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27. Januar 2009, 13:26 Uhr

Mittelstandsbürgschaft

Rettungsschirm für Geschnetzeltes

Von Corinna Kreiler, Köln

Weniger Kredite, weniger Kunden: In Deutschland leidet auch der Mittelstand unter der Wirtschaftskrise. Doch der Staat will vor allem Banken und Großkonzernen mit einer Bürgschaft helfen. Ein Kölner Wirt wehrt sich - und wird zum Helden der kleinen Leute.

Ein paar alte Männer hocken in schummrigem Licht am Tresen, nippen an Kölsch, es riecht nach Bier und Qualm. Im Hintergrund Musik, keiner hört hin. Es ist wie immer in der Kölner Gaststätte Kriescher. Nur für Wirt Stefan Faber ist alles anders: Er hat den Kampf aufgenommen, will Gerechtigkeit. Für sich. Für die anderen Mittelständler. Für alle, die wegen der Finanzkrise um ihre Existenz bangen müssen.

Faber ist 52 Jahre alt, seine Haut fahl, fast durchsichtig. Sein halbes Leben hat er in der Gastronomie gearbeitet. Er kennt das Auf und Ab, hat manche Pleite erlebt. Seit rund einem Jahr ist er Pächter des Kriescher in Köln-Nippes. Die Gaststätte ist eine Institution, schon vor 105 Jahren tranken Eisenbahner hier ihr Feierabendbier. Oft steht der Wirt 18 Stunden am Tag am Tresen - das Geld ist trotzdem knapp.

Will Faber den Laden nicht verlieren, muss er investieren, das weiß er. Er braucht dringend eine neue Spülmaschine, und wie lange die Kältekammer noch kühlt, ist Glückssache. Mit neuen Ideen will Faber die Leute in schlechten Zeiten wieder in seine Kneipe locken: mit Travestieshows, Galadinnern und Kölner Mundart-Konzerten, zum Mitsingen.

Faber, der Macher. Er will richtig was bieten. Doch die Veranstaltungen sind teuer. Rücklagen hat er keine, an Kredite kommt er nur schwer, die Finanzkrise raubte ihm den Rest Hoffnung.

Auf einem der Barhocker am Tresen sitzt Rudolf Schumacher, genannt Rudi. Rudi arbeitet für die Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, er redet gern - und er bringt Faber auf eine Idee: Eine staatliche Bürgschaft, so wie für Opel, das wär's doch.

Jemand bestellt ein Jägerschnitzel, Faber muss zurück an den Herd. Warum will die Bundesregierung eigentlich nur Banken und großen Konzernen wie dem Autobauer Opel aus der Patsche helfen? Die Wirtschaftskrise trifft schließlich auch den Mittelstand, Betriebe wie seinen, denkt Faber. Bei ihm sind fünf Arbeitsplätze in Gefahr, bei Opel Tausende. Doch sind die seinen weniger wert? Ist nicht der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft? Es geht nicht nur um seine Kneipe in Köln-Nippes - es geht um die Republik.

Dabei hat die Bundesregierung schon im Oktober erklärt, dass sich die Finanzierung kleinerer und mittlerer Betriebe verschlechtere. Im ersten Konjunkturpaket weitete sie die Mittelstandsförderung um mehrere Milliarden aus. Auch im zweiten Konjunkturpaket kündigte Merkel direkte Hilfen für Unternehmen an. Faber fühlt sich alleingelassen - und beschließt, Angela Merkel einen Brief zu schreiben: Die Kanzlerin soll helfen.

Faber schreibt: "Im Zuge der allgemeinen Sozialisierung unternehmerischer Verluste möchte ich eine Bürgschaft von vergleichsweise bescheidenen 50.000 Euro bei der Bundesregierung beantragen." Fünf Arbeitsplätze seien in Gefahr, plus die bei seinen Lieferanten. Faber bietet der Kanzlerin im Gegenzug an, ein Gericht zu kreieren: Filetgeschnetzeltes à la Merkel. Er lädt die Kanzlerin ein, ihre "kulinarischen Vorlieben bei einem Glas Wein zu erörtern". Mit freundlichen Grüßen aus Köln.

Nach einer Woche eine Antwort. Aktenzeichen 012-K2109 431/08/00001. Ein gewisser Klaus Bender schreibt im Namen der Kanzlerin. "Wie Sie wissen, hat die Bundesregierung in den letzten Wochen entschlossen reagiert, um die Auswirkungen der Krise zu begrenzen." Ja, ja denkt Faber, schon klar.

