Milchboykott "Fettarm - gibt's nicht mehr"

Und der Boykott wirkt doch: Tagelang haben Milchindustrie und Einzelhandel die Folgen des Milchstreiks geleugnet. Doch jetzt wird klar: Die Regale in den Supermärkten bleiben leer, die Milch wird knapp.

Von Kristin Joachim


Hamburg - In fast jedem Einkaufskorb, der durch die Gänge rollt, liegt ein Milchprodukt - mindestens. Noch sind die Milchregale mittelprächtig gefüllt, immerhin nicht leer. Trotzdem ist die Stimmung in einem Hamburger Supermarkt gereizt. Der Marktleiter reagiert angespannt, auf die Frage nach Lieferengpässen wird er extrem wortkarg. Offiziell will er dazu nichts sagen.

Denn tatsächlich muss der Handel etwas zugeben, was ihm nicht leicht fällt: Seit mehr als einer Woche streiken Deutschlands Bauern - und der Streik wirkt. Großmolkereien stehen teilweise nur noch die Hälfte oder weniger der normalen Milchmengen zur Verfügung. Aldi, Lidl und Co. geht die Milch aus, der Milchindustrieverband warnte erstmals vor Lieferengpässen. Und das, obwohl Handel und Molkereien tagelang so getan haben, als ob der sich ausweitende Streik der Bauern ihnen nichts anhaben könnte.

Dass das nicht stimmt, zeigen andere Filialen in Hamburg. Eine Edeka-Mitarbeiterin ist ganz offen: "So langsam geht’s los. Buttermilch und Quark sind schon sehr knapp. Die Milchlieferungen heute waren auch nicht so üppig wie sonst." Auch hier sind die Regale dementsprechend übersichtlich gefüllt.

"Kriegszustände werden nicht ausbrechen"

Noch bekommen die Kunden vom dem Engpass nichts mit. Hamsterkäufe gebe es noch nicht, sagt die Verkäuferin, während sie Fruchtmilch in die Kühlregale einräumt. Trotzdem bleibt sie gelassen - auch wenn es in den nächsten Tagen gar keine Milch mehr geben sollte. "Kriegszustände werden hier sicherlich nicht ausbrechen. Es gibt ja auch noch Milchpulver und Kondensmilch. Und wenn es hier wirklich eng werden sollte, gibt es bestimmt noch was in irgendeinem anderen Laden."

Da allerdings könnte sie sich täuschen. Im Aldi-Markt um die Ecke sind die Regale mit der fettarmen Milch vollständig leergekauft - auch die mit H-Milch. Der Marktleiter ruft: "Gibt’s erst mal nicht mehr" - und wirkt entnervt. Heute habe es keine Milchlieferung gegeben. Auch von der 3,5-prozentigen Milch ist nur noch das verfügbar, was eben gerade noch auf Lager ist. Aldi habe in der Tat einen Lieferengpass, wann die Filiale wieder mit Milch beliefert werden soll, wisse niemand.

Deshalb hofft man auf das Verständnis bei den Kunden - und die nehmen's meistens gelassen. Eine junge Frau schaut sich schon einmal bei der Sojamilch um. "Die schmeckt mir auch. Also wenn es gar nichts mehr gibt, kann ich darauf zurückgreifen." Die koste zwar mehr, aber diesen Preis würde sie mittlerweile auch für normale Milch zahlen. "Ich habe mein Herz für die Milchbauern entdeckt" sagt sie.

Weniger trinken statt mehr zu zahlen

Auch andere Kunden haben Verständnis für den Lieferboykott. "Mir ist die Milch durchaus mehr wert als die 54 Cent, die hier ein Liter kostet", sagt ein Rentner, "Und ich verstehe die Bauern. Die müssen ja auch irgendwie leben." Mehr zahlen könne er aber nicht. Dann müsse er wohl einfach weniger trinken.

Grafik: Entwicklung der Milchpreise
DER SPIEGEL

Grafik: Entwicklung der Milchpreise

Doch es gibt auch Ausnahmen: Eine Frau mit Kinderwagen nimmt sich eine Stiege 3,5 prozentige Milch von der Palette. Auf die Frage, ob das eine Art Hamsterkauf sei, antwortet sie: "Gucken Sie sich das doch an", dabei zeigt sie auf die leere Palette der 1,5 prozentigen Milch, "Morgen ist vielleicht gar nichts mehr da. Und ich habe ein Kind." Auf die Milchbauern ist sie nicht gut zu sprechen.

Ob die Kunden in den nächsten Tagen tatsächlich um die Milch rangeln müssen, ist ungewiss. Klar ist nur: Der Druck auf die Bauern steigt, erste Molkereien haben angedroht, die Streikenden auf Schadenersatz zu verklagen.

Einknicken wollen die Bauern aber nicht. Gerüchte, der Milchbauernverband BDM habe einen Lieferstopp abgeblasen, nannte eine Verbandssprecherin "kompletten Quatsch". Ihr Verband habe die Milchviehhalter lediglich aufgerufen, die Zufahrten zu den Werken wieder freizugeben. Die Blockaden hätten die Bauern vor Ort selbst organisiert, sagte BDM-Sprecher Hans Foldenauer.

Gelassenheit bei Biosupermärkten

Auch politisch soll jetzt verhandelt werden: Der BDM ist am Dienstag mit Vertretern des Agrarausschusses des Bundestages zusammenkommen, um über den Milchstreik und den Streit um die Milchpreise zu sprechen. Auch ein weiteres Treffen mit dem Handel ist geplant - noch aber ohne Termin.

So aufgeheizt die Stimmung zwischen Bauern, Molkereien und Handel auch ist, so gelassen bleiben die Angestellten der Biomarktkette Basic. Hier sind die Regale bis obenhin gefüllt. Frischmilch, haltbare Milch - alles üppig vorhanden. "Unsere Bauern müssen nicht streiken und die Milch wegschütten. Das würde auch gar nicht zu unseren ethischen Grundsätzen passen", sagt eine Mitarbeiterin. Außerdem bekämen sie eben einen guten Preis für ihr Produkt. Der liegt mit rund 1,20 Euro doppelt so hoch wie der für konventionelle Milch - und macht sich auch bei den Bauern bemerkbar: Sie bekommen 16 Cent mehr als üblich.

Bei Basic ist man überzeugt, dass mit dem Milchstreik mehr Kunden zu Biomilch wechseln werden. Sie seien jetzt einfach für die Preispolitik sensibilisiert und zahlten gern mehr. "Denn dann wissen sie, dass die Milch sozusagen fair gehandelt ist und der Bauer dafür einen anständigen Preis bekommt."



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