Mode-Label Armedangels Öko-Guerilla kämpft für die T-Shirt-Revolution

Die Welt verändern mit dem richtigen T-Shirt: Das kleine Mode-Label Armedangels versucht, trendige Klamotten aus fair gehandelter Baumwolle herzustellen. Doch der Kampf für das Gute ist hart. Zwar ist Öko angesagt - mehr zahlen wollen dafür aber die wenigsten.

Von Hannes Koch


Köln - Jeder kann mitmachen bei der Sturmtruppe des guten Gewissens. T-Shirt kaufen, persönliches Foto an Armedangels schicken, gut aussehen - schon steht man auf der Website des Unternehmens und transportiert die Botschaft: "Shout it out loud!" Ist Teil der "social fashion revolution". Das Logo des Mode-Labels zeigt eine geflügelte Schönheit mit Pfeil und Bogen.

Die bewaffneten Engel residieren im Souterrain eines Kölner Geschäftshauses. Von dort aus organisieren sie ihre "Guerilla". "Gib Deinem T-Shirt eine Stimme", lautet das Credo des 25-jährigen Martin Höfeler, einem der beiden Kommandanten der Truppe. Zusammen mit seinem Kollegen Anton Jurina hat Höfeler Armedangels vor gut einem Jahr gegründet.

Sie ist eigentlich ziemlich einfach, die Revolte der Konsumenten, finden die beiden. Niemand muss auf Style und Schick verzichten, die Leute müssen nur ein bisschen nachdenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Bloß der günstigste Preis? "Nein, einfach etwas mehr bezahlen", das sei das ganze Geheimnis, sagt Höfeler. 30 Euro kostet ein T-Shirt von Armedangels. Locker das Dreifache dessen, was man bei H&M ausgibt.

Martin Höfeler selbst ist mit seinem modischen Aufzug bestes Aushängeschild für seine Firma. Seine kurze, graukarierte Hose hängt tief auf den Hüften, an den Taschen ist sie zerschlissen. Er wolle die Dinge selbst schaffen, sagt er. Höfeler kommt aus einer Unternehmerfamilie aus dem Bergischen Land. Den Namen der Firma will er nicht verraten. Deshalb fragte er nicht seine Familie, als er Armedangels gründete, sondern suchte sich lieber externe Geldgeber. Den Besserwissern aus dem Verwandtenkreis Rede und Antwort stehen? Nein danke. 1000 Euro zahlt er sich im Monat aus. Ende 2008 soll sein Zehn-Leute-Betrieb schließlich schwarze Zahlen schreiben.

Doch die Produktionskosten sind hoch. Das meiste der Einnahmen geht Höfeler zufolge für den Kauf fair produzierter Baumwolle aus Indien und anderen Ländern drauf. Die Bauern erhalten einen Preis, der wesentlich über dem oft mageren Weltmarktniveau liegt. Damit, so die Hoffnung, kommen die Baumwollpflanzer aus der Armut heraus, können ihre Produktion ausweiten und ihre Kinder zur Schule schicken. Die T-Shirts aus Köln tragen das Fairtrade-Siegel. Dieses verleiht die Organisation Transfair, die sozialverträgliche Produktionsbedingungen garantiert. Transfair ist so etwas wie der TÜV der Globalisierungskritiker.

Betriebskontrollen nur alle zwei Jahre - und dazwischen?

Aber reichen ein paar Euro, um aus einer schlechten Globalisierung eine gute zu machen? Armedangels ist ein Beispiel für die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des strategischen Konsums. Martin Höfeler streicht die Haare nach rechts, die ihm immer wieder ins Gesicht fallen. "Natürlich gibt es die Gefahr, dass sie dir was erzählen." "Sie" sind die Siegel-Geber. "Was" heißt: Was Falsches.

Die Sache ist die: Transfair garantiert die faire Produktion der Baumwolle und lässt die Fabriken in Indien, China, Malaysia oder Tunesien überprüfen, die in der Produktionskette arbeiten – die Spinnerei, die Färberei, die Näherei. Alle zwei Jahre rücken die Prüfer an. Sie wollen wissen, ob jede einzelne Fabrik ihren Arbeitern auskömmliche Löhne zahlt und den Mindesturlaub gewährt. "Aber was kann diese Kontrolle garantieren?", fragt Höfeler skeptisch. Was passiert in den zwei Jahren, bis die Prüfer das nächste Mal erscheinen? Möglicherweise sinkt der Lohn schlagartig, wenn die Kontrolleure abgefahren sind, oder die Klimaanlage in den Produktionshallen bleibt einfach ausgeschaltet. "Uns ist klar, dass Fairtrade nicht alles sofort ändern kann", räumt Dieter Overath ein, der Geschäftsführer von Transfair.

