Mieses erstes Halbjahr US-Notenbanker schüren Rezessionsangst - Milliardenloch in deutscher Staatskasse droht

Schrumpfwirtschaft im ersten Halbjahr, Kreditnot, Inflationsgefahr: Die US-Notenbanker machen in einem bisher geheimen Protokoll klar, wie tief die Finanzkrise inzwischen wirklich geht. Einem Zeitungsbericht zufolge dürfte sie auch den deutschen Staat teuer kommen - rund zehn Milliarden Euro Steuereinnahmen drohen wegzufallen.


Washington - Die Wirtschaft in den USA schrumpft im ersten Halbjahr. Und wie es danach weitergeht, ist unsicher: Das ist die pessimistische Prognose der US-Notenbank Fed für 2008 - nachzulesen in einem Sitzungsprotokoll des Offenmarktausschusses vom 18. März, das heute bekannt wurde.

Zwar äußerten die Notenbanker dem Protokoll zufolge die Erwartung, dass im zweiten Halbjahr 2008 wieder ein langsames Wachstum zu erwarten sei. Doch einige Mitglieder des Gremiums befürchteten, "dass ein länger andauernder und ernsthafter Wirtschaftsabschwung nicht ausgeschlossen werden kann".

Grund dafür sei der erschwerte Zugang zu Krediten und die anhaltende Schwäche am Immobilienmarkt. Teilnehmer der Sitzung hätten sich außerdem besorgt über die Inflation geäußert. Mehrere Indikatoren für die Inflationserwartungen deuteten nach oben - das dürfe die Fed bei aller Sorge um das Wirtschaftswachstum nicht aus dem Auge verlieren. Seit Mitte September hatte die Notenbank ihren Leitzins mehr als halbiert; am jenem 18. März senkte sie ihn von 3,0 auf 2,25 Prozent, um der Wirtschaft mit billigerem Geld zu helfen.

Von Rezession ist offiziell noch keine Rede

Das Wort Rezession wird in dem Protokoll nicht verwendet. Davon ist unter Experten erst die Rede, wenn die Wirtschaft zwei Quartale in Folge schrumpft. Ob dies in den ersten beiden Quartalen 2008 der Fall sein wird, ist noch nicht klar, da das zweite noch läuft. Aber das erste endete offenbar so negativ, dass die Notenbanker nicht mehr erwarten, dass das zweite den Gesamttrend im ersten Halbjahr wieder ins Positive drehen kann.

Fed-Chef Ben Bernanke hatte schon in der vergangenen Woche erstmals offen gesagt, dass die USA in eine Rezession rutschen könnten. Bis genug Daten vorlägen, um eine Rezession festzustellen, werde es aber noch brauchen.

Für das kommende Jahr sagen die Fed-Experten eine Beschleunigung des Wachstumstempos voraus - wegen der bisherigen Zinssenkungen, der anhaltenden US-Exportstärke, der sinkenden Ölpreise und dem erwarteten Ende der Finanzkrise.

Probleme auch für den deutschen Staat

Die Finanzkrise wird auch den deutschen Staat empfindlich treffen, berichtet die "Financial Times Deutschland". Im Kreis der Steuerschätzer werde erwartet, dass die geplanten Einnahmen um rund zehn Milliarden Euro nach unten korrigiert werden müssten, schreibt die Zeitung und zitiert einen der Finanzexperten mit den Worten: "Es wird deutliche Bremsspuren geben." Die Steuerschätzer kommen Anfang Mai wieder zusammen. Ihre Prognose bildet die Grundlage für die Haushaltsplanung von Bund und Ländern. Sie erwarten dem Bericht zufolge, dass

  • durch die Krise Finanzkonzerne spürbar weniger Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer abführen,
  • Jobs abgebaut werden, was die Lohnsteuer drücke,
  • und es Folgen für andere Branchen gebe - die Kreditvergabe stocke, es werde weniger investiert, auch die Exporte in die besonders gebeutelten USA könnten sinken.

Wenn es tatsächlich soweit kommt, wäre Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in Problemen. Er hat ohnehin im Kabinett mit Ausgabenwünschen anderer Minister zu kämpfen. Die Haushaltsanierung, zentrales Ziel der Koalition, droht zu scheitern.

IWF erwartet fast eine Billion Dollar Verluste

Dass die Finanz- und Kreditkrise längst nicht ausgestanden ist, zeigte an diesem Dienstag eine Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er geht inzwischen von Verlusten bis zu 945 Milliarden US-Dollar (603 Milliarden Euro) aus. Es war die erste offizielle Schätzung der Organisation über die möglichen Folgen der Krise.

Die US-Börsen schlossen am Dienstag mit leichten Kursverlusten: der Dow Jones Chart zeigen mit -0,3 Prozent, der marktbreite S&P-500-Index Chart zeigen mit -0,5 Prozent, der technologielastige Nasdaq Chart zeigenmit -0,7 Prozent. Die Anleger reagierten besonnener als noch vor einigen Wochen auf schlechte Nachrichten.

Auch das Protokoll der Fed-Sitzung vom März drückte die Indizes nur kurzzeitig weiter ins Minus - die Finanzmärkte werteten den eher düsteren Ausblick der Notenbanker eher als Zeichen, dass diese ihre Geldpolitik weiter lockern werden. Den Futures an der Wall Street zufolge wird nun mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit erwartet, das der US-Leitzins bis Juni auf 1,75 Prozent gesenkt wird.

plö/dpa/Reuters



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