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Gesellschaft: Nichts ist mehr sicher, wursteln wir uns durch

Eine Kolumne von

EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici : Der Flüchtlingszustrom ist dabei, Europa zu verändern  Zur Großansicht
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EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici: Der Flüchtlingszustrom ist dabei, Europa zu verändern

Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrisen, Terror, technologische Revolutionen - die Welt ist in Bewegung, Vorhersagen sind schwierig geworden. Die Folge: Das Leben wird immer weniger planbar und wir müssen das Improvisieren lernen.

Klar, Sie hätten gern einen sicheren Job. Sie wüssten gern möglichst exakt, wann Sie in Rente gehen können und wie viel Geld Sie dann zur Verfügung haben. Sie hätten gern Gewissheit darüber, dass auch die Generation nach Ihnen ein gutes Leben führen kann. Sie wünschen sich Ihren Wohnort möglichst unverändert, und wenn, dann zum Besseren.

Gut möglich, dass daraus nichts wird.

Rasch und unvorhersehbar verändern sich Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie, Demografie - alles scheint in Bewegung geraten zu sein. Dennoch tun wir so, als sei unser Leben planbar, als könnten wir heute sagen, was in fünf, zehn oder gar in 30 Jahren mit uns und um uns herum los sein wird. Auch wenn es eine Illusion sein mag: Die meisten Menschen streben nach Kontinuität - danach, eine stringente Erzählung ihrer Identität in die Zukunft fortzuschreiben. Wir wollen bleiben, wer, wie und was wir sind. Aber das ist schwierig in einem Umfeld, das derart in Bewegung geraten ist.

Das Jahr 2015 ist noch nicht vorbei, und es ist schon so verdammt viel passiert. Der Flüchtlingszustrom ist dabei, Europa zu verändern - ob zum Besseren oder zum Schlechteren wird sich noch zeigen. Terroranschläge (von Charlie Hebdo bis Scharm al-Scheich) verbreiten Angst und Schrecken. Das größte Unternehmen der wichtigsten Industriebranche im Land steckt in einer existenzgefährdenden Krise (Volkswagen), das größte, einst ehrwürdige Kreditinstitut in einem radikalen Schrumpfungsprozess (Deutsche Bank).

Die Bundesrepublik ist vom Außenhandel abhängig wie keine andere große Volkswirtschaft, doch seine wichtigsten Auslandsmärkte sind entweder lahm (die übrige Eurozone), schwächlich (China) - oder eine Mehrheit der Deutschen hätte lieber weniger mit ihnen zu tun (TTIP, USA).

Die Liste der Herausforderungen ist fast endlos

Mehr? In der Ukraine schwelt ein bewaffneter Konflikt, der für den Moment eingefroren sein mag, der aber jederzeit wieder offen ausbrechen kann; Ost und West stünden sich dann wieder fast wie im Kalten Krieg gegenüber. Noch im Sommer befand sich die Eurozone kurz vor dem Scheitern, als die Bundesregierung offen drohte, Griechenland hinauszudrängen - danach wäre die weitere Zukunft Europas offen gewesen.

Noch mehr? Nebenbei wirbelt die Digitalisierung den Arbeitsmarkt durcheinander - Hunderttausende Jobs werden in den kommenden Jahren wegfallen, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ausgerechnet. Der Klimawandel muss in den kommenden zwei Jahrzehnten entschlossen bekämpft werden, sonst wird es zu heiß auf der Erde, sagen die Klimaforscher, was nach Kalkulation des britischen Ökonomen Nicholas Stern bedeutet, dass die Energieeffizienz auf heute unvorstellbare Niveaus geschraubt werden muss. Die Liste der Herausforderungen ließe sich verlängern.

Wir können so tun, als ginge uns das alles persönlich nichts an. Als sei der Wandel da draußen weit weg - als könnten wir unser Leben weiterhin solide planen. Enttäuschungen sind dann programmiert.

Es dominiert die Fiktion der Planbarkeit

Zehn Jahre lang hat Angela Merkel nach dem Motto regiert: Sorge dich nicht, lebe! Ums große Ganze würde sie sich schon kümmern, sodass jeder Einzelne sich ganz seinem privaten Leben widmen könne. Das ist vorbei. Die Kanzlerin gibt nun offen zu, dass manche Probleme so beschaffen sind, dass es keine Lösungen gibt, zumindest keine einfachen, schnellen. Viele Menschen sind davon offenbar so schockiert, zumal in ihrer eigenen Partei, dass sie ihr die Gefolgschaft aufkündigen.

