Aus Athen berichten Jörg Diehl und Ferry Batzoglou
Als er sich nach nicht gerade sehr langer Zeit in Rage geredet hat, zieht Athens oberster Müllmann ein Papier aus dem Schreibtisch wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Hut. "Da, sehen Sie", sagt Themis Balasopoulos triumphierend, "genau hier." Der Zeigefinger des kleinen Mannes tippt auf das Blatt, landet auf einer Zahl, die zusätzlich eingekreist ist: 1,01 Euro netto. So viel verdient ein Athener Müllarbeiter inzwischen. In zwei Wochen wohlgemerkt. "Das ist doch ein Skandal."
Themis Balasopoulos, Typ Romano Prodi mit schwarzer Designerbrille, ist Präsident des Panhellenischen Verbandes kommunaler Angestellter. Doch in Athen firmiert er dieser Tage unter griffigeren Bezeichnungen wie "Meister des Mülls", "König Unrat" oder auch "Mister Mist". Denn der 52-Jährige verfügt als Vertreter der Abfallarbeiter über ein Druckmittel, von dem andere Gewerkschafter nur träumen können: Er kann die Menschen in ihrem Abfall ersaufen lassen.
Und davon macht Balasopoulos gerade reichlich Gebrauch.
Zehntausende Tonnen Müll türmen sich inzwischen in den Straßen der Region Athen. Fußgänger stolpern fluchend durch die Halden aus Plastiksäcken und Kartons, Katzen wühlen darin. Manch ein Anwohner will schon Ratten gesehen haben, die von den Lebensmittelresten angelockt wurden. Das Gesundheitsamt warnt vor Typhuserkrankungen und Darminfektionen. Und der stellvertretende Innenminister spricht von einer Taktik, die an die Mafia erinnere.
"Sehe ich wie ein Mafiosi aus?", fragt Gewerkschafter Balasopoulos und gibt sich die Antwort gleich selbst: "Doch wohl nicht." Seine Leute streikten seit nunmehr zweieinhalb Wochen, doch ginge es ihnen dabei nicht darum, auf unlautere Art und Weise maximalen Profit zu machen. "Wir wollen weiterhin anständig leben. Wir wollen eine Perspektive für die Zukunft. Wir wollen wissen, wie wir unsere Frauen und Kinder ernähren sollen. Das ist doch nicht kriminell."
Die Justiz ist überlastet
Und dann beginnt Balasopoulos wieder auf die Abrechnung vor ihm zu hämmern. Die 25.000 Müllarbeiter im Land hätten vor Ausbruch der Krise zwischen 700 und 900 Euro netto im Monat verdient. Doch den städtischen Angestellten seien Kredite angedreht worden, deren Raten sie nun in den Ruin trieben. Hinzu kämen immer neue Steuern und Abgaben. Sollte am Donnerstag das nächste Sparpaket verabschiedet werden, "dann zahlen wir künftig noch drauf", so Balasopoulos.
Das Problem ist, dass sich auch in Griechenland der Staat vor allem an den Mittelstand hält, wenn er neue Einkünfte sucht. Angestellte, Arbeiter und Beamte sind greifbar, man könnte sagen: Sie sind leichte Opfer. Derweil deklarieren viele Freiberufler weiterhin fiktive Einkommen unterhalb des Steuerfreibetrags. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie erwischt und verurteilt werden, geht gegen null.
Die Justiz ist überlastet und korrupt, in den Finanzämtern geht es kaum anders zu. Die "Neue Zürcher Zeitung" nannte Griechenland unlängst einen "dysfunktionalen Staat" und zitierte einen Wirtschaftswissenschaftler, der von der "letzten europäischen Volkswirtschaft im sowjetischen Stil" sprach - allerdings im Unterschied zur UdSSR ohne jegliche Planung oder Steuerung.
Die Selbstbedienungsmentalität und allgegenwärtige Vetternwirtschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten den ohnehin üppig bemessenen Staatsapparat immer weiter aufgebläht. Egal ob Sozialisten oder Konservative regierten - es gab Stellen gegen Stimmen, das war der Deal. Pro Einwohner leistete sich das Land fünfmal mehr öffentlich Bedienstete als etwa Großbritannien. Der Apparat verschlang mehrere Dutzend Milliarden Euro im Jahr - Geld, das der Staat nie hatte.
Doch Gewerkschafter Balasopoulos braucht man mit diesen Argumenten gar nicht zu kommen. Das sei "Propaganda" zürnt er, in Wahrheit arbeite die griechische Verwaltung vielleicht etwas weniger effizient als im Norden Europas, aber überdimensioniert sei sie auf keinen Fall. Auch bei Balasopoulos ist - wie bei so vielen Griechen - die Fähigkeit zur Selbstkritik nicht besonders ausgeprägt: Schuld an dem Schlamassel sind die anderen.
"Es wird Blut fließen"
Vielleicht ist diese Haltung auch kein Wunder, haben doch in der Vergangenheit immer diejenigen die Wahlen gewonnen, die den Bürgern das Blaue vom Himmel versprochen hatten. Zuletzt siegte 2009 der Führer der Sozialisten, Georgios Papandreou, mit dem inzwischen peinlich erscheinenden Slogan: "Es gibt Geld." ("Lefta yparchoun.") Jetzt verkünden dieselben Männer auf einmal schonungslose und unbequeme Wahrheiten - und niemand will ihnen glauben.
In der Müllkrise verlangte Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis mittlerweile sogar den Einsatz des Militärs, was nach dem Ende der Obristen-Diktatur verfassungsrechtlich ausgesprochen heikel ist und wohl als Ausdruck echter Verzweiflung gewertet werden muss. Offenbar wird derzeit sogar erwogen, in Thessaloniki und Athen den Notstand auszurufen, um an der Abfallfront Soldaten einsetzen zu können.
Der Innenminister Haris Kastanidis will die Abfallentsorgung am liebsten gänzlich privatisieren und die streikenden Müllarbeiter entlassen. "Das werden wir niemals zulassen", sagt Gewerkschafter Balasopoulos. Schon vor Tagen hatten Unbekannte den Wagen eines nichtstaatlichen Entsorgers in Brand gesetzt - wofür der Meister des Mülls allerdings nicht die Verantwortung übernehmen will. Jedoch: "Wir werden Widerstand leisten."
Ein anderer Gewerkschafter, der am Morgen mit der U-Bahn zu den Kundgebungen ins Zentrum fährt, wird deutlicher: "Es wird Blut fließen, wir haben Waffen dabei", tönt er in dem überfüllten Waggon. Und als er mit seinen vielleicht 40 Kameraden an der Haltestelle Monasteraki unter großem Gebrüll schließlich aussteigt, bleibt Verständnis zurück. Die Mitreisenden nicken zustimmend.
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