Milliardär Merckle tot: "Das hat er einfach nicht ertragen"

Aus Blaubeuren berichtet

In Blaubeuren war er ein Idol: Ratiopharm-Gründer Adolf Merckle schien alles zu schaffen, bestieg Sechstausender und war dabei herzlich und hilfsbereit. Jetzt hat er sich selbst getötet. Weil sein Firmenimperium wegen der Finanzkrise vor dem Einsturz steht.

Die Wirtin in der "Gaststätte Güterbahnhof" kann es noch nicht fassen. "Wie weit unten muss man sein, um das zu tun?", fragt die blonde Frau mit heller Stimme und schüttelt den Kopf. Ausgerechnet Adolf Merckle. Der so viel geschafft hat in seinem Leben. Der so herzlich und lebensfroh schien. Der Sechstausender bestieg. Ausgerechnet der Vorzeigeunternehmer von Blaubeuren war so verzweifelt, dass er bei bitterer Kälte loszog zu der Bahnstrecke, die durch den Ort führt. Sich mitten auf die Gleise legte. Und sich von einem herbeisausenden Zug überrollen ließ. Das Firmenimperium des 74-Jährigen steht nach Fehlspekulationen mit VW-Aktien am Rande des Einsturzes.

Es ist Dienstag, Stammtischzeit im "Güterbahnhof". Erst seit ein paar Stunden ist klar, warum am Abend zuvor plötzlich Feuerwehr und Rettungswagen an dem Gasthaus vorbeidonnerten. Es dauerte fast einen vollen Tag, bis der Selbstmord bekannt wurde. Die meisten haben es in den Nachrichten gehört. Eigentlich unfassbar in einem so kleinen Ort.

Dafür fällt sein Name an den großen Holztischen nun umso öfter. Auch an diesem Abend klatschen die Spielkarten beim traditionellen Binockel-Spiel auf den Tisch. Doch immer wieder schüttelt einer der Spieler ungläubig den Kopf. "Was der in den letzten 40 Jahren hier geleistet hat, Tausende Arbeitsplätze hat der geschaffen", ruft einer. Zustimmendes Nicken. In Blaubeuren lässt man nichts auf Merckle kommen, was immer auch in der Zeitung stehen mag. Auch die Wirtin, die alle hier nur Elfie rufen, ist überzeugt: Merckle wurde "abgezockt", von irgendwelchen "Habichten".

Elfie ist ehrlich erschüttert, legt sich für Merckle ins Zeug. Dabei scheint die Welt eines Milliardärs sehr weit weg zu sein von dem schlichten Gasthof, wo Saure Kutteln, Linsen mit Spätzle und Eisbecher mit mächtig Sprühsahne und Pappschirmchen serviert werden. Aber die Wirtin kennt die Merckles, wohnt ganz in der Nähe. War auch mal zu Gast. Da hatte sie einfach mal angerufen, weil sie über eine Altenpflegeausbildung nachdachte und Rat brauchte. Die Frau Merckle sei bekannt für ihr karitatives Engagement - und habe sie bei dem Telefonat sofort eingeladen. "Wir hatten dann ein wunderbares Gespräch. So unglaublich herzlich." Am Ende bekam sie noch eine Kinderbibel geschenkt. "Religiös sind die Merckles nämlich auch."

Ziemlich cool für einen Miliardär

Man hört solche Geschichten, egal wohin man geht in Blaubeuren. Kein Wunder, in der schwäbischen 12.000-Einwohner-Gemeinde hat jeder mit jedem mal Kontakt. Und fast alle kennen Merckle. Zumindest den einen Merckle: den zurückgezogenen, kreuzsoliden und bodenständigen Unternehmer. Der 16-Jährige zum Beispiel, der vor dem Café Atelier auf Freunde wartet, findet, dass Merckle ziemlich cool war für die ganzen Milliarden, die er hatte.

Wie Merckle immer mit dem Fahrrad ins Büro gefahren sei, erzählt er, "und wenn das Wetter schlecht war, fuhr er mit einem Golf". In der Einfahrt des unauffälligen Flachdachhauses, das auf einem kleinen Hügel liegt, hätten sie als Kinder auch immer Fußball spielen dürfen. "Da haben die nie etwas gesagt."

