Hochhausviertel in der russischen Hauptstadt: Moskau will nach ganz oben

Von Lukas I. Alpert, Wall Street Journal Deutschland

Moskau City im November: Der Mercury City Tower (r.) ist das höchste Gebäude Europas Zur Großansicht
AP

Moskau City im November: Der Mercury City Tower (r.) ist das höchste Gebäude Europas

Moskau will in die erste Liga der Wolkenkratzer-Metropolen aufsteigen. Mit dem Mercury City Tower steht bereits jetzt das höchste Gebäude Europas in der russischen Hauptstadt. Doch das soll erst der Anfang sein.

Aufgepasst, Canary Wharf: Moskau erhebt sich wie Phönix aus der Asche. Fünf Jahre, nachdem die globale Wirtschaftskrise die Baukräne zum Erliegen brachte, nimmt das ehrgeizige Erschließungsprojekt Moskau City mitten in der russischen Hauptstadt Gestalt an. Geht alles nach Plan, wird sich Moskau Ende 2014 rühmen können, vier der fünf höchsten Gebäude Europas zu beherbergen.

Bis dahin wollen die Stadtplaner und Grundstücksentwickler den konjunkturbedingt vor sich hin schlummernden Geschäftskomplex endgültig wiederbelebt haben. Elf Projekte sollen dann fertig gestellt und eine Fläche von 288 Hektar mit Gewerbe-, Wohn- und Einzelhandelsimmobilien bebaut sein. Dann soll Moskau City fast doppelt so groß sein wie der Londoner Geschäftsbezirk Canary Wharf. Im Gegensatz zu den eher niedrigen historischen Gebäuden Moskaus und den Wohnblocks aus der Sowjet-Ära muss der Betrachter hier schon den Kopf in den Nacken legen, um die Wolkenkratzer aus Stahl und Glas zu bewundern.

Im vergangenen Jahr kam wieder Leben in die Großbaustelle. In mehreren, halb fertiggestellten Gebäuden wurde wieder gehämmert und geklopft. Die Immobiliengesellschaften holten ihre Pläne aus dem Schrank und konzentrierten sich wieder darauf, ihre vor Jahren in Angriff genommenen Projekte zu Ende zu führen.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Am augenfälligsten soll sich dereinst der Föderationsturm über die Neubauten erheben. Anfang des kommenden Jahres soll der Wolkenkratzer die schwindelnde Höhe von 360 Metern erreichen und damit den jüngst fertig gestellten Nachbarn, den Mercury City Tower, als höchstes Gebäude Europas ablösen.

Prestigeprojekt von Pannen verfolgt

Ersonnen wurde der Gesamtkomplex rund um den Föderationsturm vom Moskauer Bauunternehmer Sergej Polonski. Der Immobilienmogul wurde einem internationalen Publikum bekannt, nachdem ihn der russische Oligarch und Medienunternehmer Alexander Lebedew 2011 in einer Fernsehdebatte über die Finanzkrise vor laufenden Kameras mit einem kräftigen Fausthieb vom Stuhl befördert hatte.

Ganz reibungslos ging auch Polonskis Prestigevorhaben in Moskau City bisher nicht über die Bühne. Immer wieder verzögerten sich die Baufortschritte bei dem Komplex, der neben einem Hochhaus mit 62 Stockwerken ein weiteres mit 92 Etagen umfassen soll. Und vor genau einem Jahr geriet die Baustelle auch noch in Brand. Das Feuer in den obersten Stockwerken des unfertigen Gebäudes loderte stundenlang und war selbst noch aus großer Entfernung in ganz Moskau sichtbar.

Doch Polonski gelang es, das flammende Inferno genau so hinter sich zu lassen wie die langwierigen Streitigkeiten um die Besitzverhältnisse. Rund 80 Prozent der Nutzfläche in den beiden Bauten seien jetzt verkauft, berichtet eine Sprecherin des Projekts. Mehr als die Hälfte der Etagen in dem kleineren Gebäude würde jetzt von der VTB Bank belegt, sagt sie.

Fotostrecke

10  Bilder
Rangliste: Die zehn höchsten Gebäude Europas
Im November wurde in 338 Meter Höhe letzte Hand an den benachbarten Mercury City Tower gelegt. Der höchste Wolkenkratzer Europas entthronte den Shard Tower in London als bisherigen Rekordhalter. Erbaut wurde der Moskauer Turm auf Geheiß des Tabak-Barons Igor Kesaev. Der Milliardär erinnert sich: "Als ich 1991 zum ersten Mal nach New York kam und das Chrysler Building und das Citibank-Hochhaus sah, dachte ich, diese Art Wolkenkratzer sollten auch in Moskau auftauchen. Und jetzt, zwanzig Jahre später, ist dieser Traum wahr geworden."

Ende des vergangenen Jahres hat sich Japan Tobacco International vorsorglich fünf Stockwerke im Mercury City Tower zugelegt, dessen Eröffnung noch bevorsteht. Wenn die Japaner einziehen, werden sie sich in der Gesellschaft von IBM, KPMG International, Pfizer und General Motors wiederfinden. Und die VTB Bank, das zweitgrößte russische Kreditinstitut, wird auch in diesem Neubau ihr Domizil aufschlagen.

