Neuer "Bodenatlas" Landnahme mit katastrophalen Folgen

Kein anderer Kontinent ist für seinen Konsum stärker auf fremdes Land angewiesen als Europa. Die Landnahme, etwa für Futtermittel, hat im Rest der Welt dramatische Folgen - wie der neue "Bodenatlas" zeigt.

BODENATLAS 2015

Hamburg - Boden scheint unerschöpflich. Doch das ist er nicht. Guter, fruchtbarer Boden ist rar. Er wird weltweit zur Mangelware. Vielerorts wird bereits um ihn gekämpft: Kleinbauern in Südamerika und Indonesien etwa werden verdrängt von Konzernen, die Soja, Zuckerrohr oder Palmölpflanzen anbauen.

Nutznießer dieser Entwicklung ist vor allem Europa: Kein anderer Kontinent konsumiert derart auf Kosten anderer Länder wie die Europäische Union. Ihr "Land-Fußabdruck" beträgt pro Jahr gut 640 Millionen Hektar - eineinhalb mal so viel wie die Fläche aller 28 Mitgliedstaaten.

Allein für den Fleischkonsum in der EU werden in Lateinamerika Futtermittel auf einer Ackerfläche angebaut, die so groß ist wie England. Entsprechende Daten enthält der neue "Bodenatlas", den die Heinrich-Böll-Stiftung, der BUND und das Potsdamer Nachhaltigkeitsinstitut IASS heute in Berlin präsentieren. (Hier finden Sie Grafiken aus der Publikation.)

Es sind Zahlen, die eine Art modernen Kolonialismus spiegeln. "Sie zeigen, wie sehr unser Konsumverhalten auf Kosten der Lebensverhältnisse von Menschen in anderen, oft ärmeren Erdteilen geschieht", so IASS-Exekutivdirektor Klaus Töpfer. Allein Deutschland verbrauche etwa das Doppelte seiner Landfläche. "Wir nutzen Flächen anderer Staaten, die oft ihre eigenen Bürger nicht mit Grundnahrungsmitteln versorgen können." In Paraguay etwa, einem der großen Lieferanten für Futtermittel wie Soja, liege der Anteil Unterernährter bei gut 22 Prozent. Das sei nahezu eine Verdopplung im Vergleich zu 2004, so Töpfer.

Jeder EU-Bürger, darunter ganz vorn die Deutschen, verbraucht gemäß den ermittelten Zahlen pro Jahr 1,3 Hektar Land, sechsmal so viel wie ein Einwohner aus Bangladesch. Viel mehr Grund zur Aufregung als über einen Veggie-Day bietet unser Fleischkonsum: Würde jeder Erdbewohner so viel Fleisch verzehren wie ein durchschnittlicher Europäer, müssten 80 Prozent des weltweit verfügbaren Ackerlandes nur für die Fleischproduktion genutzt werden. Nur ein Veggie-Tag wirkt angesichts solcher Zahlen geradezu naiv.

Darüber hinaus scheint auch die hochgezüchtete heimische Landwirtschaft an Grenzen des Wachstums zu stoßen. Jahrzehntelanger Einsatz von Hochleistungsdünger und entsprechenden Pflanzenschutzmitteln haben zwar die Produktion gesteigert, den Böden aber vielerorts stark zugesetzt: Der Humusgehalt nimmt ab, die Böden verdichten sich, können Regen und Wind kaum mehr absorbieren.

Schon heute sind bereits rund 150 Millionen Hektar EU-Land durch Erosion geschädigt. Dass große Agro-Konzerne auch deswegen abwandern und sich in armen Regionen der Welt Land sichern, hält der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger für absurd. "Auch die Bundesregierung", so Weiger, "muss dieser Landnahme endlich Grenzen setzen."



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insgesamt 80 Beiträge
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WwdW 08.01.2015
1. Suuuuuper Energiemais
Wo ich wohne wird jedes Jahr mehr und mehr Energiepflanzen angebaut. Anstatt Nahrungsmittel zu produzieren. Bei Energiemais kann man spritzen ohne sich Gedanken machen zu müssen, dass hinterher Spritzmittel in der Nahrung landen. Z.T. Mais 2-3x hintereinander auf die selbe Fläche. Mais ist der Tod für jeden Boden. Und man kann damit Geld verdienen. Stellt die Kühe wieder auf die Weide und laßt die Schweine den Küchenabfall fressen und schon hat man wieder genug Tierfuttermittel.
Blaumännchen 08.01.2015
2. Man
kann über die Art der Landwirtschaft in der Welt sicher viel kritisches sagen. Öko Lobbyisten wie der Bund und ihre politischen Erfüllungsgehilfen bei den Grünen tragen dafür Mitverantwortung. "Die Bauern sind die Ölscheichs der Zukunft" sagte mal Renate Künast. Da hielten alle Biogas, Biosprit und "Nawaros" noch für eine gute Idee. Heute beschwert sich Bärbel Höhn auf dem grünen Parteitag darüber das es soviele Maisfelder gibt und in Indonesien der Regenwald abgeholzt wird. Wenn die Energiewende wie gefordert umgesetzt werden soll wird der Flächenverbrauch in einem Maß steigen den sich derzeit keiner vorstellen kann. Bevölkerungsreiche Länder wie China werden daher ihre Stromversorgung nicht in dem Maß auf erneuerbare umstellen wie sich das hier manche vorstellen. Die Ernäruhng von 1,5 Mrd Chinesen geht vor.
analyse 08.01.2015
3. Da ist es doch gut,daß die deutschen Fleischesser
eine Kriegsflotte vor Brasilien haben,die die Brasilianer zwingen ihr Soja nach Deutschland zu liefern !Oder liefern die etwa freiwillig ? Wie sieht denn dann die Lösung aus ?Würden Kleinbauern ihren Überschuß nicht verkaufen ?Sind die deutschen Bauern wirklich so dumm ihren Boden und damit ihre Lebensgrundlage zu zerstören ?Darf man Tabak und Baumwolle anbauen, ,statt Nahrungsmittel ?Was konkret solldie Bundesregierung tun -im Alleingang ?Viele Fragen sind zu klären ehe man solche Pauschalvorwürfe erhebt !
see_baer 08.01.2015
4. Ein erster Schritt
wer Suventionen empfängt wirtschaftet Biologisch, Futterimporte besteuern, Betriebe die so groß sind, daß sie eine Familie nicht allein bewirtschaften kann, als Gewerbebetrieb besteuern. Die bittere Wahrheit: Es gibt dann kein ALDI- Hähnchen für 2.99E
StefanXX 08.01.2015
5. An sich nicht schlimm
"Würde jeder Erdbewohner so viel Fleisch verzehren wie ein durchschnittlicher Europäer, müssten 80 Prozent des weltweit verfügbaren Ackerlandes nur für die Fleischproduktion genutzt werden." Immer dieses hätte wenn und aber. Mit dem Argument "Würde jeder ..." lässt sich so ziemlich alles ad absurdum führen. Würde jeder Lehramt studieren, würden wir alle verhungern weil niemand mehr Nahrung produziert. Würden alle in München wohnen, würden alle anderen Städten verkommen und München wäre hoffnungslos überlaufen und und und. Es IST aber halt nun mal nicht so. Und die Sache mit dem "Bodenverbrauch" ist an sich auch erst mal nichts schlechtes, sofern die Bodenbereitsteller dafür fair entlohnt und nicht ausgebeutet werden, was leider meistens nicht der Fall ist. Aber dass sich das ändert, dazu kann jeder Verbraucher auch selbst ein kleines bisschen beitragen.
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