Möbelhaus-Skandal in Frankreich: Ärger für die Ikea-Schnüffler

Von , Paris

Kontodaten, Gerichtsakten, Informationen über die Liebesbeziehungen von Mitarbeitern - Ikea in Frankreich soll über Jahre mit illegalen Methoden Beschäftigte und Kunden ausgeforscht haben. Der Konzern verspricht Aufklärung, doch die mutmaßlichen Komplizen sind nur schwer zu greifen.

Ikea-Möbelhaus im französischen Lomme: "80 Euro die Konsultation" Zur Großansicht
AFP

Ikea-Möbelhaus im französischen Lomme: "80 Euro die Konsultation"

Die "Philosophie Ikea" ist so schlicht wie anspruchsvoll: Sie verheißt, "für die allermeisten Menschen das Leben zu verbessern". Das gelinge mit "rentablen und innovativen Methoden", verspricht das Möbelhaus auf seiner Homepage. Im Umgang mit seinen Kunden greift der französische Ableger des schwedischen Konzerns aber offenbar zu rabiaten Methoden. Ikea soll über Jahre den Alltag seiner Mitarbeiter und Kunden ausgeforscht haben.

Laut französischen Medienberichten verfügte Ikea in Frankreich im Rahmen einer ausgefeilten Spionagetätigkeit nicht nur über Zugang zu vertraulichen Hinweisen der Polizei, sondern sammelte auch geschützte Informationen. Die mutmaßlichen Möbelhaus-Spione sollen sich unter anderem für persönliche Bankkonten, Führerscheine und Autopapiere interessiert haben. Selbst bei Gerichtsakten laufender Untersuchungen soll sich die Firma bedient haben.

Ikea hat in Frankreich 29 Standorte und macht mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Der Konzern hat sich nach den Presseberichten von jeglichen Spionage-Praktiken distanziert. "Wir nehmen die Veröffentlichung dieser Vorwürfe sehr ernst", versicherte die Unternehmensführung in Frankreich. "Der Respekt vor dem Privatleben zählt zu den wichtigsten Werten unserer Gruppe."

Offenbar nicht immer. Denn wie die Zeitung "Canard enchaîné" berichtete, nutzte das Unternehmen zum Ausspionieren seiner "Zielpersonen" die Dienste von privaten Sicherheitsdienstleistern. E-Mails, die auch auf der Seite des Internetdienstes Mediapart veröffentlicht wurden, zeigen, dass Ikea seit Dezember 2003 mit einem Detektivbüro systematisch den heimlichen Zugriff verabredete.

Für "80 Euro die Konsultation" wurden Daten rangeschafft

Für "80 Euro die Konsultation" versprach die Sicherheitsfirma Informationen entsprechend dem staatlichen Zentralregister "Stic": Das "System für die Behandlung festgestellter Vergehen", ein elektronischer Dienst unter dem Dach des Innenministeriums, sammelt alle Hinweise im Zusammenhang mit Straftaten - die Identität von Tätern, Diebesgut und Opfern. Der Zugang zu dem Archiv, aus dem monatlich Daten zu rund 15.000 Personen abgefragt werden, ist eigentlich auf Polizei, Gendarmerie und Justiz beschränkt.

Doch Spitzel in Diensten des Möbelhauses konnten offenbar ohne Schwierigkeiten das Register abschöpfen. Die Neugier der Ikea-Bosse war demnach immens, die Anfragen präzise: "Vertraulich: (…) Ich brauche Informationen über sein Strafregister und seinen Lebensstil", beginnt eine dokumentierte Anfrage vom Chef der Ikea-Abteilung für Sicherheit an eine Detektei. Er führt weiter aus, was ihn interessiert: "In der Tat fährt unser Freund in einem 'neuen' BMW-Coupé, und der junge Mann könnte einen Lebenswandel führen, weit über seinem Einkommen (Kleidung, Ausgehen…). Das Autokennzeichen teile ich Ihnen so schnell wie möglich mit (…)." Aus weiteren E-Mails an Ikea-Verantwortliche Wochen später geht hervor, dass auch die Konten des Betroffenen bei der Post und einer Bank ausgeforscht werden sollten.

