Milliarden-Ergebnis Nokia-Rekordgewinn verbittert Bochumer Mitarbeiter

Buhrufe, Pfiffe - und grenzenlose Wut: Die Beschäftigten des Nokia-Werks in Bochum sind über den Milliardengewinn des Konzerns verbittert. Nokia-Chef Kallasvuo entschuldigt sich bei ihnen - von seinem Entschluss zur Werksschließung rückt er aber nicht ab.


Helsinki/Bochum - Die Zahlen waren erwartet worden - und trotzdem bringen sie die Mitarbeiter des Bochumer Nokia-Werks in Rage: "Das ist und bleibt eine Riesensauerei", sagte Betriebsratschefin Gisela Achenbach. "Wir haben 2007 wesentlich dazu beigetragen, dass dieses exzellente Ergebnis im Konzern zustande kam", sagte sie vor dem Werkstor, wo die Zahlen des Mobilfunkkonzerns mit Pfiffen und Buhrufen quittiert wurden. "7,2 Milliarden Reinerlös - damit könnten die über 100 Jahre unsere Lohnkosten zahlen." Die Arbeitnehmervertreter hatten dort vor ihrem permanenten Protestzelt zu einer "alternativen Bilanzpressekonferenz" geladen.

Nokia-Mitarbeiter in Bochum: "Wir haben die Rendite miterwirtschaftet."
DPA

Nokia-Mitarbeiter in Bochum: "Wir haben die Rendite miterwirtschaftet."

Weltmarktführer Nokia hatte heute einen Gewinnanstieg von 67 Prozent für das vierte Quartal ausgewiesen. Von Oktober bis Dezember verkaufte Nokia so viele Handys wie seine drei schärfsten Rivalen zusammen. Die Gewinnmarge in der Mobilfunksparte kletterte auf 23,8 Prozent und liegt damit deutlich über denen von Sony Ericsson und Samsung, die Renditen von 13 und 11,4 Prozent auswiesen.

Gleichzeitig hatte Nokia in der vergangenen Woche angekündigt, das Bochumer Werk aus Kostengründen zur Jahresmitte zu schließen und die Produktion hauptsächlich in ein neues Werk nach Rumänien zu verlagern. "Wir haben hier eine Rendite von 15 Prozent erwirtschaftet", sagte Ulrike Kleinebrahm, Bevollmächtigte der IG Metall Bochum. "Der Standort ist wettbewerbsfähig." Nokia solle die Zahlen auf den Tisch legen, die den angeblichen Standortnachteil belegten. "Wir werden die Pläne nicht akzeptieren", sagte Kleinebrahm.

Die Bochumer Nokianer hätten durch Sonderschichten und Sonntagsarbeit erheblich zum Erfolg beigetragen. "Der Gewinn ist auch unser", rief sie unter Pfiffen und Buhrufen der Beschäftigten. Die Gewerkschaft setze auf neue Gespräche mit der Geschäftsführung, sagte die IG-Metall-Bevollmächtigte Ulrike Kleinebrahm. "Der Imageschaden für Nokia tut denen jetzt schon weh. Wir werden nachsetzen."

Entscheidung bleibt unumstößlich

Doch die Entscheidung des Konzerns scheint unumstößlich: Zwar entschuldigte sich der Chef des finnischen Handy-Konzerns, Olli-Pekka Kallasvuo, ausdrücklich für die Entscheidung. "Ich will mich dafür entschuldigen, dass wir dazu kommen mussten, eine so schmerzliche Entscheidung zu treffen. Er machte aber auch klar, dass daran kein Weg vorbei führe: "Sie basiert aber auf soliden Argumenten."

Kallasvuo kündigte baldige Gespräche mit der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen an, um "innovative Lösungen für die Region Bochum zu finden". Nokia wolle zeigen, dass das Unternehmen ein "verantwortungsbewusster Teil der Gesellschaft" sei. Er verteidigte die Entscheidung zur Streichung der 2300 Arbeitsplätze mit zu hohen Kosten.

"Wir sind davon überzeugt, dass es für Nokia noch nicht zu spät ist, die Geisterfahrt unfallfrei zu beenden." Betriebsrat und IG Metall seien gesprächsbereit. "Wir sehen zu, dass wir zeitnah einen Termin mit der Konzernführung finden." Ein Gespräch in dieser Woche in Finnland war ohne Annäherung geblieben.

Unterstützung erhalten die Beschäftigten derzeit von prominenten Nokia-Kunden. Vodafone habe 10.000 Unterschriften gesammelt, sagte Kleinebrahm. Der Betriebsrat der Deutschen Telekom, Thomas Feilhauer, überreichte einen offenen Brief. Darin wird der Telekom-Vorstand aufgerufen, sämtliche Geschäftsbeziehungen mit Nokia aufzulösen, wenn das Werk in Bochum geschlossen wird.

sam/Reuters/AP/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.