Auch die Kassiererin in der winzigen Tankstelle am Ortseingang kennt die Familie - weil sie immer mal wieder bei Ratiopharm gejobbt hat, als Putzhilfe oder sie hat biometrische Daten in den Computer eingegeben. "Da war immer sehr schöne Stimmung in der Firma", versichert sie.

Wie gut Merckle seinen Mitarbeiter behandelt habe, wird auch im "Güterbahnhof" immer wieder betont. "Betriebsfeste zum Beispiel hat der sich ordentlich was kosten lassen." Da hätte man auch schon mal die ganze Familie mitbringen können.

Für die Blaubeurener ist Merckle vor allem eins: Unternehmer alter Schule. Einer, der sich von unten ganz nach oben gearbeitet und trotzdem nicht nur aufs Geld geschielt hat. 1967 übernahm Merckle die Familienfirma "Drogen und Chemikalien en gros", die damals mit 80 Mitarbeitern gerade einmal vier Millionen Mark erwirtschaftete. Der studierte Jurist machte daraus ein kunterbuntes Firmenimperium mit zuletzt 100.000 Mitarbeitern und rund 30 Milliarden Euro Umsatz. Der Baustoffhersteller HeidelbergCement gehört ebenso dazu, wie eine Bergbahn im Kleinwalsertal oder Beteiligungen an einer Software-Firma. Doch Merckles Meisterstück blieb: Das 1974 gegründete Pharmaunternehmen Ratiopharm, mit dem der Unternehmer das aus den USA stammende Generikageschäft mit Nachahmerprodukten nach Deutschland importierte und erstmals für scharfen Preiswettbewerb auf dem Markt sorgte.

Merckles anscheinend unerschütterlicher Ruhm in der Region Blaubeuren wurde noch durch Firmenzukäufe verfestigt, mit denen der Unternehmer soziales und lokales Engagement beweisen wollte. 1999 kaufte Merckle etwa den Laupheimer Pistenraupenhersteller Kässbohrer nach einem missglückten Börsengang. Nebenbei legte Merckle einen Forschungspreis auf, machte sich für Leukämieforschung ebenso stark wie für den Kampf gegen die Beschneidung von Frauen.

SPIEGEL WISSEN: Adolf Merckle und sein Imperium
Adolf Merckle, geboren 1934, studierter Jurist, übernahm 1967 die Familienfirma und baute sie zu einer weitverzweigten Firmengruppe aus. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
Die Merckle-Gruppe beschäftigte 2008 etwa 100.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von rund 30 Milliarden Euro. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
Die VEM-Gruppe ist ein wichtiger Teil des Merckle-Firmengeflechts - die VEM Vermögensverwaltung steht im Zentrum der Fehlspekulationen im Zuge der Finanzkrise. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
Merckle gründete Ratiopharm 1974 in Blaubeuren als hunderprozentige Tochterfirma - heute ist sie einer der größten internationalen Produzenten von Generika (Nachahmermedikamente) und Branchenführer in Deutschland. mehr auf SPIEGEL WISSEN...

Auch im Pharmagroßhandel ist Merckle aktiv, über die Firma Phoenix. mehr auf SPIEGEL WISSEN...
HeidelbergCement ist seit 2007 der größte Zuschlagstoff- und der viertgrößte Zementhersteller weltweit. Über die Spohn Cement GmbH hält die Familie Merckle 60,59 Prozent der Aktien an dem Unternehmen. mehr auf SPIEGEL WISSEN...

Auch im Bau von Spezialfahrzeugen ist Merckle aktiv, über die Firma Kässbohrer Geländefahrzeug AG. mehr auf SPIEGEL WISSEN...

Kritik an dem undurchschaubaren Firmengeflecht hatte es immer mal wieder gegeben. Es gehe vor allem darum, Steuern zu minimieren und Gewinne zu verschieben, monierte das "Handelsblatt" schon 2005. Doch all das brachte die Merckle-Welt nicht wirklich ins Wanken.

Doch dann kam der November. Und alles geriet aus den Fugen.

