Müllberge in Athen: Griechisches Gesundheitsamt warnt vor Typhus

Aus Athen berichten und Ferry Batzoglou

Zehntausende Tonnen Unrat türmen sich in den Straßen Athens, die Menschen fürchten krankmachende Ratten, das Gesundheitsamt warnt vor Typhus. Grund ist der Großstreik der Müllmänner, nun will der Bürgermeister Soldaten an die Abfallfront schicken - ein Akt der Verzweiflung.

Streikwelle: So ertrinkt Athen im Müll Fotos
REUTERS

Als er sich nach nicht gerade sehr langer Zeit in Rage geredet hat, zieht Athens oberster Müllmann ein Papier aus dem Schreibtisch wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Hut. "Da, sehen Sie", sagt Themis Balasopoulos triumphierend, "genau hier." Der Zeigefinger des kleinen Mannes tippt auf das Blatt, landet auf einer Zahl, die zusätzlich eingekreist ist: 1,01 Euro netto. So viel verdient ein Athener Müllarbeiter inzwischen. In zwei Wochen wohlgemerkt. "Das ist doch ein Skandal."

Themis Balasopoulos, Typ Romano Prodi mit schwarzer Designerbrille, ist Präsident des Panhellenischen Verbandes kommunaler Angestellter. Doch in Athen firmiert er dieser Tage unter griffigeren Bezeichnungen wie "Meister des Mülls", "König Unrat" oder auch "Mister Mist". Denn der 52-Jährige verfügt als Vertreter der Abfallarbeiter über ein Druckmittel, von dem andere Gewerkschafter nur träumen können: Er kann die Menschen in ihrem Abfall ersaufen lassen.

Und davon macht Balasopoulos gerade reichlich Gebrauch.

Zehntausende Tonnen Müll türmen sich inzwischen in den Straßen der Region Athen. Fußgänger stolpern fluchend durch die Halden aus Plastiksäcken und Kartons, Katzen wühlen darin. Manch ein Anwohner will schon Ratten gesehen haben, die von den Lebensmittelresten angelockt wurden. Das Gesundheitsamt warnt vor Typhuserkrankungen und Darminfektionen. Und der stellvertretende Innenminister spricht von einer Taktik, die an die Mafia erinnere.

"Sehe ich wie ein Mafiosi aus?", fragt Gewerkschafter Balasopoulos und gibt sich die Antwort gleich selbst: "Doch wohl nicht." Seine Leute streikten seit nunmehr zweieinhalb Wochen, doch ginge es ihnen dabei nicht darum, auf unlautere Art und Weise maximalen Profit zu machen. "Wir wollen weiterhin anständig leben. Wir wollen eine Perspektive für die Zukunft. Wir wollen wissen, wie wir unsere Frauen und Kinder ernähren sollen. Das ist doch nicht kriminell."

Die Justiz ist überlastet

Und dann beginnt Balasopoulos wieder auf die Abrechnung vor ihm zu hämmern. Die 25.000 Müllarbeiter im Land hätten vor Ausbruch der Krise zwischen 700 und 900 Euro netto im Monat verdient. Doch den städtischen Angestellten seien Kredite angedreht worden, deren Raten sie nun in den Ruin trieben. Hinzu kämen immer neue Steuern und Abgaben. Sollte am Donnerstag das nächste Sparpaket verabschiedet werden, "dann zahlen wir künftig noch drauf", so Balasopoulos.

Das Problem ist, dass sich auch in Griechenland der Staat vor allem an den Mittelstand hält, wenn er neue Einkünfte sucht. Angestellte, Arbeiter und Beamte sind greifbar, man könnte sagen: Sie sind leichte Opfer. Derweil deklarieren viele Freiberufler weiterhin fiktive Einkommen unterhalb des Steuerfreibetrags. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie erwischt und verurteilt werden, geht gegen null.

Die Justiz ist überlastet und korrupt, in den Finanzämtern geht es kaum anders zu. Die "Neue Zürcher Zeitung" nannte Griechenland unlängst einen "dysfunktionalen Staat" und zitierte einen Wirtschaftswissenschaftler, der von der "letzten europäischen Volkswirtschaft im sowjetischen Stil" sprach - allerdings im Unterschied zur UdSSR ohne jegliche Planung oder Steuerung.

Die Selbstbedienungsmentalität und allgegenwärtige Vetternwirtschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten den ohnehin üppig bemessenen Staatsapparat immer weiter aufgebläht. Egal ob Sozialisten oder Konservative regierten - es gab Stellen gegen Stimmen, das war der Deal. Pro Einwohner leistete sich das Land fünfmal mehr öffentlich Bedienstete als etwa Großbritannien. Der Apparat verschlang mehrere Dutzend Milliarden Euro im Jahr - Geld, das der Staat nie hatte.