Dann steht da etwas von dem Finanzmarktstabilisierungsfonds, den die Bundesregierung für Banken beschlossen hat. Und dass die Regierung leider "den Entscheidungsprozess eines Kreditinstituts zugunsten jedes einzelnen Kreditnehmers" nicht beeinflussen könne. Aha. Also nichts mit der staatlichen Bürgschaft. Torte für die Großen, Allgemeinplätzchen für die Kleinen.

Faber will keinen Kredit von der KfW

Er könne ja bei der KfW einen Kredit beantragen, schreibt Herr Bender aus dem Kanzleramt. Das Institut ist darauf ausgelegt, den Mittelstand in Deutschland zu unterstützen. Doch die KfW geriet 2008 als "dümmste Bank Deutschlands" in die Schlagzeilen, weil sie der bereits insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers 300 Millionen Euro überwiesen hatte. Faber vertraut der KfW nicht.

Dass die KfW ihm einen Kredit bewilligt, glaubt offenbar noch nicht einmal Herr Bender. Denn er schreibt: Falls das nichts bringen sollte, habe das Wirtschaftsministerium eine Krisenhotline für Unternehmen geschaltet. Unter der Telefonnummer 01805/615007 geben Experten Auskunft, für 14 Cent pro Minute. Eine Hotline! Banken und Großkonzerne überhäuft die Regierung mit Milliarden und Faber rät sie, sich an eine Hotline zu wenden! Er kann es nicht fassen.

Bei der Hotline hätte er erfahren, dass er einen Termin bei seiner Hausbank vereinbaren und einen Bürgen mitnehmen solle. Außerdem gebe es im Internet eine Datenbank, wo alle Förderprogramme der Bundesländer verzeichnet sind. Vielleicht sei ja etwas für ihn dabei. Aber Faber hat nicht angerufen. Er will nicht seinen eigenen Bürgen zur Bank mitbringen, er will, dass die Bundesregierung bürgt.

Doch daraus wird wohl nichts. Das wird Faber jetzt klar. Und doch zeigt sein Brief an Merkel Wirkung. Der gesprächige Grüne Rudi Schumacher erzählt oft davon. Im Kriescher und auch sonst überall. Der "Kölner Express" veröffentlicht erst eine Geschichte, dann noch eine, RTL kommt und dreht. Nach ein paar Tagen kennt fast jeder in Köln den Wirt, der unter den Rettungsschirm schlüpfen wollte. Fremde klopfen ihm beim Einkaufen auf die Schulter und sagen: "Jong, dat hättste jot jemahd." Faber wird zur Symbolfigur. "Wenn die Großen die Kohle kriegen, warum die Kleinen dann nicht?" fragt megaman111, in einem Internet-Forum. "Recht hat er", schreibt Basti3000.

Hat er das wirklich? Die Autoindustrie ist wichtig für Deutschland, sehr wichtig. Rund hunderttausend Arbeitsplätze sind in Gefahr, wenn Opel Insolvenz anmelden muss, inklusive den Jobs bei Zulieferern und Händlern. Die Regierung kann das nicht zulassen. Und wer braucht als nächstes Geld? Wenn nur ein Drittel der mittelständischen Betriebe in Deutschland eine staatliche Bürgschaft von "bescheidenen 50.000 Euro" beantragen würde, müsste die Regierung 50 Milliarden Euro lockermachen. Und das wäre vielleicht erst der Anfang. Es wäre ein Fass ohne Boden.

Für Faber hat sich der Brief doch gelohnt. Er steht in seiner Küche und schwitzt. Es kommen viel mehr Gäste als sonst, seit der Sache, die erst groß schien, dann klein und nun doch wieder groß. "Himmel un Äd" mit Apfelschnitzen, ein Spezialrezept, Pute im Kokosmantel, Nudeln, Schnitzel und Pommes, Fett brutzelt, Faber wendet Blutwurst in der Pfanne, häuft Kartoffelpüree auf Teller, richtet Äpfel an. Er wischt sich den Schweiß vom Gesicht und strahlt. Na also, läuft doch. Bekommt Angela Merkel halt kein Geschnetzeltes. Der Mittelstand hilft sich selbst, mal wieder.

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