Milliardenschwindler Madoff: New York empört sich über den Penthouse-Häftling

Von , New York

"Das soll wohl ein Witz sein!" Er hat mehr als 8000 Menschen geprellt, manche stehen vor dem Ruin - und noch aus seinem Luxus-Hausarrest heraus wollte US-Investor Madoff per Post Uhren und Juwelen in Sicherheit bringen. Trotzdem muss er nicht in Untersuchungshaft. Die Empörung ist groß.

New York - Bernard Madoff weiß mit Menschen umzugehen. Der Ex-Investmentmanager und geständige Milliardenbetrüger, der in New York derzeit unter Hausarrest steht, sorgt sich derzeit um seine Nachbarn. In persönlichen Briefen an seine Mitbewohner im noblen Apartmenthaus auf Manhattans Upper East Side bedauerte er jetzt all "die schrecklichen Misslichkeiten, die ich in den vergangenen Wochen verursacht habe".

Bernard Madoff: "Honigkuchenpferd der Finanzschwindler"
REUTERS

Bernard Madoff: "Honigkuchenpferd der Finanzschwindler"

Die höfliche Abbitt-Schreiben, das Madoff in der Marmorlobby des Gebäudes auslegen ließ, bezog sich allerdings nicht auf seine Machenschaften an den Finanzmärkten. Es ging ihm um den Medienrummel vor seinem Hauseingang an der East 64th Street. Rund um die Uhr belagern Scharen von Reportern das Portal, dafür entschuldigte sich Madoff nun "zutiefst" - und schloss dann "mit den allerbesten Grüßen."

An seine eigentlichen Opfer - Privatanleger, Fonds, Banken - hat Madoff dagegen bisher kein einziges Wort gerichtet. Es sind mehr als 8000 geschädigte Ex-Klienten des Investors, von denen viele jetzt vor dem finanziellen Ruin stehen. Mehr noch: Der wohl größte Finanzbetrug der US-Geschichte erreicht nun selbst das Team des designierten Präsidenten Barack Obama. Mary Schapiro, die künftige Chefin der blamierten Börsenaufsicht SEC, steht in der Kritik und wird den Schlamassel bewältigen müssen.

Madoff soll Anleger um rund 50 Milliarden Dollar gebracht haben - unter den Augen der SEC, die die Gefahr erst sah, als er im Dezember auspackte. Doch das ist längst nicht mehr die einzige Kuriosität an dieser Affäre. Ermittler und Buchhalter kämpfen sich durch Madoffs Bilanzgestrüpp, und jeden Tag gibt es neue absonderliche Entwicklungen.

An diesem Montag scheiterte die Staatsanwaltschaft mit ihrem Versuch, den 70-Jährigen wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr aus dem goldenen Käfig seiner Sieben-Millionen-Dollar-Luxusresidenz heraus in Untersuchungshaft zu zwingen. Ein Schritt, den die meisten Rechtsexperten als Selbstverständlichkeit erwartet hatten.

Es gebe keine Beweise, dass sich Madoff dem Verfahren durch Flucht entziehen wolle, urteilte dagegen Richter Ronald Ellis: "Antrag abgelehnt." Der Betrüger darf gegen eine Kaution von zehn Millionen Dollar mit einer elektronischen Fußfessel im "Penthouse-Arrest" (CNN) verweilen. Das Boulevardblatt "New York Post", Stimme des Volkes, verlieh der Empörung Ausdruck: "Das soll wohl ein Witz sein!"

Schließlich hatte sich Madoff gerade erst dabei erwischen lassen, wie er aus seinem Wohngefängnis heraus Wertobjekte für mindestens eine Million Dollar per Post an die Verwandtschaft schickte, um sie so vor dem Zugriff der Justiz zu retten. Unter den Wertstücken fanden sich Armbanduhren (Tiffany, Cartier), Diamantbroschen, eine Diamantkette, ein Smaragdring und mehr. Madoffs Advokaten sprachen von Erbstückversand. Noch kurz vor seiner Verhaftung hatte er außerdem laut Staatsanwaltschaft Schecks im Gesamtwert von 173 Millionen Dollar ausgestellt. Er sei aber nicht mehr dazugekommen, sie abzuschicken.

Damit das nicht noch mal vorkommt, verschärfte Richter Ellis immerhin die Kautionsauflagen. Madoff, "das Honigkuchenpferd der Finanzschwindler", wie ihn die "New York Times" schon nannte, muss ein komplettes Inventar "aller transportablen Gegenstände" vorlegen. Dieses wird dann alle zwei Wochen kontrolliert. Außerdem lesen die Fahnder fortan seine Korrespondenz mit.

Das dürfte ratsam sein. Denn Madoffs Verbindungen reichen um die ganze Welt. Von dem Skandal sind Banken, Firmen, Stiftungen und Privatleute auf fast jedem Kontinent betroffen, und stündlich wird die Liste länger.

Die meisten Opfer sind in New York City, der Stadt, die ohnehin wie keine andere unter der Finanzkrise leidet. Seit Madoffs Festnahme am 12. Dezember konnte die Lokalpresse täglich eine Sensation vermelden - immer neue Opfer meldeten sich, dramatische Schicksale wurden bekannt, die Dimension des Skandals wuchs.

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Bernard Madoff: Der tiefe Fall einer Investment-Legende

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