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Modernes Leben: Wie Deutsche, Österreicher und Schweizer wohnen

Von (Text) und Guido Grigat (Grafik)

Die Österreicher lieben ihren Wandverbau, die Deutschen ihren Teppich, die Schweizer den Pflümli in Bodennähe. Nach dem deutschen Wohnzimmer hat die Werbeagentur Jung von Matt nun die guten Stuben unserer Nachbarn analysiert. SPIEGEL ONLINE wirft einen Blick hinter die Pressspantüren - ein Kulturvergleich.

Hamburg - Das typische Wohnzimmer einer typisch österreichischen Familie steht in der Längenfeldgasse, Nummer 27b in Wien. Hier, in den Räumen der Österreich-Tochter der Werbeagentur Jung von Matt, wohnen seit heute der 40-jährige Franz Gruber und seine Frau Maria mit dem 13-jährigen Sohn Michael.

Die Familie hat ihr Wohnzimmer eingerichtet wie die meisten ihrer Landsleute. Die wuchtige Schrankwand, genannt "Wandverbau", steht in der Ecke. Gegenüber haben die Grubers die Sitzgruppe mit dem sehr blauen Sofa aufgestellt. Unter dem Tisch liegt die aktuelle TV-Zeitung, vor dem Fernseher Michaels Playstation, auf dem Schrank stehen Franzens Fußballpokale.

Nur wird man die Familie dort nie antreffen. Die Grubers gibt es gar nicht. Sie wie auch ihre Einrichtungsgegenstände sind ein Produkt aus Absatzstatistiken, Datensammlungen sowie Geburten- und Namensregistern, zusammengestellt von Nachwuchskräften der Jung-von-Matt-Strategieabteilung. Entstanden ist dabei die Durchschnittsfamilie mit Durchschnittsnamen und -alter in einem Durchschnittswohnzimmer.

Live-Simulation des Lebens zu Schulungszwecken

"Unsere jungen Mitarbeiter lernen hier zu recherchieren, sie lernen wie man den Konsumenten auf die Schliche kommt", erklärt Karen Heumann, im Vorstand der Agentur verantwortlich für den Strategiebereich, das Projekt. Indem die angehenden Marktforscher die Stube zusammenstellen, sollen sie ein Gefühl dafür bekommen, wie die Konsumenten ticken, eine Live-Simulation des wirklichen Lebens zu Schulungszwecken. "Natürlich ist der Zeitaufwand groß", sagt Vorstandsfrau Heumann. "Aber der Zeitaufwand ist in diesem Fall vor allem Lernaufwand. Und da ist das Geld doch am besten investiert."

Im Februar 2004 hatte Heumann in der Hamburger Zentrale erstmals die deutsche Durchschnittsstube einrichten lassen. Hier wohnt seither die Fiktiv-Familie Müller: Vater Thomas, 43, Mutter Sabine, 40, und Sohn Alexander, 13. Vor kurzem folgte das häufigste Wohnzimmer in der deutschsprachigen Schweiz. Auch dort leben nun Müllers. Der Vater heißt ebenfalls Thomas, genannt "Töme", und ist zudem wie sein deutsches Pendant 41 Jahre alt. Mit ihm sind Frau Claudia ("Claudi", 39) und Sohn Pascal ("Pasci", 10) eingezogen.

Eiche rustikal hat ausgedient

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob sich die drei Familien bei der Einrichtung nicht großartig unterscheiden. Ein Couchset mit Tischchen gibt es überall. Bei der Schrankwand hat in Deutschland, Österreich und in der Schweiz Eiche rustikal ausgedient. Es überwiegt helles Holz mit offener Konstruktion. In allen Räumen findet sich auch das unvermeidliche Zimmergrün.

