Mobilfunkkrise IG Metall kritisiert Verkauf der Siemens-Handy-Sparte

6000 Beschäftigte des Siemens-Konzerns stehen vor einer ungewissen Zukunft. Nach der Entscheidung die Handy-Sparte an den taiwanesischen BenQ-Konzern abzugeben fürchten die Arbeitnehmervertreter im Siemens-Aufsichtsrat um die Handy-Produktion in Deutschland.


Handy-Produktion bei Siemens: Trennung kostet 350 Millionen Euro
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Handy-Produktion bei Siemens: Trennung kostet 350 Millionen Euro

München/Kamp-Lintfort - "Ich sehe das sehr kritisch", sagte IG-Metall-Vize und Siemens-Aufsichtsrat Berthold Huber der Nachrichtenagentur dpa. "Siemens katapultiert sich aus dem Handy-Markt heraus."

Zuvor hatte Siemens Chart zeigen die Suche nach einem Partner für seine verlustreiche Handy-Sparte für beendet erklärt. Das Mobiltelefongeschäft geht an die taiwanesische BenQ-Gruppe. Damit entsteht Branchenexperten zufolge der weltweit viertgrößte Handy-Hersteller mit einem Marktanteil von 9,5 Prozent. Aus der Transaktion, die bis Ende September abgeschlossen werden soll, ergibt sich für Siemens eine Belastung des Vorsteuerergebnisses von rund 350 Millionen Euro.

Noch 2004 habe der Konzern betont, wie wichtig es sei, in dem Wachstumsmarkt als Komplettanbieter vertreten zu sein, kritisierte Huber den Deal. Nun gebe es einen radikalen Wechsel in der Geschäftspolitik. Die Arbeitnehmer stünden vor einer ungewissen Zukunft. Die Siemens-Handy-Sparte beschäftigt gut 6000 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte davon in Deutschland.

Unsicherheit bei deutschen Standorten

Zwar steige BenQ in alle vertraglichen Pflichten ein, sagte Huber weiter. Der Fortbestand des Werks in Kamp-Lintfort sei damit vorerst gesichert. Wie es danach weitergehe, müsse aber abgewartet werden. "Ich hätte es lieber gesehen, wenn die Handy-Sparte bei Siemens geblieben wäre." Die IG Metall wolle versuchen, in den Detailverhandlungen weitere Garantien für die Arbeitnehmer durchzusetzen.

Die europäischen Mitarbeiter der Siemens-Handy-Sparte bekommen bei der Übernahme nach Konzernangaben nur eine Beschäftigungsgarantie von einem Jahr. Wie ein Siemens-Sprecher auf Anfrage sagte, bleiben Gehälter und Pensionsansprüche zunächst für zwölf Monate bestehen. Danach sei es BenQ freigestellt, den Beschäftigten neue Verträge anzubieten.

In Deutschland sind davon vor allem die Arbeitnehmer am Standort Kamp-Lintfort betroffen. Nach den Worten des Siemens-Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld war die Weiterführung des Werks in Nordrhein-Westfalen ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung für einen Käufer. Der Technologiekonzern hatte für Kamp-Lintfort eine Standortgarantie bis Mitte 2006 gegeben. Im Gegenzug hatten die Arbeitnehmer eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich akzeptiert.

IG Metall hofft auf besseres Management

Huber sieht aber in dem Geschäft auch Chancen. BenQ sei ein aufstrebender Anbieter, der Bedarf an Produktionskapazitäten habe. "Das spricht für die Standorte in Europa." Zudem sei zu hoffen, dass BenQ mit dem Endkonsumentengeschäft besser klarkomme als Siemens.

Mit der Partnerschaft mit BenQ hat Siemens nach den Worten von Konzernchef Kleinfeld eine nachhaltige Perspektive für sein Mobiltelefongeschäft gefunden. Laut Siemens übernimmt BenQ in Kamp-Lintfort und Manaus (Brasilien) sämtliche Entwicklungs- und Produktionsstandorte, zentrale Funktionen sowie Marketing und Vertrieb. Zukünftiger Hauptsitz des Mobiltelefongeschäftes werde München sein.

BenQ peilt 2006 schwarze Zahlen an

Das Mobiltelefon-Geschäft war neben dem IT-Dienstleister SBS das Sorgenkind des Konzerns, für das bereits seit einigen Monaten eine Lösung gesucht wurde. Die Handy-Sparte verursacht pro Tag einen Verlust von über einer Million Euro.

BenQ-Chef K. Y. Lee sagte, durch den Kauf des Mobiltelefongeschäfts von Siemens sei der Konzern seinem Ziel, zu den größten Anbietern im Markt aufzuschließen, ein erhebliches Stück näher gekommen. Laut Vereinbarung kann das Unternehmen die Marken- und Namensrechte von Siemens für einen Zeitraum von fünf Jahren nutzen. Nach der Übernahme will BenQ das Handy-Geschäft im nächsten Jahr an die Gewinnschwelle heranführen.



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