Mindestlohndebatte Post vom Tagelöhner

Lothar Daniel trug bis vor kurzem für den Briefdienstleister Pin Post aus. Jetzt kämpft er für den Mindestlohn - indem er öffentlich macht, wie ärmlich er ohne ihn leben muss.


Hamburg - Die Fröhlichkeit wirkt verkrampft, der Blick eine Spur zu herausfordernd. Lothar Daniel hat eigentlich immer vermieden, seine Misere zu zeigen. "Wer gibt schon gerne zu, wie dreckig es einem geht?", sagt er. Jetzt aber ist sein Noch-Arbeitgeber, das Post-Unternehmen Pin, gerade dabei, 1000 Kollegen zu entlassen. Angeblich, weil sich das Unternehmen den von der Großen Koalition beschlossenen Post-Mindestlohn von bis zu 9,80 Euro pro Stunde nicht leisten kann. Daniel reagiert auf seine Weise auf "diese Sauerei". Er gibt Einblick in sein Leben ohne Mindestlohn.

Ex-Pin-Mitarbeiter Daniel: "Dumpinglöhne und "Angstmacherei"
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Ex-Pin-Mitarbeiter Daniel: "Dumpinglöhne und "Angstmacherei"

Daniel braucht nicht viel. Der 49-Jährige hat keine Familie zu versorgen - "die Verantwortung wollte ich nie". Wenn er mal in den Urlaub fährt, dann in die Eifel. Der hagere Mann mit dem fast kahl rasierten Kopf hat auch noch nie viel verdient: Mit 16 lernte er Bäcker- und Konditor, dann wurde er Bürokaufmann, später war er Lagerarbeiter, dann Wachmann. Er machte "einfach alles Mögliche", wie er sagt, wollte sich nie abhängig machen. Und er ist merklich stolz darauf, dass er ziemlich deutlich wird, wenn ihm was nicht passt. "Ich will ja morgens noch in den Spiegel gucken können", sagt er immer wieder.

Dass er sich mit 49 kaum eine eigene Wohnung leisten kann und deshalb zu seiner Mutter ziehen musste, passt ihm überhaupt nicht. Deshalb wird, wer dieser Tage bei der Gewerkschaft Ver.di in Hamburg nach gesprächsbereiten Zustellern der Pin fragt, an Daniel verwiesen: Er lädt dann in die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in das 15-stöckige Kieler Hochhaus ein. Um zu zeigen, wie einer lebt, der weniger als den von der Regierung angepeilten Mindestlohn verdient. Daniel schläft im Wohnzimmer seiner Mutter, auf dem kurzen, halbrunden Sofa. Derzeit erinnert der Raum an eine provisorische Kommandozentrale: Auf dem riesigen Fernseher laufen permanent und laut Nachrichten auf N24, das Handy klingelt immer wieder. Und Daniel redet wütend von "Dumpinglöhnen", "Angstmacherei" und den "dummen Schnackereien" des Pin-Vorstands in Luxemburg.

2004 fing Daniel bei der Firma "Porto sparen im Norden" als Zusteller an, das Unternehmen wurde im Sommer 2006 von der Pin-Gruppe übernommen. Schon unter den alten Chefs sei die Arbeit extrem hart gewesen, und seit das Unternehmen mit Sitz in Neumünster Pin Mail GmbH heißt, habe sich an den Verhältnissen wenig verbessert. Es stimme offenbar, was die SPD sage, erklärt Daniel mit Anspielung auf einen Kommentar von SPD-Chef Kurt Beck. Der sprach sich in der "Süddeutschen Zeitung" gegen Geschäftsmodelle aus, "bei denen die Gewinnerwartung davon abhängt, dass Hungerlöhne gezahlt werden."

Im Juni 2006 habe er 916,78 Euro brutto verdient, sagt Daniel - netto seien 726,14 geblieben. Über 50 Stunden habe er dafür pro Woche gearbeitet, behauptet er. Sollte das stimmen, hätte sein Stundenlohn in dem Monat bei höchstens 4,50 Euro gelegen. Die Pin-Gruppe sagt, sie zahle im Schnitt rund 7,50 Euro pro Stunde.