Beim genauen Hinsehen offenbaren sich Unterschiede. Österreicher laufen beispielsweise auf Laminat (Buche) durch das Zimmer. Grund dafür: Sie leben meist im eigenen Haus und investieren mehr in ihre vier Wände. Auch haben sie deswegen eine größere Wohnfläche zur Verfügung, im Schnitt 114 Quadratmeter. Die deutsche Durchschnittsfamilie dagegen wohnt meist zur Miete auf 90 Quadratmetern und spart sich den österreichischen Luxusboden. Stattdessen haben die Müllers günstigen Velourteppich für zwölf Euro pro Quadratmeter ausgelegt.

Die Schweizer sind wiederum die Einzigen, die ihre Hausbar in Bodenhöhe aufbauen. Dass die Alkoholika damit in Reichweite von Kinderhänden sind, stört die Eidgenossen offenbar wenig. Die deutschen Müllers und die Grubers verstecken den Schnaps in den oberen Stockwerken ihrer Schrankwände.

Die Deutschen sind in anderer Hinsicht wesentlich laxer. So bestehen sie nicht darauf, dass Besucher sich die Schuhe ausziehen. In Österreich und in der Schweiz darf der Wohnraum nur mit Strümpfen betreten werden.

Nichts steht zufällig an seinem Ort

Die Räume verfehlen ihre Wirkung nicht. Besucher entdecken zwangsläufig Gegenstände aus dem eigenen Heim - und sei es nur die Flasche Bacardi in der Hausbar oder die Ausgabe des Bestsellers "Sakrileg" von Dan Brown im Bücherregal der Hamburger Dependance. Diese Erfahrung haben auch prominente Besucher machen müssen, denen Jung von Matt das häufigste Wohnzimmer vorführte. So hat hier Noch-Bundeskanzler Gerhard Schröder die Lichtschalter aus seinem Hannoveraner Reihenhaus wiederentdeckt.

Nichts steht zufällig an seinem Platz. Tisch, Tapeten, Gardinen, selbst die Auswahl des Türrahmens sind in allen drei Räumen durch hunderte Studien und Statistiken abgesichert. So werteten Jung-von-Matt-Mitarbeiter für den Österreich-Raum aus, welcher Fernseher, welche Schrankwand und welcher Lichtschalter sich am meisten verkauften. Wo keine verlässlichen Angaben zu erhalten waren wie beim beliebtesten österreichischen Sofa, fragten die Forscher selbst bei den Möbelhäusern nach. Das Ergebnis: Besonders häufig nehmen die Alpenbewohner auf besagter blauer Eckcouch Platz.

Allerdings reichte den Strategen eine bloße statistische Zusammenstellung von Mobiliar, Lichtschaltern und Bodenbelägen nicht aus. "Wir hatten das Problem, dass nach der Einrichtung kein Leben in den Wohnzimmern war. Wir hatten die häufigsten Schränke, wussten aber nicht, wie sie am häufigsten aufgestellt werden", sagte Mascha Sperling, Jungstrategin in der Hamburger Zentrale.

Weil es dazu keinen Studien gab, besuchte Sperling mit Kollegen zehn wirklich existierende Familien, die den deutschen Müllers besonders ähnlich waren. Das dort gewonnene Wissen floss in die Einrichtung der Räume ein. Seither ist klar, dass in Deutschland hauptsächlich die Frauen die Dekoration übernehmen, entsprechend reduziert sich Thomas' Einrichtungsbeitrag auf ein Ferrari-Modell und ein Tischfeuerzeug in Fußballform. In Österreich und der Schweiz lief es ähnlich.

Mascha Sperling und ihre Kollegen in den Nachbarländern entwickeln die Wohnzimmer ständig weiter. Weil die Deutschen beispielsweise zusehends den Videorecorder gegen einen DVD-Player tauschen, muss auch Sperling die Geräte demnächst auswechseln.

In der Hamburger Zentrale erfüllt das Wohnzimmer mittlerweile eine weitere Aufgabe. Die Stube ist dort einer der beliebtesten Konferenzräume. Offenbar hilft das Umfeld beim Denken.

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