Mikrokredite in Afrika Frau Adbenas kleines Wirtschaftswunder

Aus Ghana berichtet Nathalie Klüver

2. Teil: "Männer würden das Geld verspielen"


Ob es sie nicht verwundert habe, dass man ausgerechnet auf sie, auf die Frauen, zugegangen ist und nicht ihre Männer, die Familienoberhäupter, angesprochen habe? Sinina Adbena winkt ab. Die würden das Geld doch nur in der Stadt verspielen. Nein, es sei schon richtig, dass die Frauen die Kredite bekommen. Tatsächlich zeigt die Erfahrung, dass Mikrokredite ein wirksames Instrument zur Entwicklungshilfe sind, wenn sie an die Frauen gehen. Denn Frauen investieren das Geld eher für das Wohl ihrer Familie.

Auch hier am Voltasee funktioniert das Prinzip. Die Rückzahlungsrate liege wie bei fast allen Mikrokredit-Projekten bei annähernd 100 Prozent, berichtet ein Mitarbeiter der betreuenden Entwicklungshilfeorganisation Plan International. Und das bei dem landesüblichen Zinssatz von 25 Prozent. Der würde übrigens ohne das Zutun der Entwicklungshelfer noch höher liegen, sagt er: "Die Banken würden, wenn wir die Angestellten nicht hier in die Dörfer fahren, einen Zinssatz von 50 Prozent nehmen." Dabei gingen dem Projekt lange Gespräche mit den Instituten voraus. Viele Entscheidungsträger mussten überzeugt werden.

Für Sinina Adbena hat es sich gelohnt: 100 Dollar nahm sie bei ihrem ersten Kredit auf. Vorher musste die Neu-Unternehmerin einen Geschäftsplan ausarbeiten und der Bürgschaftsgruppe und den Bankangestellten vorlegen. "Jede Frau muss genau erklären, wofür sie das Geld braucht und vorher schon beweisen, dass sie damit umgehen kann." Die Gruppe entscheidet gemeinsam, ob es einen Kredit gibt und in welcher Höhe.

Mit ihrem Startkapital kaufte Sinina Adbena zunächst Regalbretter und baute sie an die Hauswand ihres kleinen Lehmhauses. Von dem restlichen Geld erwarb sie die ersten Artikel in der nahegelegenen Stadt. Der Laden lief gut. Nach nur 16 Wochen hatte sie ihren ersten Kredit zurückgezahlt.

Angesichts des Erfolgs legte Adbena vor einem Jahr nach. Sie baute sich von ihren Ersparnissen und einem weiteren Kredit über 300 Dollar ein neues Haus, das sie grün anstreichen ließ. Die alte Hütte war wie die meisten im Dorf aus unverputztem Lehm. Verputzte Häuser, Farbe an den Wänden: ein Statussymbol. Einen Raum richtete sie extra für ihren Laden her. "Vorher war das ja mehr ein Kiosk, jetzt ist es ein richtiges Geschäft." Mit Nachdruck lässt Sinina Adbena die alte Registrierkasse klingeln, schiebt die Geldschublade mit Schwung wieder zu.

Mittlerweile fährt sie nur noch selten in die Stadt, um Waren zu kaufen. Nachbarinnen bringen die gewünschten Artikel mit, wenn sie ihre Ernte dort auf dem Markt veräußern. Sie arbeiten sozusagen freiberuflich für die Ladenbesitzerin. Denn die hat mit ihrem Geschäft alle Hände voll zu tun - und nebenher muss auch das Feld noch bestellt werden. Ihre sechs Kinder, zwischen sechs und 20 Jahre alt, helfen ihr dabei. "Sie sollen gar nicht so viel machen. Die Schule ist wichtiger", sagt die Mutter.

