Monopol-Streit Ulla Schmidts Apotheker-Allianz ärgert Experten

Das Apotheken-Monopol in Deutschland sorgt weiter für Zank: Gesundheitsministerin Schmidt verteidigt vehement die Apotheken und warnt vor Medikamentenfälschern. Aber nicht einmal ihre eigenen Experten können Schmidts Argumente nachvollziehen.

Von Corinna Kreiler


Hamburg - Wer in Deutschland an einem Wehwehchen leidet, hat es selten weit zur nächsten Apotheke. Im Extremfall sind es nur ein paar Schritte, wie am Tibarg im Hamburger Stadtteil Niendorf. Dort reihen sich auf einer Strecke von 200 Metern gleich fünf Arzneiausgaben aneinander.

So wie in der Einkaufsstraße im Norden der Hansestadt sieht es mancherorts aus in der Bundesrepublik. Die Apotheken sind in Deutschland eine der größten Einzelhandelsgruppe, rund 21.500 Filialen gibt es hierzulande.

Tabletten: Steigt mit der Liberalisierung die Gefahr gefälschter Pillen?
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Tabletten: Steigt mit der Liberalisierung die Gefahr gefälschter Pillen?

Experten ziehen gegen diese Apothekendichte zu Felde. "Die Überversorgung ist unnötig und teuer", sagt Gerd Glaeske, Gesundheitsökonom an der Uni Bremen und Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit, der die Bundesregierung berät. Profiteur ist seiner Meinung nach die deutsche Apothekerzunft, die es sich - abgeschirmt vom Wettbewerb - im Monopol gemütlich gemacht und eine Apotheke nach der anderen gegründet hat.

Das Apotheken-Monopol ist in Deutschland per Gesetz festgelegt, auf Amtsdeutsch heißt es Mehr- und Fremdbesitzverbot. Die Regelung erlaubt nur studierten Pharmazeuten den Besitz einer Apotheke, plus drei Filialen. Das Gesetz verhindert, dass Konzerne wie der niederländische Versandhändler DocMorris auf den Markt drängen und Apothekenketten entstehen, wie sie in Großbritannien oder den Niederlanden längst üblich sind.

Marktbeobachter rechnen zwar seit Jahren damit, dass das Monopol auch in Deutschland fällt. Doch die Liberalisierung findet nicht statt: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) wird die Entscheidung höchstwahrscheinlich der Bundesregierung überlassen - und die zeigt keinerlei Interesse an einer Öffnung des Markts, auch wenn die eigens engagierten Experten sie dazu auffordern: "Sowohl wir Gesundheitsweisen als auch die Wirtschaftsweisen unter Bert Rürup haben der Bundesregierung dringend geraten, das Monopol aufzuheben", sagt Glaeske.

Dass Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sich dem Rat widersetzt, ist für Glaeske fachlich nicht nachvollziehbar. "Mit der Liberalisierung würde ein Preis- und Qualitätswettbewerb in Gang gesetzt, der den Krankenkassen und den Patienten dient", sagt der Experte.

Doch Schmidt bleibt hart. "Wir wollen das Fremdbesitzverbot nicht aufheben", sagte ihr Sprecher Klaus Vater. Die Ministerin selbst verkündete im Branchen-Blatt "Apotheken-Umschau": "Wir wollen keine Apothekenketten." Die Argumentation des Ministeriums: Eine Marktöffnung wäre zu gefährlich. Schließlich könnten dann die Arzneimittelsicherheit, die Verlässlichkeit der Versorgung und die kompetente Beratung der Kunden nicht mehr garantiert werden.

Apotheker warnen vor Konzernen

Genau so argumentiert auch der Lobbyverband der Apothekenbetreiber: "Wenn die Apotheker nicht mehr unabhängig sind, steht das Gewinninteresse eines Konzerns im Vordergrund", sagt ein Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Und dann sei die Versorgung nicht mehr verlässlich, der ethische Umgang mit Arzneimitteln nicht mehr garantiert.

Stimmt nicht, argumentiert der Gesundheits-Sachverständigenrat. Den Experten zufolge ist es nicht entscheidend, ob Fremdkapital in einer Firma steckt oder nicht. Was zählt, ist die Unternehmensethik. Das zeige sich am Beispiel der privaten Krankenhäuser, durch die sich Transparenz sowie Leistung und Qualität im Gesundheitssektor schon aus Wettbewerbsgründen verbessert haben - obwohl Klinik-Konzerne wie Asklepios gewinnorientiert sind.