Das Einrichtungshaus interessierte sich auch für intime Details von "Zielpersonen". So erhält im August 2003 eine Detektei den Auftrag, für die Ikea-Filiale in Toulouse Hintergrundmaterial über eine Mitarbeiterin zu beschaffen, die dort sechs Jahre beschäftigt war. Das Motiv: "Ihr Lebenspartner könnte ein 'Zigeuner' sein, der als gefährlich gilt." In den Augen der nordischen Unternehmensführung zählten Sinti und Rom offenbar zu wenig erwünschten Kunden.

Rassistisch geprägte Ermittlungen

Wie die ausgespähte Mitarbeiterin Mediapart berichtete, schellten die Alarmglocken, wenn Roma die Hallen betraten: "Es gab einen Code - 'Madame Marty wird im Laden verlangt'", schilderte die Frau Ansagen per Lautsprecher. "Dann erschienen alle Verantwortlichen und hefteten sich den Zigeunern an die Fersen: Sie waren 'persona non grata'" - unerwünscht.

Es blieb nicht nur bei rassistisch geprägten Ermittlungen. Führungspersonal vom Ikea-Standort Paris Nord 2 verschaffte sich offenbar auch Zugang zu Gerichtsakten aus einem laufenden Verfahren, das gegen Gewerkschafter des Unternehmens angestrengt wurde. Der Ikea-Funktionär, das zeigen E-Mails, die Mediapart im Faksimile wiedergibt, konnte sich nicht nur Hinweise zur Strategie der betrauten Untersuchungsrichterin beschaffen, sondern über Kontakte bei der Kripo auch die Verhörprotokolle der Ikea-Mitarbeiter einsehen. Dass er illegal handelte, war ihm offenbar voll bewusst: "Offiziell bin ich natürlich nicht gehalten, Zugang zu den Akten zu haben", schließt der Bericht an seine Vorgesetzten. "Ich kann daher keine Namen und Daten nennen."

Ikea ist kein Einzelfall

Spionage durch Firmen scheint in Frankreich kein Einzelfall: Der Euro Disney Park bei Paris und drei ehemalige Polizisten müssen sich ab Herbst wegen der mutmaßlichen Bespitzelung von mehreren tausend Stellenbewerbern vor Gericht verantworten. Wie ein Gerichtssprecher am Freitag mitteilte, soll der Prozess im September im Städtchen Meaux östlich von Paris beginnen. Das Unternehmen soll sich ähnlich wie Ikea Frankreich illegal personenbezogene Daten beschafft haben.

Auch für den Möbelkonzern könnte die Affäre rechtliche Konsequenzen haben. Die Gewerkschaft Force Ouvrière hat Anzeige erstattet, die zuständigen Behörden in Versailles haben Vorermittlungen eingeleitet. Auch manche der ausgespähten ehemaligen Kunden und Mitarbeiter überlegen, Ikea zu verklagen. Das dürfte nicht so einfach werden: Denn die in den E-Mails genannten privaten Sicherheitsfirmen sind inzwischen abgewickelt worden. Ikeas PR-Chef versprach, "alles zu tun", um Licht in die Affäre zu bringen - auch unter Einschaltung einer firmenfremden Kanzlei. Derweil gelobte auch das Innenministerium, es werde im Falle einer Klage nachprüfen, ob staatliche Informationsquellen illegal benutzt wurden.

Die Spitzelvorwürfe gegen Ikea fallen in eine Zeit, die der Konzern eigentlich als Jubiläumswochen geplant hatte. Das Motto des Möbelhauses: "30 Jahre gemeinsames Leben - ein schöner Anfang."

