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Miese Arbeitsbedingungen: Menschenrechtsaktivisten attackieren PC-Hersteller

Von Hannes Koch

Tausende PC und Laptops gehen in der Vorweihnachtszeit über die Ladentische - doch was kaum ein Nutzer weiß: Bauteile für viele Rechner entstehen unter teils menschenunwürdigen Bedingungen in Fernost. Eine Studie offenbart jetzt die schockierenden Defizite bei bekannten Computer-Herstellern.

Berlin - Wenn es um menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in Asien geht, richtet sich die Kritik vor allem gegen die Textilindustrie. Doch zusehends gerät auch die Technologiebranche in den Ruf, wenig Geld für harte und lange Arbeit an ihren Standorten in Fernost zu zahlen.

Die in Hongkong ansässige Menschenrechtsorganisation Students and Scholars Against Corporate Misbehavior (Sacom) hat zwischen Juni und September die Arbeiter zweier Computer-Zulieferer in der südchinesischen Provinz Guangdong befragt. Laut Sacom und der Berliner Entwicklungsorganisation Weed sind die Ergebnisse erschreckend. "Die Arbeitszeit beträgt bis zu 370 Stunden pro Monat", sagte Sacom-Rechercheurin Jenny Chan am Montag in Berlin. Selbst bei 30 Arbeitstagen pro Monat wären das über zwölf Stunden täglich, heißt es im Report "The Dark Side of Cyberspace", den Sacom und Weed am Montag veröffentlichten.

Die betroffenen Werke sind keine Hinterhofklitschen, sondern beliefern Weltkonzerne. Eine der beiden untersuchten Fabriken, Exelsior Electronics in Dongguan, stellt Platinen, Grafikkarten und weitere Bauteile unter anderem für Computer her, die Fujitsu Siemens verkauft.

Die langen Arbeitszeiten in den Fabriken widersprächen den chinesischen Gesetzen, argumentierte Chan. Dort sei festgelegt, dass ein Arbeiter zusätzlich zur normalen 40-Stunden-Woche höchstens 36 Überstunden pro Monat leisten dürfe. Im Vergleich zum gesetzlichen Maximum müssten die Arbeiter und Arbeiterinnen bei Exelsior in manchen Fällen dagegen bis zu 174 Überstunden leisten, so Chan. In Stoßzeiten, besonders vor dem europäischen Weihnachtsgeschäft, würden sämtliche freien Tage gestrichen. Das Personal bei Exelsior würde dann sieben Tage die Woche durcharbeiten.

Außerdem, so beklagen die Menschenrechtsaktivisten, würden die Beschäftigten oftmals nicht den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn erhalten. Anhand von Beispielen rechnete Chan vor, dass am Monatsende nicht das volle Salär – 77 Euro plus Überstundenbezahlung – ausgezahlt würde, sondern nur ein Teil davon.

Thomas Zott, der bei Fujitsu Siemens in Augsburg für Unternehmensverantwortung zuständig ist, bestätigte, dass Exelsior Electronics ein Zulieferer der Firma sei. Er "begrüße" die Recherche der Menschenrechtsaktivisten in China, so Zott. Beim Mutterkonzern von Exelsior, PC Partner in Hongkong, habe man in der vergangenen Woche umgehend eine schriftliche Stellungnahme erbeten. Diese sei noch nicht eingegangen.

Laut Zott "verlangt Fujitsu Siemens von seinen Zulieferern, dass die Menschen- und Arbeitsrechte nicht verletzt werden". Die Produktion in China "darf nicht auf Kosten der Beschäftigten gehen", so Zott. Die chinesischen Gesetze für Arbeitszeit und Lohn müssten bei Exelsior selbstverständlich eingehalten werden.

Auch Dell und Sony stehen in der Kritik

Weed-Mitarbeiter Florian Butollo warf Fujitsu Siemens dagegen vor, einerseits die Produktion vergleichsweise umweltfreundlicher Computer geschickt zu vermarkten, andererseits die "Arbeitsbedingungen sträflich zu vernachlässigen". So wirbt der Hersteller mit einem stromsparenden "Green PC".

Fujitsu-Siemens-Manager Zott kontert: Erst vor kurzem habe man bei einer Veranstaltung in Augsburg alle Zulieferer auf ihre Verantwortung hingewiesen. Prüfer im Auftrag seines Unternehmens würden die Arbeitsbedingungen bei Exelsior im kommenden Jahr eingehend untersuchen, kündigte er an.

Allerdings ist nicht nur Fujitsu Siemens betroffen. Neben Excelsior untersuchte Sacom auch die Firma Compeq Technology in Huizhou. Diese produziert laut Sacom unter anderem für Dell Chart zeigen, Sony Chart zeigen und auch für Intel Chart zeigen. Allen in Frage kommenden Markenkonzernen stellte Sacom die Ergebnisse vor der Veröffentlichung zur Verfügung. Dell und Sony räumten die Zusammenarbeit mit den chinesischen Firmen ein, wollten sich zu den einzelnen Vorwürfen aber nicht äußern. Intel wies eine Zusammenarbeit zurück.

Insgesamt führten die Mitarbeiter von Sacom Interviews mit rund 40 Beschäftigten. Die Treffen fanden außerhalb der Fabriken statt. Trotz dieser stichprobenartigen, wenigen Gespräche meinen die Menschenrechtsaktivisten, die schlechten Arbeitsbedingungen seien in der chinesischen IT-Industrie weit verbreitet. Die meisten Beschäftigten seien Wanderarbeiter, die gegen lange Arbeitszeiten, schlechte Löhne und mangelnde hygienische Bedingungen nicht aufbegehren würden.

Die Menschenrechtsaktivisten verlangen von den IT-Konzernen nun größere Anstrengungen, um die Bedingungen in den Zulieferfirmen zu verbessern. Zum Beispiel sollten regelmäßige Überprüfungen stattfinden, sagte Weed-Mitarbeiter Butollo. Um den Druck zu erhöhen, startete die Organisation eine Reihe von Informationsveranstaltungen in mehreren deutschen Städten. Die Behörden von Bund, Ländern und Gemeinden forderte Butollo auf, in ihren Ausschreibungen für öffentliche Aufträge ebenfalls bestimmte soziale und ökologische Kriterien zu nennen. Dies wird demnächst erleichtert, wenn der Bundestag die Reform des Vergaberechts beschließt.

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