"Das sind Weltklassebüros in einem neuen Gebäude in guter Lage nahe beim Stadtzentrum", rühmt ein Sprecher von Japan Tobacco. "Wir verfolgen in Russland eine langfristige Strategie und dazu brauchen wir gute Büros von Dauer. Das hier schien genau der richtige Ort zu sein."

Noch vor ein paar Jahren hätte das niemand von Moskau City behaupten wollen. Angedacht wurde die Erschließung der zwanzig Grundstücke bereits im Jahr 1992. Doch es sollte bis 2004 dauern, bevor das Projekt richtig in Fahrt kam. Damals weihte Jurij Luschkow, Bürgermeister von Moskau und ausgewiesener Wolkenkratzer-Fan, den ersten Turm auf dem Gelände ein. Das neue Viertel, das auf 427 Hektar Land, nur vier Kilometer vom Kreml entfernt, entstehen sollte, war als Antwort Moskaus auf die Londoner Canary Wharf konzipiert. "Umwerfend modern" sollte sich das Herz des neuen Russland präsentieren, wenn es 2007 fertiggestellt wäre, hatte Luschkow damals leichtsinnig versprochen. Doch es kam anders als geplant - für Luschkow und das Großvorhaben.

Sechs Jahre nach seiner hochtrabenden Ankündigung wurde Luschkow aus dem Amt gejagt. Die Pläne für Moskau City hatten sich unter dem Druck der Wirtschaftskrise in Luft aufgelöst. Nur drei Projekte waren bis dahin zu Ende geführt worden, was Luschkows Nachfolger im Amt, Sergei Sobjanin, zu der bitteren Bemerkung veranlasste, das grandiose Bauprogramm sei ein "Stadtplanungsfehler". Die Idee sei tot, unkten einige Beobachter.

Leerstand in Moskau sinkt deutlich

Doch die hohen Ölpreise kamen Moskau City zu Hilfe. Sie beschleunigten die wirtschaftliche Erholung Russlands und brachten das Moskauer Mega-Projekt wieder in Schwung. Zwischenzeitlich waren die Zufahrtswege zu dem Riesengelände langsam, aber stetig ausgebaut worden. Und der neue Bürgermeister änderte seinen Kurs. Moskau City avancierte zu einem der wenigen Erschließungsprojekte in der Innenstadt, die eine Freigabe für den Weiterbau bekamen, berichten Branchenexperten. Doch der Traum wurde zurechtgestutzt. Den neuen Realitäten fiel ein anvisierter Turm mit 114 Stockwerken zum Opfer. Und auch Pläne, das Moskauer Rathaus und das Parlament in das neue Viertel zu verlegen, wurden gestrichen.

Alles in allem belaufen sich die Kosten für das Projekt wohl auf zwölf bis 15 Milliarden Dollar, schätzen Vertreter der Stadtverwaltung. Den Großteil finanzieren die drei größten russischen Banken Sberbank VTB und Alfa Bank. Der erste Teil des Komplexes, der fertig gestellt wurde - der drei Gebäude umfassende Nabereschnaja-Turm - hatte bei Projektabschluss im Jahr 2007 rund 500 Millionen Dollar gekostet, erzählen Immobilienentwickler. Der Föderationsturm, der 4,6 Hektar mehr an vermietbarer Fläche aufweisen wird, dürfte mehr als eine Milliarde Dollar verschlingen.

Die Immobilienmakler atmen auf. Waren sie Jahre lang vergebens mit Büroangeboten in Moskau City hausieren gegangen, liege der Leerstand dort, wie in anderen Moskauer Innenstadtbezirken auch, mittlerweile bei unter 15 Prozent. Selbst wenn es immer noch kompliziert sei, zu dem Viertel zu gelangen, weil einige Verkehrsverbindungen immer noch nicht vollständig hergestellt seien. Derzeit sind in Moskau City noch rund 139 Hektar an Gewerbeflächen zu haben.

"Jeder hat gesagt, diese Gebäude braucht kein Mensch. Und trotzdem: Langsam funktioniert es jetzt wirklich", sagt Claudia Chistowa von der Gewerbeimmobilienberatung CBRE. "Internationalen Firmen gefällt es dort richtig gut, und am Ende wird dieses Projekt ein Erfolg. Davon sind wir überzeugt."

Trotz aller Fortschritte, die Moskau City hingelegt hat, lassen sich die Kritiker des Projekts immer noch nicht besänftigen. Besonders diejenigen, die dort arbeiten, beklagen sich. Es sei schwierig, überhaupt erst in das neue Viertel und an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Trotz seiner recht zentralen Lage unmittelbar im Nordwesten des Kreml ist der Komplex nur per U-Bahn zu erreichen. Die neue Bahnlinie verkehrt allerdings nicht allzu häufig. Oder man versucht, über die engen Zufahrtsrampen nach Moskau City zu gelangen, die von der am stärksten befahrenen Ringautobahn Moskaus abzweigen. Leider werden die Ausfahrtstraßen oft von Baufahrzeugen verstopft.

