3,50 Euro pro Liter: Chinesen zahlen Höchstpreise für deutsche Milch

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Export nach China: Milch als Luxusgut Fotos
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Bei Aldi, Lidl und Co. kostet der Liter 65 Cent, in China bis zu 3,50 Euro. Kunden in der Volksrepublik lieben Milch aus Deutschland. Lebensmittelskandale verstärken die Nachfrage zusätzlich und lassen die hiesigen Molkereien jubeln.

Die Minibar in seinem chinesischen Hotelzimmer wird Manfred Graff nie vergessen. "Es war so schön: da standen nebeneinander reihenweise Milch- und Joghurtpackungen, so wie bei uns Bier oder Wein", schwärmt der 54-Jährige. "Endlich wird einmal geachtet, was man produziert."

Milch ist Graffs Leben. Seit mehr als drei Jahrzehnten führt der Bauer in der dritten Generation den Familienhof in der Eifel. Bis zur Fusion mit einem dänischen Konzern war Graff Vorstandschef der Milch-Union Hocheifel, kurz Muh. Und als er für die Muh-Genossen im Frühjahr nach Peking reiste, entdeckte er in einem Supermarkt die Packungen seiner eigenen Firma. "Da habe ich leuchtende Augen bekommen", sagt Graff. Erst recht beim Blick aufs Preisschild: umgerechnet 2,40 Euro für den Liter.

China ist das neue Dorado für Deutschlands Milchwirtschaft. Ein riesiger, wie irre wachsender Absatzmarkt. Millionen neue Konsumenten, die dürsten nach Milchprodukten Made in Germany. Erst recht nach dem jüngsten Skandal um bakterienverseuchte Säuglingsnahrung des neuseeländischen Marktführers Fonterra.

China ist Deutschlands größter Abnehmer außerhalb der EU

Vervierzehnfacht haben die deutschen Molkereien ihre Trinkmilch-Exporte in die Volksrepublik zwischen 2010 und 2012. Und in den ersten fünf Monaten 2013 waren die Lieferungen schon wieder fast zweieinhalb mal so hoch wie im Vorjahreszeitraum. Mit mehr als 38.000 Tonnen ist China schon Deutschlands größter Abnehmer außerhalb der EU. "In einigen Segmenten wie Trinkmilch oder Babynahrung kommen unsere Betriebe zeitweise nicht mit den Lieferungen hinterher", sagt Björn Börgermann, Geschäftsführer des Branchenverbandes Export-Union für Milchprodukte.

Nun, da Fonterra gerade eine internationale Rückrufaktion durchgeführt, die Pekinger Führung die Einfuhr von Milchpulver aus Neuseeland vorübergehend gestoppt hat, ist der nächste Nachfrageschub in Sicht. Denn Chinas neue Mittelschicht hat sich ans Milchtrinken gewöhnt, und den deutschen Herstellern vertraut sie noch. "Wir haben ein gutes Standing, wegen unserer hohen Qualitäts- und Umweltschutzstandards", sagt Börgermann. Vor allem aber wegen des ausgezeichneten Rufs, den deutsche Produkte in China schon immer hatten.

Mit einem Skandal hat alles angefangen: Ende 2008 starben in China sechs Säuglinge, 300.000 Babys erkrankten teilweise schwer, als lokale Erzeuger Milch mit der Chemikalie Melamin verpanschten, um einen höheren Proteinwert vorzutäuschen. Immer wieder fanden die Lebensmittelkontrolleure seither verbotene Zusätze und Verunreinigungen in chinesischer Ware; Millionen verunsicherter Eltern verlangten bald nur noch nach ausländischem Milchpulver, Zwischenhändler kauften weltweit die Babynahrungs-Regale leer - vor allem in Deutschland. Und die hiesige Milchindustrie entdeckte einen neuen Markt.

