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Mikrokredite: Kleines Geld ganz groß

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Gewinne machen mit gutem Gewissen: In der Bankenwelt funktioniert das noch mit Mikrokrediten. Anders als normale Investmentgesellschaften zeigen sich Mikrofinanzfonds unbeeindruckt von der Wirtschaftskrise - im Gegenteil, die junge Branche boomt trotz geringer Rendite.

Hamburg - Plötzlich war Xhafer Haradinaj ein armer Mann. Dem Landwirt war eine einzige Kuh geblieben und ein baufälliger Stall, er hatte keine Ersparnisse und keine Aussicht auf eine Arbeit. Der Krieg im Kosovo hatte ihm alles genommen. In der Bankensprache hätte man ihn wohl als "nicht kreditwürdig" bezeichnet.

Doch Bauer Haradinaj hatte Glück: Er fand ein regionales Mikrofinanzinstitut, das ihm Geld lieh. Umgerechnet 1000 Euro bekam er, Geld, mit dem er sich eine zweite Kuh kaufte und den Stall reparierte. "Jetzt genügten die Einnahmen, um meine Familie zu ernähren und den Kredit zurückzuzahlen", sagt er. In den folgenden Jahren erhielt er sechs weitere Kredite, der letzte über 8000 Euro. Haradinaj finanzierte weitere Rinder und eine Melkmaschine, er vergrößerte den Stall und kaufte ein wenig Land. Inzwischen besitzt er 13 Tiere, die täglich bis zu 250 Liter Milch geben, außerdem einen Kühlbehälter. Den größten Teil der Milch verkauft er selbst an Familien in Pristina.

Ermöglicht hat das der European Fund for Southeast Europe, kurz: EFSE. Insgesamt 54 Partnerorganisationen in zehn südosteuropäischen Ländern vergeben die Mikrokredite an Kleinstunternehmer. Der Fonds stellt den Instituten das Geld zur Verfügung, die die Darlehen vergeben. "Die Kredite liegen im Schnitt bei unter 5000 Euro, maximal sind 100.000 Euro erlaubt", sagt Sylvia Wisniwski, Managerin des Fonds, von der Frankfurt School of Finance & Management. Der größte europäische Fonds dieser Art, initiiert von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und gesteuert von der Bank Sal. Oppenheim, verwaltet derzeit rund 640 Millionen Euro. Ende 2009 sollen es 700 Millionen, bis 2012 sogar eine Milliarde Euro sein.

Die gesamte Branche boomt: Immer mehr Banken erwägen einen Einstieg in das Mikrofinanzgeschäft, und diejenigen, die es schon betreiben, berichten von "enormen Wachstumschancen". "Weltweit umfasst das Volumen für Mikrokredite rund 31 Milliarden Dollar, davon sechs Milliarden von Privatinvestoren", sagt Edda Schröder, die den vor zwei Jahren gegründeten Wallberg Global Microfinance Fund leitet. Vor einem Jahr lag das Gesamtvolumen noch bei 25 Milliarden Dollar. Den Löwenanteil finanzieren immer noch Regierungen, die Uno und Entwicklungsbanken wie die Weltbank und die KfW. "Aber das Interesse privater Investoren an Mikrofinanzen wächst", stellt Schröder fest. Für 2015 rechnet die Weltbank mit einem privaten Anteil von 15 Milliarden Dollar.

Von weltwirtschaftlicher Entwicklung unabhängig

Grund für dieses Interesse ist, was der Banker und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, Erfinder des Mikrokredits, zu Beginn der Finanzkrise voraussagte: dass Mikrofinanzinstitute, die das Wohl der Menschen im Blick hätten, resistenter gegen Pleiten seien als rein gewinnorientierte Geldhäuser. Tatsächlich weisen sämtliche Fonds, die ihr Geld in Mikrofinanzinstitute investieren, solide Renditen aus: Zwischen fünf und sechs Prozent peilt Edda Schröder an, deutlich mehr als derzeit auf dem Geldmarkt üblich. Andere Investmentgesellschaften rechnen konservativer: Der EFSE geht von einer leicht über dem Interbanken-Zinssatz liegenden Rendite für die Anleger aus, derzeit liegt der auf Jahressicht bei gut zwei Prozent. Die GLS-Bank bietet nur 1,5 Prozent. "Die Kreditverträge haben eine Laufzeit von durchschnittlich 18 Monaten, daher sind die Einnahmen absehbar", sagt Schröder.

