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Milliardenspritze: Europäische Zentralbank flutet den Geldmarkt

Billiggeld für die Banken: Die Europäische Zentralbank pumpt mehr als 440 Milliarden Euro in den Markt - für gerade mal ein Prozent Zinsen. Trotzdem geben die Finanzinstitute kaum Kredite an Firmen weiter. Der Kommentar eines Händlers: "Wir ersaufen in Geld."

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank forciert den Kampf gegen die Wirtschaftskrise und öffnet die Geldschleusen. An diesem Mittwoch haben die Währungshüter den privaten Banken und Sparkassen ein besonderes Angebot unterbreitet: Die Häuser dürfen sich bei der Notenbank erstmals für ein ganzes Jahr unbegrenzt Geld leihen - für gerade einmal ein Prozent Zinsen.

EZB in Frankfurt: "Ein extrem großzügiges Angebot"
AP

EZB in Frankfurt: "Ein extrem großzügiges Angebot"

Die Offerte fand reißenden Absatz. 1121 Banken aus der Euro-Zone nahmen das Angebot an. Die Notenbank konnte auf diese Weise 442,241 Milliarden Euro verteilen. Laut Goldman Sachs sind das etwa 1300 Euro je Euro-Zonen-Bürger. "Das war ein extrem großzügiges Angebot der EZB", sagte Analyst Julian Callow von Barclays Capital. Ein Händler drückte es deutlicher aus: "Wir ersaufen in Geld."

Die Zuteilung war deutlich höher als von Beobachtern erwartet. Die meisten Analysten hatten mit rund 300 Milliarden Euro gerechnet. Vor allem die hohe Zahl der Bieter - normalerweise beteiligen sich Händlern zufolge nur rund 700 Banken an einem Tender - zeige das hohe Interesse der Kreditwirtschaft an der Geldspritze, sagte ein Analyst.

Allerdings ist fraglich, inwiefern das Geld tatsächlich in der realen Wirtschaft ankommt. Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften forderten, dass die Banken die Liquidität an Unternehmen und Verbraucher weitergeben.

Bundesbank-Präsident Axel Weber drohte den Banken sogar mit einer härteren Gangart, sollten sie die Zinssenkungen nicht weitergeben. "Sollten die Maßnahmen der Notenbanken am Deleveraging der Banken scheitern, dann werden die Notenbanken die Banken umgehen müssen und die Wirtschaft direkt stützen, was ich derzeit noch nicht für nötig halte."

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte: "In Deutschland gibt es keinen Grund, Kredite zu verweigern, weil angeblich nicht genügend Kapital vorhanden ist." Die Entscheidung der EZB begrüße er "ausdrücklich".

Commerzbank-Analyst Michael Schubert warnte hingegen: "Diese Liquiditätszufuhr kann das Grundproblem nicht lösen. Man traut bestimmten Adressen nicht." Auch Händler zweifelten, dass die Banken nunmehr mit der Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher großzügiger werden. "Wenn ein Kreditnehmer vertrauenswürdig ist, bekommt er ja Geld", sagte ein Händler. "Aber zu viele Unternehmen sind in der Insolvenz oder sonst wie angeschlagen. Die bekommen weiter nichts."

Dies deckt sich mit der Einschätzung des Verbands der Automobilindustrie (VDA). "Unsere Unternehmen haben mit der Kreditversorgung zu kämpfen, erfahren Kürzungen ihrer Kreditlinien und Verteuerungen der Konditionen", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann am Mittwoch laut Redetext auf einem Kongress. Gerade in der Krise mit Umsatzeinbußen von 30 bis 40 Prozent seien aber Kredite notwendig, um den Betrieb am Laufen zu halten und sich für die Zukunft zu wappnen. "Da ziehen manche Banken einfach nicht in genügender Weise mit", kritisierte Wissmann.

wal/Reuters/dpa

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