Erst wird bekannt, dass Merckle sich im Poker um die Übernahme durch Porsche mit VW-Aktien verspekuliert hat - Seit an Seit mit so manchem Hedgefonds- und Investmentbanker. Plötzlich wird deutlich, auf welch brüchigem Fundament das Imperium des Tycoons eigentlich steht. Riskante Kreditkonstruktionen, mit denen so einige unternehmerische Schritte gestemmt worden waren, erweisen sich im Zuge der Finanzkrise als schicksalhaft. Aktien, die als Sicherheiten hinterlegt wurden, verlieren mit einem Mal drastisch an Wert - und die Banken laufen Sturm. Es folgen zähe Verhandlungen mit Dutzenden Geldinstituten, eine peinliche Schlagzeile nach der anderen.

Finanzbedarf wird auf 700 Millionen geschätzt

Wie groß die Not wirklich ist, ist bis heute nicht öffentlich gemacht worden. Früheren Angaben aus Finanzkreisen zufolge belief sich der Finanzbedarf des Unternehmens auf 700 Millionen bis eine Milliarde Euro. Klar ist: Auch ein ausgehandelter Überbrückungskredit wird Merckles Welt nicht retten können. Es wird großräumig umgeschuldet und saniert werden müssen. Ratiopharm gilt mittelfristig als Verkaufskandidat.

"Das war sein Lebenswerk", heißt es in Blaubeuren derzeit überall. "Das hat er einfach nicht ertragen", sagt die Wirtin vom "Güterbahnhof". Auch die Familie erklärte am Dienstag: "Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen." Merckle selbst schrieb zwar einen Abschiedsbrief - einen Grund für seinen Freitod nannte er aber nicht. Er entschuldigte sich nur bei seiner Familie.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurde Merckle am Montag gegen 19.30 Uhr von einem Bahn-Mitarbeiter auf den Gleisen gefunden. Hinweise auf Fremdverschulden hat die Polizei nicht; sie geht davon aus, dass sich der Industrielle auf die Gleise gelegt hat. Die Leiche konnte zunächst nicht identifiziert werden. Erst durch weitere Erkenntnisse wurde klar, dass es sich um Merckle handelte. Ein DNA-Abgleich soll binnen einer Woche letzte Gewissheit bringen. Merckle hinterlässt seine Frau Ruth, mit der er die drei Söhne Ludwig, Philipp Daniel, Tobias und die Tochter Jutta hatte.

Das Ringen um die Rettung des Merckle-Imperiums
17. November 2008
Merckle hat sich laut Finanzkreisen mit VW-Aktien verspekuliert und dabei hohe Verluste verbucht.
18. November
Merckle spricht mit Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) über eine Landesbürgschaft, stellt aber keinen Antrag. Nach Zeitungsangaben geht es um 150 Millionen Euro.
20. November
Der Milliardär bestätigt offiziell, dass er bei Wetten mit VW-Aktien einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag verloren hat. Andere Quellen sprechen von einem Schuldenberg von bis zu fünf Milliarden Euro, der auf seiner VEM Vermögensverwaltung lasten soll.
25. November
Bei einer Betriebsversammlung von Ratiopharm sagt Adolf Merckles Sohn Ludwig, dass die Banken auf eine Zerschlagung des Firmenimperiums dringen.
8. Dezember
Der Unternehmer unterbreitet den Banken ein neues Angebot. Es enthält die Anteile an den Unternehmen Ratiopharm, HeidelbergCement und dem Pharmagroßhandel Phoenix. Drei Tage später droht der Unternehmer, seine Holding VEM in die Insolvenz gehen zu lassen, sollte er keinen Kredit bekommen.
12. Dezember
Die Banken unterbreiten Merckle ein Gegenangebot. Der Unternehmer akzeptiert dieses weitgehend. Er soll sogar zu einem Ratiopharm-Verkauf bereit sein.
23. Dezember
Merckle und seine Gläubigerbanken einigen sich auf Eckpunkte eines Sanierungskonzepts, wonach er unter anderem die Kontrolle über wichtige Teile seiner Firmengruppe abtreten soll.
30. Dezember
Alle gut 30 beteiligten Gläubigerbanken unterzeichnen eine Kreditstundung für die nächsten Monate.
5. Januar 2009
Am späten Nachmittag wird Merckle in der Nähe seiner Wohnung in Blaubeuren südwestlich von Ulm von einem Zug erfasst und getötet.

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Adolf Merckle: Niedergang eines Pharmamoguls