Zudem seien die Kreditnehmer keine börsennotierten Unternehmen - und daher, trotz geringer oder keiner Sicherheiten, sehr zuverlässige Schuldner. "Von Schwankungen an den Börsen und der weltwirtschaftlichen Entwicklung bleiben sie weitgehend unberührt", erläutert die Managerin. "Das Geschäft ist sehr regional gebunden: Die Näherin, die Schneiderin, der Schuster leihen sich das Geld bei einem Mikrofinanzinstitut in ihrer Nähe." Das wiederum könne einschätzen, wie vertrauenswürdig die Kreditnehmer seien. "Die Ausfallquoten sind in diesem Bereich sehr gering", sagt Schröder. Auch laut EFSE-Managerin Wisniwski gibt es keinen Zahlungsverzug.

Die Schuldner nehmen sogar vergleichsweise hohe Zinsen in Kauf. Zwischen 20 und 80 Prozent liegen die, was vielen Mikrofinanzinstituten die Kritik einbringt, sie nutzten die finanzielle Schwäche ihrer Kunden aus. Doch von manchen Wucherern in Ländern wie Bangladesch oder Indien, die bis zu 1000 Prozent verlangen, sind sie weit entfernt. Außerdem, heißt es in der Branche, seien die Kosten für solch kleine Kredite, teilweise nur 100 Euro, relativ hoch.

Kreditnehmer auch in Industriestaaten

Kreditnehmer gibt es inzwischen nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Industriestaaten. Die GLS-Bank beispielsweise verleiht über ihren vor drei Jahren aufgelegten Mikrofinanzfonds Deutschland ausschließlich an Kreditnehmer in Deutschland. "Das sind meist Menschen aus prekären Verhältnissen, Arbeitslose und Hilfsempfänger, die normalerweise keinen Kredit bekommen würden", sagt GLS-Mikrofinanzexperte Falk Zientz. Die Kredite in Höhe von 1000 bis maximal 20.000 Euro ermöglichten ihnen den Schritt in die Selbständigkeit. "Die gehen meist in die Gastronomie, in den Einzelhandel, in handwerks- und haushaltsnahe Dienstleistungen - Bereiche, in denen es ohnehin schwierig ist, Kredite zu bekommen." Ziel sei es, wie in Frankreich 10.000 Verträge jährlich über Kredite von je 5000 Euro abzuschließen. Die Nachfrage, sagt Zientz, sei auf jeden Fall da.

Zur Person
Muhammad Yunus wurde 1940 in der Hafenstadt Chittagong in Bangladesch geboren. Er wuchs als drittes von insgesamt 14 Kindern einer wohlhabenden Familie auf, sein Vater war Juwelier und Goldschmied. Yunus studierte Wirtschaftswissenschaften in Bangladesch und in den USA. 2006 wurden er und die von ihm gegründete Grameen-Bank mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Früher musste ich schreien, damit mich wenige Menschen hören", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Jetzt reicht es, wenn ich flüstere, und die ganze Welt hört mir zu."
Doch beim Angebot gibt es einige Hürden. Weltweit gibt es nach Angaben der Weltbank etwa 1500 Mikrofinanzinstitute. Die meisten von ihnen, etwa 90 Prozent, sind so klein, dass sie gar keinen Zugang zu Kapital aus Fonds haben. Und Privatleute haben bislang kaum Chancen, ihr Geld in Mikrofinanzfonds anzulegen. "Die meisten Fonds, die in Entwicklungsländern aktiv sind, müssen etliche Vorschriften wie staatliche Beteiligung, Kontrolle durch Entwicklungsbanken und so weiter erfüllen", sagt ein Insider. "Deshalb sind die meisten Fonds im Ausland ansässig."

