "Einsätze" haben die Leute des Herrn Berger allein bei Regierung und Ministerien?
3. Im Allgemeinen zu bedauern.
robert.c.jesse 02.09.2014
Je seidener die Krawatte, desto schlüpfriger die Hand. "Wichtigkeit" ist nun mal keinen Nahrung für die Seele, die dann irgendwann herzlos verkümmert wenn es an Mitgefühl und Liebe fehlt. Vergönnen wir ihnen diesen scheinbaren Reichtum, der den Geist arm erscheinen lässt.
4. Geld
kirk,james-tiberius 02.09.2014
Wenn es ums Geld geht hört der Spaß auf. Egal wie nahe sich jemand stand.
5. Warum tut Roland Berger sich das bloß an?
wibo2 02.09.2014
"Im Prozess gegen Ex-Starmanager Thomas Middelhoff trat Beraterlegende Roland Berger auf. Der Fall zeigt, wie aus väterlicher Freundschaft erbitterte Feindschaft wurde." (SPON) Warum nicht einfach Schuldenschnitt, Verluste abschreiben und gut ist es! Nach dem Motto: You win some, you lose some. D.h. mal gewinnt man etwas, mal verliert man etwas. Wieviel Geld haben die Unternehmensberater insgesamt durch Middelhoff verdient? Wir kennen den "insecure overachiever" – den unsicheren Überehrgeizigen. Das betrifft jeden Berater. Man weiß nie genau, ob man das Richtige tut, ist ständig an der Grenze zur Überforderung. Deshalb machen alle immer ein bisschen mehr, als sie müssten. So arbeitete auch Middelhoff in seinen verschiedenen Positionen ohne Ende. Dabei konnte er auch schon mal den Überblick verlieren. Vor allem im privaten Vermögensbereich. Das könnte man auch menschlich und weniger schadenfroh sehen. Für das Image des Roland Berger ist dessen harte Verfolgung des "Big T" schädlich. Von den Geschädigten der Falschberatung durch Unternehmensberater spricht indes dieweil niemand mehr. Etwas mehr Menschlichkeit wäre angebracht.
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Thomas Middelhoff: "Ich schulde ihm Geld"

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Bilder-Chronik: Der unaufhaltsame Abstieg des Thomas Middelhoff

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