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1.
anderson67 02.03.2012
Zitat von sysopAFPKontodaten, Gerichtsakten, Informationen über die Liebesbeziehungen von Mitarbeitern - Ikea in Frankreich soll über Jahre mit illegalen Methoden Beschäftigte und Kunden ausgeforscht haben. Der Konzern verspricht Aufklärung, doch die mutmaßlichen Komplizen sind nur schwer zu greifen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,818942,00.html
Knallhart boykottieren solche tollen Firmen - bei Schlecker hats ja auch mit der Insolvenz geklappt. Leider kann man ja Tönnies -Produkte nicht so ohne weiters erkennen, da wurde ja auch schön bespitzelt.
2. Grund mehr, die Datensammelwut der Behörden und Unternehmen auszubremsen..
NETSUBJEKT 02.03.2012
Ein weiteres Beispiel, welche Bedrohung die Datensammelwut der Behörden und die Konzentration von Daten in Deutschland für die Bürger bedeutet: Der Staat hat nicht die Macht, diese Vorgänge zu verhindern. Es wird in allen Behörden und Institutionen immer Leute geben, die sich an externe Interessenten verkaufen oder solche, die sich von Aussen Zugang verschaffen können. Und diese Leute werden immer zahlreicher und versierter.
3. Toller k
mitbestimmender wähler 02.03.2012
Zitat von sysopAFPKontodaten, Gerichtsakten, Informationen über die Liebesbeziehungen von Mitarbeitern - Ikea in Frankreich soll über Jahre mit illegalen Methoden Beschäftigte und Kunden ausgeforscht haben. Der Konzern verspricht Aufklärung, doch die mutmaßlichen Komplizen sind nur schwer zu greifen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,818942,00.html
1.Diese Daten kann sich jeder Konzern zu kaufen, davon lebt eine ganze Branche...... Jeder Angestellte ist ja auch Kunde irgendwo und als Dutzend A4 Seiten kaufbar. 2.Muss ein Handwerker bei einem der Vielen Konzern Arbeiten verrichten, gehen Passkopie,Strafregisterauszug plus Unterschrift zur Einwilligung zu weiteren Nachforschungen an den Kunden zur Überprüfung. Tagtäglich Sache heutzutage. 3. Bei vielen PillePalle Berufen ist das ebenfalls vor einem Stellenantritt üblich. 4.Bevor sie wieder über die IKEA Führung herziehen, von wegen Pauschalsteuer in der Schweiz und blabla. A) Pauschalsteuern gibt es nur für Ausländer. B) Ingvar Kamprad und die Söhne haben seit Jahrzehnten den Schweizer Pass, sind dort geboren oder leben seit etwa 40 Jahren dort.
4. Security weltweit
geeg 02.03.2012
Zitat von sysopAFPKontodaten, Gerichtsakten, Informationen über die Liebesbeziehungen von Mitarbeitern - Ikea in Frankreich soll über Jahre mit illegalen Methoden Beschäftigte und Kunden ausgeforscht haben. Der Konzern verspricht Aufklärung, doch die mutmaßlichen Komplizen sind nur schwer zu greifen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,818942,00.html
Frankreich ist wahrscheinlich kein Einzelfall. IKEA steckt ein Heidengeld in Security und stellt gerne Sicherheitschefs ein die früher z.B. bei der Polizei gearbeitet haben oder gute Beziehungen zu Behörden haben. Mal sehen welches Land folgt wo es rauskommt!
5.
St.McK. 02.03.2012
Das schlimmste am Neoliberalismus ist ja nicht unbedingt die von-unten-nach-oben-verteil Mentalität, die zuweilen noch staatlich bzw. Lobbyisten gestützt wird. Sondern die zum kotzen schlechte Moral, Ethik und Anstand der angeblich besseren Menschen. Die Firmen treten Freiheit und Demokratie mit Füßen, versuchen den ultimativen Überwachungsstaat zu schaffen in dem es nicht mehr die Unschuldsvermutung gibt und jeder der nicht willig ist zu zahlen(trotz Porentiefer überwachung und "Überzeugungsarbeit" wird halt mit nutzfreien Zwangsabgabe "überredet", GEZ lässt grüßen...
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