Von Stefan Simons, Paris
Die "Philosophie Ikea" ist so schlicht wie anspruchsvoll: Sie verheißt, "für die allermeisten Menschen das Leben zu verbessern". Das gelinge mit "rentablen und innovativen Methoden", verspricht das Möbelhaus auf seiner Homepage. Im Umgang mit seinen Kunden greift der französische Ableger des schwedischen Konzerns aber offenbar zu rabiaten Methoden. Ikea soll über Jahre den Alltag seiner Mitarbeiter und Kunden ausgeforscht haben.
Laut französischen Medienberichten verfügte Ikea in Frankreich im Rahmen einer ausgefeilten Spionagetätigkeit nicht nur über Zugang zu vertraulichen Hinweisen der Polizei, sondern sammelte auch geschützte Informationen. Die mutmaßlichen Möbelhaus-Spione sollen sich unter anderem für persönliche Bankkonten, Führerscheine und Autopapiere interessiert haben. Selbst bei Gerichtsakten laufender Untersuchungen soll sich die Firma bedient haben.
Ikea hat in Frankreich 29 Standorte und macht mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Der Konzern hat sich nach den Presseberichten von jeglichen Spionage-Praktiken distanziert. "Wir nehmen die Veröffentlichung dieser Vorwürfe sehr ernst", versicherte die Unternehmensführung in Frankreich. "Der Respekt vor dem Privatleben zählt zu den wichtigsten Werten unserer Gruppe."
Offenbar nicht immer. Denn wie die Zeitung "Canard enchaîné" berichtete, nutzte das Unternehmen zum Ausspionieren seiner "Zielpersonen" die Dienste von privaten Sicherheitsdienstleistern. E-Mails, die auch auf der Seite des Internetdienstes Mediapart veröffentlicht wurden, zeigen, dass Ikea seit Dezember 2003 mit einem Detektivbüro systematisch den heimlichen Zugriff verabredete.
Für "80 Euro die Konsultation" wurden Daten rangeschafft
Für "80 Euro die Konsultation" versprach die Sicherheitsfirma Informationen entsprechend dem staatlichen Zentralregister "Stic": Das "System für die Behandlung festgestellter Vergehen", ein elektronischer Dienst unter dem Dach des Innenministeriums, sammelt alle Hinweise im Zusammenhang mit Straftaten - die Identität von Tätern, Diebesgut und Opfern. Der Zugang zu dem Archiv, aus dem monatlich Daten zu rund 15.000 Personen abgefragt werden, ist eigentlich auf Polizei, Gendarmerie und Justiz beschränkt.
Doch Spitzel in Diensten des Möbelhauses konnten offenbar ohne Schwierigkeiten das Register abschöpfen. Die Neugier der Ikea-Bosse war demnach immens, die Anfragen präzise: "Vertraulich: ( ) Ich brauche Informationen über sein Strafregister und seinen Lebensstil", beginnt eine dokumentierte Anfrage vom Chef der Ikea-Abteilung für Sicherheit an eine Detektei. Er führt weiter aus, was ihn interessiert: "In der Tat fährt unser Freund in einem 'neuen' BMW-Coupé, und der junge Mann könnte einen Lebenswandel führen, weit über seinem Einkommen (Kleidung, Ausgehen ). Das Autokennzeichen teile ich Ihnen so schnell wie möglich mit ( )." Aus weiteren E-Mails an Ikea-Verantwortliche Wochen später geht hervor, dass auch die Konten des Betroffenen bei der Post und einer Bank ausgeforscht werden sollten.
Das Einrichtungshaus interessierte sich auch für intime Details von "Zielpersonen". So erhält im August 2003 eine Detektei den Auftrag, für die Ikea-Filiale in Toulouse Hintergrundmaterial über eine Mitarbeiterin zu beschaffen, die dort sechs Jahre beschäftigt war. Das Motiv: "Ihr Lebenspartner könnte ein 'Zigeuner' sein, der als gefährlich gilt." In den Augen der nordischen Unternehmensführung zählten Sinti und Rom offenbar zu wenig erwünschten Kunden.
Rassistisch geprägte Ermittlungen
Wie die ausgespähte Mitarbeiterin Mediapart berichtete, schellten die Alarmglocken, wenn Roma die Hallen betraten: "Es gab einen Code - 'Madame Marty wird im Laden verlangt'", schilderte die Frau Ansagen per Lautsprecher. "Dann erschienen alle Verantwortlichen und hefteten sich den Zigeunern an die Fersen: Sie waren 'persona non grata'" - unerwünscht.
Es blieb nicht nur bei rassistisch geprägten Ermittlungen. Führungspersonal vom Ikea-Standort Paris Nord 2 verschaffte sich offenbar auch Zugang zu Gerichtsakten aus einem laufenden Verfahren, das gegen Gewerkschafter des Unternehmens angestrengt wurde. Der Ikea-Funktionär, das zeigen E-Mails, die Mediapart im Faksimile wiedergibt, konnte sich nicht nur Hinweise zur Strategie der betrauten Untersuchungsrichterin beschaffen, sondern über Kontakte bei der Kripo auch die Verhörprotokolle der Ikea-Mitarbeiter einsehen. Dass er illegal handelte, war ihm offenbar voll bewusst: "Offiziell bin ich natürlich nicht gehalten, Zugang zu den Akten zu haben", schließt der Bericht an seine Vorgesetzten. "Ich kann daher keine Namen und Daten nennen."
Ikea ist kein Einzelfall
Spionage durch Firmen scheint in Frankreich kein Einzelfall: Der Euro Disney Park bei Paris und drei ehemalige Polizisten müssen sich ab Herbst wegen der mutmaßlichen Bespitzelung von mehreren tausend Stellenbewerbern vor Gericht verantworten. Wie ein Gerichtssprecher am Freitag mitteilte, soll der Prozess im September im Städtchen Meaux östlich von Paris beginnen. Das Unternehmen soll sich ähnlich wie Ikea Frankreich illegal personenbezogene Daten beschafft haben.
Auch für den Möbelkonzern könnte die Affäre rechtliche Konsequenzen haben. Die Gewerkschaft Force Ouvrière hat Anzeige erstattet, die zuständigen Behörden in Versailles haben Vorermittlungen eingeleitet. Auch manche der ausgespähten ehemaligen Kunden und Mitarbeiter überlegen, Ikea zu verklagen. Das dürfte nicht so einfach werden: Denn die in den E-Mails genannten privaten Sicherheitsfirmen sind inzwischen abgewickelt worden. Ikeas PR-Chef versprach, "alles zu tun", um Licht in die Affäre zu bringen - auch unter Einschaltung einer firmenfremden Kanzlei. Derweil gelobte auch das Innenministerium, es werde im Falle einer Klage nachprüfen, ob staatliche Informationsquellen illegal benutzt wurden.
Die Spitzelvorwürfe gegen Ikea fallen in eine Zeit, die der Konzern eigentlich als Jubiläumswochen geplant hatte. Das Motto des Möbelhauses: "30 Jahre gemeinsames Leben - ein schöner Anfang."
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