Milliardendeal E.on will Stromnetz verkaufen - um Zerschlagung zu entgehen

Es ist eine Kehrtwende um 180 Grad: E.on will sein Stromnetz und einzelne Kraftwerke freiwillig verkaufen. Damit kommt der Energiekonzern einer Zerschlagung durch die EU-Kommission zuvor. Konkurrent RWE ist entsetzt, die Bundesregierung fühlt sich verraten, Verbraucherschützer jubeln.

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Berlin - Es könnte eine der größten Transaktionen des Jahres in Deutschland werden: Der Energie-Gigant E.on prüft den Verkauf seiner Übertragungsnetze. Dies teilte der Konzern heute Nachmittag mit. Zuvor hatte Vorstandschef Wulf Bernotat den möglichen Verkauf mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besprochen, sagte ein Regierungssprecher in Berlin. Die Regierung nehme zur Kenntnis, dass der Konzern "aus betriebswirtschaftlichen Gründen" diesen Schritt prüfe.

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Die Stromleitungen des Konzerns dürften einen Wert von mehreren Milliarden Euro haben. Für E.on wäre der Verkauf eine strategische Kehrtwende um 180 Grad. Ohne Netze würde das Unternehmen auf dem deutschen Strommarkt zu einem reinen Erzeuger und Händler werden. Die enorme Marktmacht, die E.on immer wieder vorgeworfen wird, wäre zu einem guten Teil gebrochen.

Mit dem Verkauf möchte E.on offenbar einer Zerschlagung durch die EU-Kommission zuvorkommen. Die oberste europäische Behörde hatte mehrfach gedroht, den großen Stromkonzernen ihre Netze wegzunehmen, um so endlich für mehr Wettbewerb zu sorgen. Diesem Druck weicht der Konzern nun offenbar aus.

Möglicherweise hat die Entscheidung den Vorteil, dass E.on für sein Netz zurzeit noch einen recht guten Preis verlangen kann. Sollte es hingegen zu einer Zwangszerschlagung der Energiekonzerne kommen, könnten die Unternehmen ihre Netze wohl nur noch unter Wert verkaufen. Insgesamt besitzt E.on mehr als 10.000 Kilometer Hoch- und Höchstspannungsleitungen.

Sinkende Preise mit unabhängigem Netzbetreiber

In der Bundesregierung stoßen die E.on-Pläne auf wenig Verständnis. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hatten in Brüssel immer wieder Lobbyarbeit für die deutschen Stromkonzerne betrieben - und sich im Interesse von E.on und Co. gegen eine Zerschlagung ausgesprochen. Dass E.on nun aus der gemeinsamen Front ausschert, muss der Regierung wie Verrat vorkommen.

Auch auf die anderen deutschen Energiekonzerne muss das Vorpreschen von E.on wie ein Schock wirken. Die Nummer zwei im Markt, RWE, stellte heute sogleich klar, dass man am eigenen Netz festhalte. Gerade auch wegen der Versorgungssicherheit gebe es "dafür gute Gründe", sagte ein Sprecher. Erst gestern hatte RWE-Chef Jürgen Großmann vor Blackouts im Sommer gewarnt.

Konkurrent EnBW will sich ebenfalls nicht von seinem Übertragungsnetz trennen. Man plane keine freiwillige Abtrennung, sagte ein Sprecher in Karlsruhe. Vattenfall hingegen schließt einen Verkauf seines Übertragungsnetzes nicht aus. "Wir prüfen alle Optionen. Dabei sind auch andere Eigentümerstrukturen denkbar", sagte ein Sprecher.

Verbraucherschützer sind begeistert. Sie hatten stets gefordert, dass Stromnetz und -erzeugung voneinander getrennt werden müssten. Nur ein unabhängiger Netzbetreiber könne sicherstellen, dass alle Stromanbieter die Leitungen gleichberechtigt nutzen können. Dadurch werde der Wettbewerb belebt, was die Preise tendenziell drücke.

Werden die Leitungen an Heuschrecken verkauft?

Wer das E.on-Netz kaufen könnte, ist allerdings unklar. Fest steht nur, dass Interessenten sehr viel Geld mitbringen müssen. Der russische Energiekonzern Gasprom hatte mehrfach Interesse am deutschen Markt erkennen lassen. Allerdings dürfte den Russen das deutsche Stromnetz zu streng reguliert sein, unter anderem durch die Bundesnetzagentur.

Wahrscheinlicher ist ein Einstieg von Finanzinvestoren. Sie würden auch genug Geld mitbringen, um die dringend nötigen Investitionen in die veralteten Leitungen und Masten zu stemmen. Im Gegenzug garantiert der Betrieb eines Stromnetzes langfristig sichere Renditen ohne großes Risiko.

E.on selbst teilte mit, der Käufer der Übertragungsnetze könne ein Betreiber sein, der nicht im Bereich der Stromerzeugung oder Stromversorgung tätig sei - was für Finanzinvestoren spricht. In Regierungskreisen heißt es lediglich, dass man einen deutschen Investor bevorzugen würde. Das Netz dürfe nicht in ausländische Hände geraten.

Generell steht die Bundesregierung den E.on-Plänen skeptisch gegenüber. Laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" war Merkel über das Vorhaben von E.on-Chef Wulf Bernotat nicht erfreut, weil sich die Regierung in Brüssel monatelang gegen die Zerschlagungspläne der EU-Kommission gewehrt habe. Zuletzt hatte Deutschland sogar Verbündete für eine Alternativlösung gefunden.

An dieser "dritten Option" halte man fest, sagte heute ein Regierungssprecher. Diese sieht die organisatorische Trennung von Stromproduktion und -transport vor, nicht aber die eigentumsrechtliche Entflechtung. Ausgerechnet heute diskutieren die europäischen Wirtschaftsminister in Brüssel über diesen Vorschlag.

Im Kern ist E.on in seiner Entscheidung aber frei. Der Regierungssprecher stellte klar: "Die Frage des Eigentums an den Netzen ist Sache der Unternehmen."

"Das riecht nach einem Ablenkungsmanöver"

Kritik kam von Hessens Wirtschaftsminister Alois Riehl (CDU). "Aus Sicht der Stromverbraucher verspricht ein Verkauf der E.on-Netze keine spürbar sinkenden Strompreise." Rhiel regte stattdessen einen Zwangsverkauf einzelner Kraftwerke an. Dadurch könne der Wettbewerb besser belebt werden. Die vier großen Konzerne E.on, RWE, Vattenfall und EnBW verfügen derzeit über 80 Prozent der gesamten Kraftwerkskapazität in Deutschland.

Möglicherweise kommt es nun sogar schneller zu einem Kraftwerksverkauf als gedacht. Denn E.on will sich nicht nur von seinen Übertragungsnetzen trennen - sondern auch von Erzeugungskapazitäten im Volumen von 4800 Megawatt. Dies entspricht der Leistung von fünf großen Atommeilern. Die Kraftwerke sollen an Konkurrenten verkauft werden, teilte E.on mit.

Offenbar will der Konzern auf diese Weise die laufenden Kartellverfahren der EU-Kommission beilegen. E.on fürchtet eine Milliarden-Strafe. Nach Konzernangaben gibt es bereits eine Einigung mit Brüssel. Auch die EU-Kommission verkündete eine Übereinkunft.

Bärbel Höhn, Fraktionsvize der Grünen, bleibt trotzdem skeptisch. "Das riecht nach einem Ablenkungsmanöver. E.on wird seine Gelddruckmaschinen niemals freiwillig verkaufen."

Mit Material von dpa-AFX/ddp/Reuters



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