Der EFSE nimmt zum Beispiel keine Ersparnisse von Kleinanlegern an, sondern ausschließlich "professionelle Investoren mit größerer Kapitalbasis". Privatleute können nur über einen Umweg mitmachen, nämlich über den BNP Growth Fund. Der GLS-Fonds ist derzeit geschlossen, soll aber "wegen des großen öffentlichen Interesses" wieder geöffnet werden. Wallberg-Managerin Edda Schröder betont, dass ihr Fonds "nicht zum öffentlichen Vertrieb in Deutschland" zugelassen sei. Wer aber mindestens 1000 Euro anlegen wolle, könne dies über seine Bank tun - es handele sich schließlich um einen öffentlichen Fonds mit Sitz in Luxemburg.

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Forum - Mikrokredite - die ideale Lösung für die Dritte Welt?
insgesamt 95 Beiträge
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1.
Taraxacum 27.08.2008
Zitat von sysopBauern werden zu Unternehmern - können Mikrokredite die Armutskrise in der Dritten Welt lösen?
Mit Mikrokrediten allein wird man Armut nicht bekämpfen können. Auch gegen politische Probleme, schlecht funktionierende Rechtssysteme und kriegerische Auseinandersetzungen müsste etwas getan werden. So etwas kann allerdings nicht das ferne Ausland regeln. Vermutlich ist es die beste Idee, die Menschen selbst zu unterstützen, etwa mit Krediten, und nicht den Staat. Wer sich selbst mühevoll etwas aufbaut, wird Hemmungen haben, es wieder zu zerstören. Staatschefs und Politiker hingegen geben das Geld gerne auch für Waffen aus oder riskieren Kriege, wenn diese ihrer Macht zuträglich sein könnten.
2.
Triakel 27.08.2008
Mikrokredite haben Hunderttausenden den Weg aus dem Elend geebnet. Immerhin. Also keine generelle Rettung für die armen Länder, kein Allheilmittel, aber doch ein Mittel für eine ganze Anzahl von Menschen, um zu besseren Lebensumständen zu gelangen. Die große soziale Krise in den Entwicklungsländern lässt sich damit nicht lösen.
3.
MarkH, 27.08.2008
Zitat von sysopBauern werden zu Unternehmern - können Mikrokredite die Armutskrise in der Dritten Welt lösen?
Mikrokredite sind ein knallhartes Geschäft mit der Demographie. Funktionierende Gemeinschaftssysteme waeren in jedem Fall vorzuziehen als jeden Einzelnen an eine Nähmaschine zu hängen, um Ihn dann per GoogleEarth zu überwachen, ob er auch die Rendite einfährt.
4.
Jochen Binikowski 27.08.2008
Ich lebe auf den Philippinen auf dem Lande und habe hier seit 1980 zu tun. Deshalb kann ich die entsprechende Entwicklung beobachten. Seit etwa einem Jahr scheint es bei den Reichen und Mächtigen im Lande zumindestens ansatzweise ein zuvor für unmöglich gehaltenes Umdenken zu geben. Ein krasser Fall sind die großen inländischen Lebensmittelkonzerne. Die haben früher ihren Vertragsfarmern feste Preise gezahlt, die vor der Pflanzung vereinbart wurden. Neuerdings zahlen die Konzerne jetzt Marktpreise, sofern diese zum Zeitpunkt der Ernte höher als der Vertragspreis sind. Das bedeutet für unzählige Kleinbauern den Sprung von Armut in die untere Mittelklasse. Andere Superreiche entdecken plötzlich ihre soziale Ader und investieren privates Geld im großem Stil in Infrastrukturprojekte, z.B. Bewässerungssysteme. Davon profitieren viele kleine Farmer. Die Regierung zahlt seit einigen Monaten landesweit Kleinbauern überhöhte Ankaufspreise für Rohreis