Doch Gewerkschafter Balasopoulos braucht man mit diesen Argumenten gar nicht zu kommen. Das sei "Propaganda" zürnt er, in Wahrheit arbeite die griechische Verwaltung vielleicht etwas weniger effizient als im Norden Europas, aber überdimensioniert sei sie auf keinen Fall. Auch bei Balasopoulos ist - wie bei so vielen Griechen - die Fähigkeit zur Selbstkritik nicht besonders ausgeprägt: Schuld an dem Schlamassel sind die anderen.

"Es wird Blut fließen"

Vielleicht ist diese Haltung auch kein Wunder, haben doch in der Vergangenheit immer diejenigen die Wahlen gewonnen, die den Bürgern das Blaue vom Himmel versprochen hatten. Zuletzt siegte 2009 der Führer der Sozialisten, Georgios Papandreou, mit dem inzwischen peinlich erscheinenden Slogan: "Es gibt Geld." ("Lefta yparchoun.") Jetzt verkünden dieselben Männer auf einmal schonungslose und unbequeme Wahrheiten - und niemand will ihnen glauben.

In der Müllkrise verlangte Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis mittlerweile sogar den Einsatz des Militärs, was nach dem Ende der Obristen-Diktatur verfassungsrechtlich ausgesprochen heikel ist und wohl als Ausdruck echter Verzweiflung gewertet werden muss. Offenbar wird derzeit sogar erwogen, in Thessaloniki und Athen den Notstand auszurufen, um an der Abfallfront Soldaten einsetzen zu können.

Der Innenminister Haris Kastanidis will die Abfallentsorgung am liebsten gänzlich privatisieren und die streikenden Müllarbeiter entlassen. "Das werden wir niemals zulassen", sagt Gewerkschafter Balasopoulos. Schon vor Tagen hatten Unbekannte den Wagen eines nichtstaatlichen Entsorgers in Brand gesetzt - wofür der Meister des Mülls allerdings nicht die Verantwortung übernehmen will. Jedoch: "Wir werden Widerstand leisten."

Ein anderer Gewerkschafter, der am Morgen mit der U-Bahn zu den Kundgebungen ins Zentrum fährt, wird deutlicher: "Es wird Blut fließen, wir haben Waffen dabei", tönt er in dem überfüllten Waggon. Und als er mit seinen vielleicht 40 Kameraden an der Haltestelle Monasteraki unter großem Gebrüll schließlich aussteigt, bleibt Verständnis zurück. Die Mitreisenden nicken zustimmend.

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insgesamt 105 Beiträge
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1. Die deutschen Journalisten und die Fremdsprachen
gulli51 20.10.2011
Falsch: "Sehe ich wie ein Mafiosi aus?" Richtig: "...Mafioso...." Deutsche Journalisten stehen mit Fremdsprachen eindeutig auf Kriegsfuss. Sei es bei den Printmedien, sei es bei den deutschen TV-Sendern - überall sieht's gleich düster aus, überall wird mit deutscher Impertinenz falsch geschrieben und falsch ausgesprochen. Kritik wird mit unerträglich arroganten Argumenten unter den Teppich gekehrt. Darüber ärgern wir uns im Ausland seit Jahren, zumal Besserung nicht in Sicht ist.
2. Polizei
schweineigel 20.10.2011
Jetzt dauert es nicht mehr lange, dass auch die Polizei streikt. Und dann kann das Militär endlich die teuer gekauften Kriegswaffen einsetzen, die ursprünglich gegen die Türkei gedacht waren. Mal schauen, wie es sich macht, wenn Leopards und so weiter (wieder) auf Griechen schießen :)
3. .
beobachter1960 20.10.2011
Schön, aber was ist die Alternative? Da man die armen Reichen ja nicht mal scheel ansehen darf ohne als Kommunist bezeichnet zu werden, was bleibt? Die Vorschriften für Fondsmanager ändern damit nicht jedes "Rating" sofort Aktionen an der Börse auslöst? Auch Kommunismus. Also nur weiter Minilöhne in Deutschland bei steigenden Sozialabgaben (Nicht Kommunisten wissen: Steigen darf nur der Arbeitnehmeranteil) für Neueinsteiger? Klar, wer rumschreit kriegt leichter seinen Willen, aber wenn das die Lösung unserer Demokratie ist, vielleicht verlieren die Leute dann die Angst vor dem Kommunismus. Dann hocken wir wirklich in der Sch........
4. Hygiene
Pepito_Sbazzagutti 20.10.2011
Mit mangelnder Hygiene wächst die Seuchengefahr, wer hätte das gedacht? Hieß es an dieser Stelle kürzlich nicht, dass die Armee den Dreck wegräumen soll?
5. ...
Omi, 20.10.2011
Wozu aufregen - die Griechen ruhen doch nicht, bevor auch der letzte Grieche hungern muss, anders kann man sich diese Streiks sowieso nicht erklären.
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Wo die Griechen konkret kürzen
REUTERS
Die griechische Regierung stemmt sich gegen den Staatsbankrott: Mit ihrem radikalen Kürzungsprogramm will sie in den kommenden Jahren fast 80 Milliarden Euro einsparen. Aber wen treffen die Einschnitte konkret? Das Sparpaket im Überblick.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.