Daniel mache "bewusst objektiv falsche Aussagen gegenüber verschiedenen Medien zu seinen Lohn- und Beschäftigungsverhältnissen", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme - Daniel äußerte seine Vorwürfe unter anderem auch im Fernsehen. Das Unternehmen will ihn jetzt entlassen: Am 19. Dezember entscheidet das Arbeitsgericht Kiel darüber, ob die fehlende Zustimmung des Betriebsrats zu dieser Kündigung durch das Gericht ersetzt werden kann. Daniel ist inzwischen von der Arbeit freigestellt.

Doch Daniel bleibt bei seiner Darstellung. Er zieht Abrechnungen hervor, hackt auf seinen Taschenrechner ein. Manchmal hält er das Rechengerät auch nur in der erhobenen Hand umklammert wie eine Handgranate. Sicher, in anderen Monaten sei der Verdienst besser gewesen als im Juni, doch auch die Arbeit wurde ihm zufolge im Laufe der Zeit immer mehr. Zum Schluss sei er um viertel nach fünf morgens aus dem Haus gegangen - und manchmal erst um halb acht Uhr abends heimgekommen. Weil er seinen Darstellungen zufolge nicht mehr nur die Post sortieren und zustellen musste, sondern auch zweimal täglich mit dem Auto nach Neumünster in die Zentrale fuhr um Sendungen abzuholen und abends die neuen wieder hinzubringen.

Berichte über einen Bußgeldkatalog

Es gibt noch wildere Berichte über die Arbeitsbedingungen bei der Pin-Gruppe als Daniels Erzählungen. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Der "Stern" berichtete kürzlich von einem Bußgeldkatalog an einem Ort, mit dem für "Verstöße" wie Essen im Auto oder falsch aufbewahrte Kleidung Strafen vom Lohn abgezogen würden. Das Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern. In der "Süddeutschen Zeitung" war von "Anwesenheitsprämien" die Rede, durch die kranke Mitarbeiter weniger verdienen. Ein Gewerkschafter erzählte in dem Blatt außerdem, wie einer Zustellerin in den Vertrag geschrieben wurde: "Anfallende Überstunden sind abgegolten." Dabei, so stellt der Mann es dar, sei ihre Arbeit wegen des großen Zustellbezirks schlicht nicht in der vorgesehenen Zeit zu bewältigen gewesen.

"Unsere Mitarbeiter werden gemäß ihrer vertraglich vereinbarten Konditionen entlohnt", hält Pin dagegen. "In Berlin zum Beispiel können die Mitarbeiter wählen, ob sie Mehrarbeit finanziell oder in Form von Freizeit abgegolten haben möchten." Zu den "Anwesenheitsprämien" heißt es in der Stellungnahme: "Wir haben Vergütungsmodelle, die den Mitarbeitern auch Sondervergütungen gewähren. Gemäß §4 a Entgeltfortzahlungsgesetz kann ein Unternehmen einem Mitarbeiter eine solche Sondervergütung im Krankheitsfall anteilig kürzen. Die Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass dort, wo solche Prämien gewährt werden, diese in der Regel auch vollständig ausgezahlt werden."

Da gehe es in seiner Geschäftsstelle ja noch harmlos zu, sagt Daniel. Auf die Arbeit als Postzusteller will er eigentlich gar nichts kommen lassen - "die hat mir doch Spaß gemacht", sagt er. Nicht einmal die Touren bei Regen oder Schnee störten ihn. "Man erlebt was", sagt er. Oft amüsierte er sich königlich, wenn etwa Kunden "pudelnackich vor einem stehen". Auch die Kameradschaft unter den Zustellern hat ihm gefallen.

Inzwischen seien sich ja auch alle Briefzusteller grün, egal von welchem Unternehmen sie kommen. Die Tage, als "die Gelben von der Post keinen 'Guten Tach' und kein 'Guten Weg' kannten", seien ja vorbei. Zumindest auf der untersten Ebene scheinen Postler und Konkurrenten also schon ein Miteinander gefunden zu haben.

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