und verkauft den Reis in 2 KG Tagesrationen pro Haushalt zu stark reduzierten Preisen. Gleichzeitig können Kleinbauern in vielen Landgemeinden ihren Dünger zumindestens teilweise zu subventionierten Preisen von der Regierung kaufen. Die Regierung finanziert dies aus den gestiegenen Mwst-Einnahmen auf Strom, Benzin und Diesel. Die größte Gemüsesaatgut-Firma des Landes verkauft neuerdings Setzlinge an Kleinbauern auf Kommissionsbasis, also zahlbar nach der Ernte. Damit sparen die Baueren die horrenden Zinsen beim Wucherer. Es gibt zahlreiche andere Beispiele. Alle haben aber zur Folge, dass es den kleinen Leuten besser geht, sie der Schuldenfalle entkommen können. Leider ist das in vielen anderen Ländern ganz anders. Aber auch dort werden die "Eliten" umdenken und sie sind gut beraten, dies freiwillig zu tun. Statt erbitterte Kämpfe um die Aufteilung eines kleinen Kuchens zu führen ist es für alle Beteiligten besser, den Kuchen zu vergrößern.
5. auf jeden Fall
indosolar 31.08.2008
Zitat von sysopBauern werden zu Unternehmern - können Mikrokredite die Armutskrise in der Dritten Welt lösen?
Mikrokredite gab es schon, ehe diese als Instrument der EWZ entdeckt wurden. Was fehlt sind engagierte Leute, die beobachten, berichten und deren Berichte umgesetzt werden. Die "Dritte Welt" ist nicht so hilflos wie sie von unzaehligen Theoretikeren gemacht wird. Die indonesischen Jajasan sind ein Beispiel. Unzaheliche Familien schliessen sich in den Kampungs(Wohngebiete) zusammen und sammeln jeden Monat von den Teilnehmern die gleiche Menge Geld, ein Mitglied bekommt diese Summe und kann so eine groessere Anschaffung taetigen. Die soziale Naehe der Nachbarschaft sichert Rueckzahlung. Was fehlt ist Bildung! Es gibt kaum Berufsbildung, zentralisierte Ansaetze werden durch die von der EWZ forcierte Dezentraliesierung unmoeglich. Bei uns sitzen Millionen berufliche Ausgebildete und leben von ALG obwohl sie mit einem geringen Zuschuss in Entwicklungslaendern von diesem Geld gut leben koennten und ihr Wissen und ihre Erfahrung bereit stellen koennten. In Indonesien gibt es schon seit Jahren keine Gluehfadenleuchtmittel, wegen der relativ hohen Energiepreise und der schwachen Netzen. Wir koennnen lernen! Millionen Klimaanlagen der Dritten Welt verbrauchen zuviel Strom, weil es einfach nur an der Bildung fehlt, dass saubere AC 25% weniger Strom verbrauchen. Das Receycling von Rohstoffen ernaehrt Millionen Menschen, weil die Loehne niedrig sind und es sich lohnt, Muell zu sortieren und zu verkaufen. Aber geht es ueberhaupt darum, diesen Menschen zu helfen, oder geht es darum sie an unsere Welt anzupassen. Das ist die Gretchenfrage! Wer auf diese Seite schaut, weiss warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert, weil sie immer noch uns helfen soll, unser Denken und unsere Vorstellungen sowie unsere Gewinnne sichern soll. So kann EWZ nicht funktionieren. Hilfe ist altruistisch und den einzigen Eigenvorteil den man davon ziehen kann, ist zu lernen http://www.bmz.de/de/zahlen/deutscherbeitrag/index.html schreibt aber Anderes. Diese Seite schreibt, wir zahlen und bekommen ein Mehrfaches an Vorteil! Solange wir so handeln und argumentieren bringen Mikrokredite auch nicht vorwaerts!!!
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