Milliardenschäden Finanzkrise belastet Landesbanken schwer

Der BayernLB drohen Abschreibungen von 300 Millionen Euro, LBBW und HSH Nordbank ziehen ihre Gewinnprognosen zurück - insgesamt müssen deutsche Landesbanken durch die Finanzkrise gigantische Verluste hinnehmen. Experten werfen den Geldhäusern "unverantwortliche Sorglosigkeit" vor.


Hamburg - Die Immobilienkrise brachte der SachsenLB im vergangenen Jahr das Aus, die WestLB überlebte Anfang 2008 nur dank milliardenschwerer Rückendeckung durch die Eigner. Jetzt drohen den noch sieben selbständigen Landesbanken in Deutschland durch die Eskalation der Finanzkrise erneut Abschreibungen in Milliardenhöhe. Allein die Nettobelastung der Geldinstitute aus dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers Chart zeigen belaufe sich auf mehr als eine Milliarde Euro, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung aus Branchenkreisen.

BayernLB-Zentrale in München: Womöglich 300 Millionen Euro Ausfälle
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BayernLB-Zentrale in München: Womöglich 300 Millionen Euro Ausfälle

Betroffen seien vor allem die HSH Nordbank, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die BayernLB, heißt es. Die LBBW zog ihre Gewinnprognose zurück. "Wir gehen jetzt davon aus, dass unser Ergebnis mit einem Betrag im unteren dreistelligen Millionenbereich belastet wird", sagte LBBW-Chef Siegfried Jaschinski den "Stuttgarter Nachrichten".

Auch die HSH Nordbank teilte mit, ihre Ergebnisaussagen nicht mehr aufrechtzuerhalten. "Es ist zurzeit sehr schwierig, konkrete Zahlen zu nennen", sagte eine Unternehmenssprecherin am Freitag in Hamburg. Die Bank zog damit ihre erst Anfang des Monats gestellte Prognose über einen Gewinn von 400 Millionen Euro für das Gesamtjahr zurück, ohne eine neue abzugeben. Zu der Höhe möglicher Verluste äußerte sie sich nicht.

"Alle Landesbanken sind betroffen"

Konkreter wurde dagegen die BayernLB: Ihr drohen durch die Pleite von Lehman Brothers womöglich Ausfälle in Höhe von 300 Millionen Euro. Das schrieb Bankchef Michael Kemmer am Freitag in einem Brief an die Mitarbeiter von Deutschlands zweitgrößter Landesbank. Die Belastungen aus der Finanzkrise erhöhen sich für die BayernLB damit auf mehr als fünf Milliarden Euro. Die Bank habe langjährige Geschäftsbeziehungen zu der einst viertgrößten Investmentbank an der Wall Street gehabt. "Wir sind bei Lehman Brothers sowohl Gläubiger als auch Schuldner", heißt es in dem Brief.

Klar ist, dass alle Landesbanken in der einen oder anderen Form betroffen sind. Das bestätigte ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) gegenüber SPIEGEL ONLINE. Sie seien in "unterschiedlicher Höhe, aber allesamt doch in vertretbarem Rahmen" tangiert. Zahlen könne man aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen.

DSGV-Präsident Heinrich Haasis erklärte, zwar seien alle Landesbanken "mehr oder weniger" mit Lehman verbandelt. "Wir gehen im Augenblick davon aus, dass jedes Haus das selber verkraften kann. Deshalb besteht dort im Augenblick kein Anlass zu der Frage, ob es zu Stützungsaktionen kommt."

Doch sind es nicht nur die direkten Auswirkungen der Lehman-Pleite, die den Landesbanken zu schaffen machen, sondern auch die generelle Krise auf den Finanzmärkten. Die öffentlich-rechtlichen Geldinstitute haben laut "Handelsblatt" bereits im bisherigen Verlauf der Krise Belastungen von rund 15 Milliarden Euro verkraften müssen. Für das dritte Quartal würden nun weitere hohe Bewertungsverluste erwartet. "Die Monate Juli und August waren schlecht, der September bisher desaströs", zitierte das "Handelsblatt" einen Landesbankvorstand. Es kämen mit Sicherheit neue Bewertungsverluste in Milliardenhöhe auf die Institute zu.

Experten fordern radikalen Umbau des Bankensektors

Schon im Zuge der Immobilienkrise habe man den Eindruck bekommen, "dass die Landesbanken stärker leiden als die privaten Banken", sagte Bankenexperte Dieter Hein von der Frankfurter Analystenfirma Fairesearch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die WestLB behaupte zwar, ihr Anteil an riskanten Geschäften bei der US-Investmentbank Lehman Brothers sowie beim US-Versicherer AIG Chart zeigen liege im "einstelligen Millionenbereich". Aber auch die Mittelstandsbank IKB Chart zeigen habe vor Bekanntwerden ihrer Milliardenverluste behauptet, das Risiko liege im einstelligen Millionenbereich. "Da hat man sich um den Faktor tausend verschätzt", sagt Analyst Hein. "Wer weiß, ob das nicht wieder der Fall ist?"

Experten werfen den Landesbanken eine "unverantwortliche Sorglosigkeit" im Umgang mit spekulativen Finanzprodukten vor. "Ihnen droht kein Konkurs, da letztlich immer der Steuerzahler für entstandene Schäden einspringt", sagte ein Analyst. Eine Reform der Landesbanken - wie zum Beispiel das Zusammenlegen von Instituten, wie es der DSGV anstrebt - werde es aber nur geben, wenn die Lage dazu zwinge. "Von selbst werden sie keine Reform anstoßen, dazu sind bei den öffentlich-rechtlichen Geldhäusern viel zu viele Akteure im Spiel", sagte er.

Auch die fünf Wirtschaftsweisen kritisieren die Landesbanken und fordern einen radikalen Umbau des Bankensektors. Bereits im August plädierten sie in einem Gutachten für die Bundesregierung dafür, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten möglichst rasch privatisiert werden sollten. Die Landesbanken seien nicht nur besonders von den Folgen der weltweiten Finanzkrise betroffen, "sie weisen auch eine geringe Rentabilität auf und verfolgen häufig wenig tragfähige Geschäftsmodelle", hieß es in dem Papier.

kaz/AP/dpa-AFX/Reuters



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