Einen Teil des Gewinns, der mittlerweile 50 Dollar im Monat beträgt, legt sie für die Ausbildung der Kinder zur Seite. Sie sollen einmal in die Stadt ziehen, weg von der Armut auf dem Land, einen richtigen Beruf erlernen, am besten in einem Büro. "Hier haben sie keine Zukunft", ist sich Sinina Adbena sicher. Auch sie will irgendwann in die Stadt. Dort gebe es viel mehr Möglichkeiten, überhaupt, das ganze Leben sei aufregender. Sie sei ja erst 38 Jahre alt.

Doch zuvor hat die Unternehmerin noch Großes vor: Sie will die erste Bar im Dorf eröffnen. Denn so etwas gibt es hier nicht. Sie winkt die Besucher in einen Nebenraum. Vier Holztische stehen hier, einige Stühle. Eine Durchreiche verbindet den fensterlosen Raum mit dem Laden. Der soll nun mit einem Ventilator ausgerüstet werden. "Das ist dann der einzige Ventilator im Dorf", erklärt Sinina Adbena stolz. Dafür und für den dazugehörigen Stromgenerator will sie den nächsten Kredit aufnehmen.



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Seite 1
Taraxacum 27.08.2008
1.
Zitat von sysopBauern werden zu Unternehmern - können Mikrokredite die Armutskrise in der Dritten Welt lösen?
Mit Mikrokrediten allein wird man Armut nicht bekämpfen können. Auch gegen politische Probleme, schlecht funktionierende Rechtssysteme und kriegerische Auseinandersetzungen müsste etwas getan werden. So etwas kann allerdings nicht das ferne Ausland regeln. Vermutlich ist es die beste Idee, die Menschen selbst zu unterstützen, etwa mit Krediten, und nicht den Staat. Wer sich selbst mühevoll etwas aufbaut, wird Hemmungen haben, es wieder zu zerstören. Staatschefs und Politiker hingegen geben das Geld gerne auch für Waffen aus oder riskieren Kriege, wenn diese ihrer Macht zuträglich sein könnten.
Triakel 27.08.2008
2.
Mikrokredite haben Hunderttausenden den Weg aus dem Elend geebnet. Immerhin. Also keine generelle Rettung für die armen Länder, kein Allheilmittel, aber doch ein Mittel für eine ganze Anzahl von Menschen, um zu besseren Lebensumständen zu gelangen. Die große soziale Krise in den Entwicklungsländern lässt sich damit nicht lösen.
MarkH, 27.08.2008
3.
Zitat von sysopBauern werden zu Unternehmern - können Mikrokredite die Armutskrise in der Dritten Welt lösen?
Mikrokredite sind ein knallhartes Geschäft mit der Demographie. Funktionierende Gemeinschaftssysteme waeren in jedem Fall vorzuziehen als jeden Einzelnen an eine Nähmaschine zu hängen, um Ihn dann per GoogleEarth zu überwachen, ob er auch die Rendite einfährt.
Jochen Binikowski 27.08.2008
4.
Ich lebe auf den Philippinen auf dem Lande und habe hier seit 1980 zu tun. Deshalb kann ich die entsprechende Entwicklung beobachten. Seit etwa einem Jahr scheint es bei den Reichen und Mächtigen im Lande zumindestens ansatzweise ein zuvor für unmöglich gehaltenes Umdenken zu geben. Ein krasser Fall sind die großen inländischen Lebensmittelkonzerne. Die haben früher ihren Vertragsfarmern feste Preise gezahlt, die vor der Pflanzung vereinbart wurden. Neuerdings zahlen die Konzerne jetzt Marktpreise, sofern diese zum Zeitpunkt der Ernte höher als der Vertragspreis sind. Das bedeutet für unzählige Kleinbauern den Sprung von Armut in die untere Mittelklasse. Andere Superreiche entdecken plötzlich ihre soziale Ader und investieren privates Geld im großem Stil in Infrastrukturprojekte, z.B. Bewässerungssysteme. Davon profitieren viele kleine