Die schwarz-rot-goldene Flagge prangt auf dem Tetrapak, darüber steht der Schriftzug MADE IN GERMANY. Und in dem Imagefilm, mit dem Hochwald H-Milch für China bewirbt, trotten glückliche Kühe über sattgrüne deutsche Weiden. Keine Gelegenheit lässt der Konzern aus dem Hunsrück aus, um auf die Herkunft seiner Milch "aus dem Herzen Deutschlands" hinzuweisen. Die Kampagne kommt an: Im ersten Quartal 2013 machte Hochwald, hierzulande als Hersteller von "Bärenmarke" oder "Glücksklee"-Kondensmilch bekannt, mehr Umsatz in China als im gesamten Jahr 2012.

Milch ist in China ein Luxusgut

Das allein heißt nicht viel. Noch immer sind Deutschland, Frankreich, die Niederlande oder Italien die Hauptabsatzmärkte hiesiger Molkereien. Aber nirgends sind die Margen annähernd so gut wie in China. Denn dort ist Milch ein Luxusgut.

"Chinesische Endverbraucher zahlen zwischen 1,50 und 3,50 Euro pro Liter", schwärmt der Chef einer großen Molkerei. "Die überreichen sie bei Familienbesuchen als Gastgeschenk - ganz gewöhnliche Milch!" Auch der Aufwand für den Transport in den Fernen Osten sei überschaubar: "Wir verschiffen unsere H-Milch in Containern, ein paar Wochen später ist sie da." Und weil viele Frachter auf dem Rückweg von Europa nach Asien oft ziemlich leer sind und Ballast für eine bessere Wasserlage brauchen, kriegen die Molkereien mitunter Sondertarife.

Die Milchbauern hoffen auf eine Zeitenwende. Lange haben sie kaum etwas verdient im schrumpfenden deutschen Markt. "Wir mussten in den Verhandlungen mit den Abnehmern um Zehntelstellen hinter dem Komma kämpfen", erzählt Manfred Graff. "Ich will meine Milch nicht mehr verramschen." Nun aber scheint es, als seien die mageren Jahre vorbei - selbst hierzulande: Im Winter und Frühjahr haben die Erzeuger bereits zwei Preiserhöhungen durchgesetzt. Bald könnte die nächste folgen.

"Das gute Auslandsgeschäft eröffnet uns ein gutes Verhandlungsmandat in den Gesprächen mit dem Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland", sagt Verbandschef Börgermann. "Wir kriegen unsere Milch bei der aktuellen Marktlage so oder so unter." Verglichen mit China ist Milch hierzulande noch immer billig: Der Liter Vollmilch kostet beim Discounter gerade 65 Cent.

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insgesamt 186 Beiträge
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1.
regelaltersrentner 16.08.2013
Zitat von sysopDPABei Aldi, Lidl und Co. kostet der Liter 65 Cent, in China bis zu 3,50 Euro. Kunden in der Volksrepublik lieben Milch aus Deutschland. Lebensmittelskandale verstärken die Nachfrage zusätzlich und lassen die hiesigen Molkereien jubeln. http://www.spiegel.de/wirtschaft/milch-china-ist-deutschlands-wachsender-absatzmarkt-a-916711.html
Ich sehe da ein Problem auf uns zukommen. Die Butter wird bald um 500% teurer werden.
2. Eine Recherche wert wäre ja mal
testuser300 16.08.2013
woher unser Milchpulver eigentlich so stammt - oder die Tiefkühlerbsen - oder der eingelegte Spargel... aber das wäre ja unseriöser Journalismus.
3. Für die MIlchbauern freut's mich ja....aber
Gegengleich 16.08.2013
hoffentlich lassen sich nun die deutschen Milchbauern aufgrund der steigenden Preise nicht dazu hinreißen, wieder mehr auf Masse statt Klasse zu setzen, d.h. z.B. nicht in Bio zu oder unter nicht artgerechten Bedingungen zu produzieren.
4. Aha
matze_wehlau 16.08.2013
"Wir haben ein gutes Standing, wegen unserer hohen Qualitäts- und Umweltschutzstandards" Und was musste man hier nicht schon alles darüber lesen, wie uns der Umweltschutz kaputt macht....
5. !
pterois 16.08.2013
Bleibt zu hoffen, dass davon tatsächlich die Bauern profitieren und nicht (nur) Zwischenhändler, Molkereien (die wenigsten gehören Bauerngenossenschaften) etc.
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