Verkehrsprobleme drücken Mietpreise

"Der Verkehr ist sehr dicht und es gibt nicht genug Parkplätze. Bis jetzt geht das ja alles noch, weil nur ein paar Gebäude in Betrieb sind. Aber wenn die alle im nächsten Jahr auf machen, dann könnte das hier katastrophal werden", befürchtet Witali Moscharowski, ein Rechtsanwalt der Kanzlei Goltsblat. Die Anwälte haben sich im Capital-City-Komplex niedergelassen. Den hat der Milliardär Wladislaw Doronin erbauen lassen, der Freund von Supermodel Naomi Campbell.

Doronin ist einer unter vielen Bauherren. Jedes Grundstück auf dem Gelände wurde von einer anderen Immobiliengesellschaft bebaut. Und genau daran kranke das Projekt, urteilen Immobilienmakler. "Hier findet sich ein Dutzend sehr guter Entwickler, die isoliert voneinander arbeiten", sagt Mark Pollitt von Cushman & Wakefield. "Das führt zu einem Mangel an Koordination. Und außerdem müssen sich die Entwickler mit dem direkten Grundstücksnachbarn um die Mieter streiten. Das Finanzmodell ist mehrmals ins Stocken geraten."

Einen sichtbaren Beweis für die starke Konkurrenz im Kampf um die Mieter liefert ein Blick auf die durchschnittlichen Jahresmieten in Moskau City. Sie liegen bei 550 bis 650 Euro pro Quadratmeter und damit um rund 20 Prozent unter den Preisen, die in den anderen Innenstadtbezirken Moskaus zu berappen sind. Dort muss der Mieter im Schnitt 900 bis 1200 Dollar pro Quadratmeter hinblättern, berichtet Pollitt.

Und natürlich drücken die Probleme mit der Verkehrsanbindung die Mietpreise. Die Stadt hat umfangreiche Ausbaumaßnahmen an den Zubringern in Aussicht gestellt und versprochen, das U-Bahnnetz zu erweitern. Zusätzliche Metro-Verbindungen sollen bis 2019 stehen, die erste soll am Ende dieses Jahres ihren Betrieb aufnehmen. Im vergangenen Jahr wurde die bestehende Bahnlinie häufiger bedient. Außerdem wurde ein Durchstich fertig gebaut, der den Neubaukomplex mit der nahe gelegenen Autobahn verbindet. An der Verbreiterung mehrerer Zufahrtsrampen zur umgebenden Ringstraße wird ebenfalls gearbeitet.

Moskau City sei heute "das größte Investitionsprojekt der Stadt. Es deckt alle Aspekte des Gebiets ab, von der Untergrundinfrastruktur, über den Transport bis hin zu Energieressourcen", sagt Swetlana Murdaja vom Amt für Stadtplanung und Entwicklung. "Bürgermeister Sobjanin setzt alles daran, um es fertig zu stellen."

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Furchtbar
pillorello 07.04.2013
Was auf dem Foto zu sehen ist, ist an Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen.
2. Und das ist gut so
nikolay1988 07.04.2013
Ich freue mich immer wieder, wenn ich sehe, wie sich Russland aendert, wie neue Wohnhaeser gebaut werden, Es waere allerdings noch besser, wenn wir statt 3,5 prozent des Bruttoinlandsproduktwachstums 5 haetten. Aber alles braucht seine Zeit. Russland hat grosses Potential, viele Ressourcen. Bald wird Russland das beste Land zum Leben sein.
3. Der Osten baut sicher
fragel 07.04.2013
Hochhaus in Grosny in Flammen , so lautetre vor wenigen Tagen die Meldung . Dabei wurde sogar ein Kurzfilm des Brandes gezeigt. Abgesehen davon kommen Brände in den hochhäusern überall mal vor. Da frage ich mich aber erneut , wie es zu den Zusammenbruch im Sekundentakt in den USA kam. Noch dazu , das ein völlig unbeteiligtes Haus daneben auch zusammengefallen ist. Ein Schelm wer Arges dabei denkt. Die Gedanken sind frei !.
4. Supi!!!
Sharoun 07.04.2013
Solche in jeder Hinsicht windigen Projekte von Oligarchen, die sich vor laufenden Kameras umkloppen, werden also als Meilensteine für die weitere Entwicklung einer Volkswirtschaft - dieses Mal der russischen - herhalten müssen. Der Jubel über dieses irre System will gar nicht mehr verfliegen...
5. Ja klar das ist gut so!!??
seniorfd 07.04.2013
Da will der Mensch hin,ganz nach oben!Wie Menschen so etwas surreales toll finden können,geschweige denn in so einem Stahlturm leben wollen,wenn sie es nicht unbedingt wissen?Kann ich in keiner Weise nachvollziehen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Immobilien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare

Wall Street Journal Deutschland
Fotostrecke
Chronologie: Die höchsten Häuser der letzten 100 Jahre