Farmer. Die Regierung zahlt seit einigen Monaten landesweit Kleinbauern überhöhte Ankaufspreise für Rohreis und verkauft den Reis in 2 KG Tagesrationen pro Haushalt zu stark reduzierten Preisen. Gleichzeitig können Kleinbauern in vielen Landgemeinden ihren Dünger zumindestens teilweise zu subventionierten Preisen von der Regierung kaufen. Die Regierung finanziert dies aus den gestiegenen Mwst-Einnahmen auf Strom, Benzin und Diesel. Die größte Gemüsesaatgut-Firma des Landes verkauft neuerdings Setzlinge an Kleinbauern auf Kommissionsbasis, also zahlbar nach der Ernte. Damit sparen die Baueren die horrenden Zinsen beim Wucherer. Es gibt zahlreiche andere Beispiele. Alle haben aber zur Folge, dass es den kleinen Leuten besser geht, sie der Schuldenfalle entkommen können. Leider ist das in vielen anderen Ländern ganz anders. Aber auch dort werden die "Eliten" umdenken und sie sind gut beraten, dies freiwillig zu tun. Statt erbitterte Kämpfe um die Aufteilung eines kleinen Kuchens zu führen ist es für alle Beteiligten besser, den Kuchen zu vergrößern.
indosolar 31.08.2008
5. auf jeden Fall
Zitat von sysopBauern werden zu Unternehmern - können Mikrokredite die Armutskrise in der Dritten Welt lösen?
Mikrokredite gab es schon, ehe diese als Instrument der EWZ entdeckt wurden. Was fehlt sind engagierte Leute, die beobachten, berichten und deren Berichte umgesetzt werden. Die "Dritte Welt" ist nicht so hilflos wie sie von unzaehligen Theoretikeren gemacht wird. Die indonesischen Jajasan sind ein Beispiel. Unzaheliche Familien schliessen sich in den Kampungs(Wohngebiete) zusammen und sammeln jeden Monat von den Teilnehmern die gleiche Menge Geld, ein Mitglied bekommt diese Summe und kann so eine groessere Anschaffung taetigen. Die soziale Naehe der Nachbarschaft sichert Rueckzahlung. Was fehlt ist Bildung! Es gibt kaum Berufsbildung, zentralisierte Ansaetze werden durch die von der EWZ forcierte Dezentraliesierung unmoeglich. Bei uns sitzen Millionen berufliche Ausgebildete und leben von ALG obwohl sie mit einem geringen Zuschuss in Entwicklungslaendern von diesem Geld gut leben koennten und ihr Wissen und ihre Erfahrung bereit stellen koennten. In Indonesien gibt es schon seit Jahren keine Gluehfadenleuchtmittel, wegen der relativ hohen Energiepreise und der schwachen Netzen. Wir koennnen lernen! Millionen Klimaanlagen der Dritten Welt verbrauchen zuviel Strom, weil es einfach nur an der Bildung fehlt, dass saubere AC 25% weniger Strom verbrauchen. Das Receycling von Rohstoffen ernaehrt Millionen Menschen, weil die Loehne niedrig sind und es sich lohnt, Muell zu sortieren und zu verkaufen. Aber geht es ueberhaupt darum, diesen Menschen zu helfen, oder geht es darum sie an unsere Welt anzupassen. Das ist die Gretchenfrage! Wer auf diese Seite schaut, weiss warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert, weil sie immer noch uns helfen soll, unser Denken und unsere Vorstellungen sowie unsere Gewinnne sichern soll. So kann EWZ nicht funktionieren. Hilfe ist altruistisch und den einzigen Eigenvorteil den man davon ziehen kann, ist zu lernen http://www.bmz.de/de/zahlen/deutscherbeitrag/index.html schreibt aber Anderes. Diese Seite schreibt, wir zahlen und bekommen ein Mehrfaches an Vorteil! Solange wir so handeln und argumentieren bringen Mikrokredite auch nicht vorwaerts!!!
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