Auch die Warnung vor gefälschten Arzneimitteln, die Apothekerverband und Bundesregierung als Argument gegen die Liberalisierung anführen, ist nach Ansicht von Glaeske irreführend: "Auch nach der Liberalisierung werden die Apotheken vom Großhandel beliefert und dort finden intensive Kontrollen statt." Die Quote der gefälschten Medikamente in Deutschland liege deutlich unter 0,5 Prozent - eine Quote, die vernachlässigt werden könne, findet Glaeske. Das gilt auch für die deutschen und holländischen Versandapotheken, denn auch sie bekommen ihre Arzneimittel für den deutschen Markt vom Großhandel.

Zudem handelt es bei den gefälschten Medikamenten gar nicht um ein Apotheken-Problem: Der illegale Handel findet hauptsächlich im Internet statt, und dem ist auch mit Arzneimittelrecht nicht beizukommen. Die Pillen werden schließlich nicht über Apotheken oder Versandapotheken verkauft.

Beratung in Apotheken ist mangelhaft

Das Argument, dass nur studierte Pharmazeuten siechende Kranke kompetent beraten könnte, lässt Glaeske ebenfalls nicht gelten: "Studien belegen, dass die Beratung in Apotheken zu einem Drittel verbesserungsbedürftig ist." Von der Liberalisierung erhofft Glaeske sich deshalb sogar Fortschritte - schließlich bringt Beratung dann einen Wettbewerbsvorteil und somit einen Anreiz für Apotheker, sich von Konkurrenten abzuheben.

Doch im Gesundheitsministerium interessiert man sich nicht für die Argumente der Sachverständigen: "Herr Glaeske vertritt eine Einzelmeinung, wenn er persönlich für die Sicherheit garantieren könnte, würden wir die Liberalisierung befürworten", sagt Ulla Schmidts Sprecher Vater auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Glaeske bestreitet das: "Ich stehe natürlich erst einmal für mich, aber mit den Experten aus dem Sachverständigenrat gemeinsam." Es gebe keine empirischen Beweise dafür, dass die Liberalisierung mit einer Verringerung der Sicherheit und Verlässlichkeit sowie mit einer schlechteren Beratung verbunden sei.

Da sich die Bundesregierung dennoch so vehement dem Rat ihrer Berater widersetzt, lässt für Glaeske nur einen Schluss zu: "Der Einfluss der Apothekerlobby auf die Regierung ist offenbar groß." Und das Apotheken-Monopol bleibt in Deutschland wohl noch eine Weile erhalten.



insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
smilesuomi 16.12.2008
1. Antwort....
Zitat von sysopDer Europäische Gerichtshof stützt offenbar das deutsche Apothekensystem. Damit rückt der Markteintritt für große Apothekenketten in weite Ferne. Sollte die Apothekenwirtschaft in der Bundesrepublik tatsächlich geschützt werden?
...ja! Interessant ist v.a. die Beurteilung "überraschend" im besagten Artikel. Wieso überraschend? Wer hingehört hat bei der Anhörung (sic!), der hätte abzählen können, dass die Mehrzahl der EU-Länder sich ähnlich wie der Staatsanwalt geäußert haben. Wer hingehört hätte, hätte auch vernommen, dass von Richterseite ein Kommentar hinsichtlich dessen, dass hier nichts Neues dazugekommen ist (bei der Anhörung). Wenn man ein System kippen will, sollte man schon was "Neues" auf Lager haben. Schade an den deutschen Medien finde ich, dass man nicht mal nach Island schaut. Da wäre im Zuge der Finanzkrise fast die ganze Arzneimittelversorgung hopps gegangen (wenn die Kette stirbt, stirbt die Versorgung). Genauso hat Lettland über die eigen Problematik mit Ketten berichtet. Norwegen ist auch nicht gerade ein Musterbeispiel....Also was war da jetzt bitte überraschend? Oder liegt es an den bevorzugten Gesprächspartnern ala Oesterle, die vielleicht ien bischen zu optimistisch waren. Und es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Die Celesio-Verantwortlichen haben ja beste Kontakte zu einigen deutschen Politikern. Für die hat sich nur die "Zielgruppe" geändert. Würde mich mal interessieren, wer der neue Arbeitgeber von Herrn McCreavy wird. Bangemann ging ja dann zu Telefonica, Schröder zu Gazprom.... Michael
Baikal 16.12.2008
2.
Zitat von sysopDer Europäische Gerichtshof stützt offenbar das deutsche Apothekensystem. Damit rückt der Markteintritt für große Apothekenketten in weite Ferne. Sollte die Apothekenwirtschaft in der Bundesrepublik tatsächlich geschützt werden?
Damit wieder einmal deutlich, wie sehr der EuGH in seiner Spruchpraxis den herrschenden Interessen verpflichtet ist: die europäischen Verträge werden stets im Sinn der Herrschenden ausgelegt und oberster Richtwert ist immer die Freiheit des Kapitals. Dazu bist keine Begründung zu dümmlich: als ob ein Einzelapotheker nicht seinem Umsatz und seinem Gewinn verpflichtet wäre - und auch so handelt. Sicher sind Kettenapotheken auch nicht unbedingt der Gesundheit zuträglich, würden die Apotheken aber etwa verstaatlicht, wäre der EuGH bestimmt auch wieder davor - obwohl damit bestimmte Auswüchse am besten verhindert werden könnten.
lutein 17.12.2008
3. Keine Apothekenketten in Deutschland
Ich finde es gut, dass es in Deutschland keine Monopole für Apotheken gibt. Denn diese würden zwangsweise entstehen, wenn Kapitalgesellschaften Apotheken führen dürften. Vorteile für den Verbraucher oder Patienten sind auch nicht erkennbar, oder? Ich denke auch dass mit über 20.000 Apotheken in Deutschland genug Wettbewerb vorhanden ist. Es werden sich die Apotheken durchsetzen mit der besten Leistung und Qualität.
Hanno, 17.12.2008
4.
Zitat von luteinIch finde es gut, dass es in Deutschland keine Monopole für Apotheken gibt. Denn diese würden zwangsweise entstehen, wenn Kapitalgesellschaften Apotheken führen dürften. Vorteile für den Verbraucher oder Patienten sind auch nicht erkennbar, oder? Ich denke auch dass mit über 20.000 Apotheken in Deutschland genug Wettbewerb vorhanden ist. Es werden sich die Apotheken durchsetzen mit der besten Leistung und Qualität.
Wovon traeumen Sie denn? Das jetzige System ist doch das Monopol per excellence! Vorteile fuer den Verbraucher? Erklaeren Sie mir doch mal, warum ausgerechnet in Deutschland die Arzneimittelpreise zur Spitze gehoeren. Das liegt ja nicht nur an der Pharmaindustrie. Leistung und Qualitaet? Laecherlich: Hier in Belgien zahle ich fuer bestimmte Dauermedikamente, die ich brauche, fast genau die Haelfte von den deutschen Preisen.
Klo, 17.12.2008
5.
Zitat von luteinIch finde es gut, dass es in Deutschland keine Monopole für Apotheken gibt. Denn diese würden zwangsweise entstehen, wenn Kapitalgesellschaften Apotheken führen dürften. Vorteile für den Verbraucher oder Patienten sind auch nicht erkennbar, oder? Ich denke auch dass mit über 20.000 Apotheken in Deutschland genug Wettbewerb vorhanden ist. Es werden sich die Apotheken durchsetzen mit der besten Leistung und Qualität.
Das jetzige System mit dem staatlichen Apothekenschutz führt zu den weltweit höchsten Arzneimittelpreisen, weil ja immer die Kasse oder der Patient zahlt, ohne zu handeln und ohne nachzufragen. Um einen freien Markt handelt es sich also nicht. Ein verbraucherfreundliches System erhält man allenfalls durch die Möglichkeit der Zulassung von freien Apotheken, die Arzneien aus anderen Ländern reimportieren können. Große Apotheken und vor allem Krankenhäuser machen das ohnehin längst. Aus dem ganzen süddeutschen Raum fahren mehrmals wöchentlich Lieferwagen der Krankenhäuser nach Österreich, um über den dortigen Großhandel Medikamente und Medizinprodukte zu erwerben. Ersparnis für die Krankenhäuser, rund 50%. Natürlich wird diese Ersparnis NICHT an den Kunden, also an die Kasse des Patienten weitergegeben. So sieht die Realität aus und das muß beendet werden. Der Kranke wird hierzulande als Selbstbedienungsladen mißbraucht.
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