Milliardenpaket Siemens verkauft VDO - und kauft neu ein

Lange wussten die 50.000 VDO-Mitarbeiter nicht, wie die Zukunft ihres Unternehmens aussieht. Jetzt ist klar: Siemens verkauft seinen Autozulieferer an Continental für elf Milliarden Euro - und übernimmt gleichzeitig für fünf Milliarden Euro den US-Medizintechnikhersteller Dade Behring.


München - Der Siemens-Konzern wird seine Automobilzuliefer-Sparte Siemens VDO komplett an Continental Chart zeigen verkaufen, teilte der Konzern heute im Anschluss an eine Aufsichtsratssitzung mit. Continental zahlt dafür 11,4 Milliarden Euro. Die Vorbereitungen für den ursprünglich geplanten Börsengang werden den Angaben zufolge entsprechend eingestellt. Zuletzt hatten sich Conti und der US-Zulieferer TRW, an dem der Investor Blackstone beteiligt ist, ein Bietergefecht um VDO geliefert.

Das Firmenschild von Siemens VDO: Verkauf statt Börsengang
DPA

Das Firmenschild von Siemens VDO: Verkauf statt Börsengang

Zusammen erzielen Continental und Siemens VDO den Angaben zufolge auf Basis 2006 einen Jahresumsatz von rund 25 Milliarden Euro und zählen knapp 140.000 Beschäftigte weltweit. Damit rücke Continental weltweit unter die Top-Fünf der Automobil-Zulieferindustrie vor. Siemens VDO allein kommt auf etwa zehn Milliarden Euro Umsatz. Von den weltweit rund 53.000 VDO-Mitarbeitern sind 20.000 in Deutschland beschäftigt. Die größten Standorte liegen in Regensburg (6000 Beschäftigte), im hessischen Babenhausen (2400) sowie in Würzburg (1500).

Zugleich teilte Siemens mit, den US-Medizintechnikhersteller Dade Behring für sieben Milliarden Dollar (5,1 Milliarden Euro) übernehmen zu wollen. Die Kartellbehörden müssten der Großübernahme allerdings noch zustimmen.

Siemens wolle alle verfügbaren Dade-Behring-Aktien erwerben und Aktionären des US-Unternehmens pro Aktie 77 US-Dollar in bar bieten. An der New Yorker Börse hatten die Papiere gestern bei 55,91 Dollar geschlossen. Mit dem Abschluss des Geschäfts rechnet Siemens im zweiten Quartal 2008. Dade Behring selbst erwartet ein offizielles Angebot an seine Aktionäre bis 8. August, wie das Unternehmen in Deerfield im US-Bundesstaat Illinois mitteilte. Der Verwaltungsrat des Unternehmens habe der Offerte einstimmig zugestimmt.

"Unternehmen ist auf dem richtigen Weg"

Siemens Chart zeigen präsentierte auch Geschäftszahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahrs 2006/07: In den Monaten April bis Juni stieg das operative Ergebnis der Bereiche um 22 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro, trotz eines Verlustes von 371 Millionen Euro von Nokia Siemens Networks (NSN). Der Umsatz sei um acht Prozent auf 20,18 Milliarden Euro, der Auftragseingang um 13 Prozent auf 22,15 Milliarden Euro gewachsen. "Die Ergebnisse von Siemens im dritten Quartal zeigen, dass das Unternehmen auf dem richtigen Weg ist", sagte der neue Vorstandschef Peter Löscher heute in München. Der Konzernumbau sei gut gestartet.

Löscher will die Abläufe im Unternehmen beschleunigen und die durch die Siemens-Affäre entstandenen Schäden beseitigen. "Im vierten Quartal werde ich mich auf fünf Themen konzentrieren: Compliance, Führungskultur und Organisationsstruktur, Geschäftsportfolio, starke Wachstumsmärkte sowie Innovationen", sagte er. Die Kosten für die internen Untersuchungen im Zusammenhang mit der Affäre bezifferte er auf 125 Millionen Euro im dritten Quartal.

"Besseres Ergebnis erwartet"

Die Aktien von Siemens sind nach Mitteilung der Quartalszahlen und des Verkaufs von VDO an Continental um über drei Prozent auf 102,50 Euro gefallen. "Viele hatten einen Erlös von zwölf Milliarden Euro oder sogar mehr erwartet, jetzt sind es nur 11,4 Milliarden", begründete ein Händler den Kurssturz. Zuvor hatten Siemens-Aktien noch 1,7 Prozent zugelegt, ehe auf den zweiten Blick die Enttäuschung überhand nahm.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat den Verkauf des Autozulieferers VDO an den Continental-Konzern begrüßt. "Bei der Übernahme von VDO durch Continental werden von allen diskutierten Modellen die meisten Arbeitsplätze gesichert", sagte Wulff nach Bekanntwerden der Verkaufsentscheidung. "Die Entscheidung ist gut für die Siemens AG, gut für die Arbeitsplätze und gut für den Wirtschaftsstandort Niedersachsen." Die Continental AG werde mit dieser Entscheidung als einer der weltweit größten Automobilzulieferer-Unternehmen weiter gestärkt, sagte Wulff.

sam/ddp/Reuters/dpa-AFX/dpa



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