Das, was Transfair garantiert, ist zwar schon eine ganze Menge im Vergleich zu den miesen Bedingungen der konventionellen Textilindustrie, wo die chinesischen, laotischen oder burmesischen Näherinnen oft nur wenige Cent pro Stunde erhalten. Aber Höfeler reicht das nicht. Er sagt: "Wir streben die völlige Transparenz der Produktionskette an." Deshalb sucht er sich gerade eine Kooperative in Indien, bei der er sicher sein kann, dass die Baumwolle auch wirklich von dort kommt - und nur von dort. Im Herbst dieses Jahres will er hinreisen und sich den Anbau selbst ansehen. Und eigentlich gehen seine Vorstellungen noch weiter. "Das Optimum wäre es, eigene Fabriken zu haben." Ihm schwebt ein Konzern vor, ein etwas anderer allerdings.

"Die Realität in Einkaufsstraßen sind Ramschläden"

Dafür müssten allerdings erst einmal die Einnahmen sprudeln. Doch dass der Handel mit sozial- und umweltverträglichen Textilien und Kleidungsstücken zurzeit schon ein Riesengeschäft wäre, kann man nicht gerade behaupten. Maximal 58.000 Tonnen oder 0,25 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion genügen Kriterien des Bio-Anbaus. Und der Anteil des fair hergestellten Rohstoffs ist noch viel geringer. Insofern ist die Werbung von Armedangels treffender als beabsichtigt: Eine Mini-Guerilla kämpft gegen eine gigantische Mehrheit.

Erste Anzeichen sind zu sehen, dass die Minderheit wächst. In einer im Auftrag des Versandhauses Otto erstellten Studie prognostizierte das Hamburger Trend-Büro 2007: "Nach dem Erfolg von Bio-Lebensmitteln ist der nächste große Öko-Boom in der Mode zu erwarten. Dabei wird Fairplay eine ebenso große Rolle spielen wie das gute und gesunde Tragegefühl". C&A ist mit Textilien aus Bio-Baumwolle bereits auf dem Markt. 12,5 Millionen Kleidungsstücke will man dieses Jahr verkaufen. Das sind etwa 14 Prozent der Weltproduktion an Bio-Baumwolle. "Wir sehen die Wachstumschancen dieses Marktes aufgrund der erhöhten Sensibilisierung der Konsumenten für Nachhaltigkeit und Umweltschutz sehr positiv", sagt C&A-Sprecher Knut Brüggemann. Die Einzelhandelsketten Lidl und Kaisers wollen im Herbst 2008 in den Verkauf von Fairtrade-Textilien einsteigen. Anfang Juni strahlte der Homeshopping-Kanal QVC erstmals Verkaufssendungen für Fairtrade-Produkte aus. Und auch die Otto Gruppe bietet unter dem Label "Cotton made in Africa" Baumwollkleidung an, die ökosozialen Kriterien genügt.

Trotzdem bleibt Transfair-Chef Overath vorsichtig. "Die Realität in den Einkaufsstraßen sind die Ramschläden", sagt er, "wir stehen noch ganz am Anfang". Und doch hofft er auf den "Durchbruch". Der aber kann nicht von den kleinen Vorreitern wie Armedangels alleine kommen. Dafür braucht man auch die großen Ketten. "Peek&Cloppenburg und C&A müssen richtig einsteigen", hofft Overath. Nicht nur mit ein paar T- oder Sweatshirts. Dann könnte es losgehen.

Im Büro von Martin Höfeler hängt die Zeichnung einer Tunika an der Wand. Das Design hat er in Zusammenarbeit mit dem Stylisten der Schauspielerin Angelina Jolie entwickelt. Herstellen will man die Stücke in Afghanistan. "Auf sanfte Art kannst Du etwas bewegen", lautet der Schriftzug der Tunika. "Wir können die Welt nicht komplett verändern, aber Stück für Stück verbessern", so Höfeler.



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