Immer noch dominiert die Fiktion der Planbarkeit. Wirtschaftsprognosen werden veröffentlicht und diskutiert: Montag stellt die OECD ihren neuen Economic Outlook vor, Mittwoch sind die "Fünf Weisen" mit ihrem Jahresgutachten dran. Donnerstag legt die Versicherungswirtschaft eine Studie zur "Rentenperspektive 2040" vor. Alles Vorhersagen, die angesichts der wackligen Datenlage mit hoher Unsicherheit behaftet sind, die nichtsdestotrotz von der Öffentlichkeit aufgenommen werden wie Offenbarungen.

Die Finanzminister der Eurozone werden wieder mal so tun, als sei alles wie immer: Wenn sie sich Montag in Brüssel treffen, werden sie - same procedure as (almost) every month - darüber befinden, ob Griechenland genug gespart hat, sodass Athen die nächsten zwei Milliarden Euro bekommen kann. Sie werden die Fiktion aufrechterhalten, die Finanzpolitik lasse sich entlang einmal verabredeter Regeln für die Staatsfinanzen ("Stabilitäts- und Wachstumspakt") langfristig planen und entsprechend über die Budgetpläne der Mitgliedstaaten befinden.

Mit großen strategischen Fragen werden sich der Flüchtlingsgipfel der EU und afrikanischer Länder, der von Mittwoch an auf Malta stattfindet, und der G20-Gipfel ab Sonntag in Antalya beschäftigen.

Die Jahrzehnte der relativen Stabilität sind vorbei

Natürlich, Wirtschaftsprognosen sind nicht unsinnig, nur weil sie unsicherer werden. Regeln wie die "Schuldenbremse" oder der europäische "Stabilitäts- und Wachstumspakt" sind nicht nutzlos, nur weil sie sich unter radikal veränderten Bedingungen womöglich nicht einhalten lassen. Aber in einer Zeit der Strukturbrüche ist die Zukunft nicht mehr verlässlich ausrechenbar. Es kommt deshalb auf andere Qualitäten an: auf Flexibilität, Improvisationstalent, aufs Sich-Durchwursteln-können. Das gilt für jeden Einzelnen, für Unternehmen, für ganze Gesellschaften.

Frühere Generationen haben reichlich Erfahrungen mit fundamentaler Unsicherheit gemacht: Das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren raue Zeiten, in denen gar nichts anderes übrigblieb, als sich veränderten Umweltzuständen, so gut es eben ging, anzupassen. In den Nachkriegsjahrzehnten herrschte dann relative Ruhe, erzwungen durch die Hegemonialmächte (USA, UdSSR). Eine Stabilität, die außergewöhnlich war, die aber bis heute als Normalzustand gilt.

Das ist schlecht. Nur wer sich Risiken und Unsicherheiten bewusst ist, kann sich ihnen stellen - effektiv und verantwortungsbewusst.


Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche:

MONTAG

BRÜSSEL - Plan-Wirtschaft - Treffen der Eurogruppe: Es geht um die Einhaltung der Euro-Budgetregeln - und, wieder mal, um Griechenland.

PARIS - Globale Perspektiven - Die OECD veröffentlicht ihren Economic Outlook.

BERLIN - Pragmatische Visionen - Auf der Agenda: die Weiterentwicklung der EU und der Eurozone. Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rats, hält eine "Europa-Rede".

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Continental.

DIENSTAG

LONDON - Energie & Emissionen - Kurz vor der Weltklimakonferenz: In Zeiten der Ölschwemme legt die Internationale Energie Agentur (IEA) ihren World Energy Outlook 2015 vor.

PEKING - Preisfragen - Lockert China die Geldpolitik weiter? Hinweise darauf könnten neue Daten zu den Erzeuger- und den Verbraucherpreisen geben.

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Leoni, Vivendi, Intesa Sanpaolo, Porsche Automobil Holding SE, Electricité de France, Vodafone, Aareal Bank, HSBC Trinkaus & Burkhardt, DekaBank.

MITTWOCH

VALLETTA - Auf Achse - Millionen Menschen auf der Flucht: EU-Gipfeltreffen zu Migrationsfragen mit Regierungschefs afrikanischer Länder.

BERLIN - Generalanalyse - Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") stellt sein Jahresgutachten 2015/16 vor.

Berichtssaison III - Quartalszahlen von Deutsche Post, E.on, Henkel, K+S, Unicredit, Kuka, Jenoptik, AirBerlin.

DONNERSTAG

VALLETTA - Kleinerer Kreis - Im Anschluss an den Migrationsgipfel setzen sich die EU-Regierungschefs noch mal ohne auswärtige Gäste zusammen.

LONDON - Größte Demokratie trifft auf älteste - Der indische Ministerpräsident Modi besucht Großbritannien.

BERLIN - Scheinbare Sicherheit - In Zeiten von Nullzinsen und sich rapide verändernder Demografie legt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Studie "Rentenperspektiven 2040" vor.

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von RWE, HypoVereinsbank, Bertelsmann, RTL Group, Merck, Salzgitter AG, Cisco, Hochtief, Bilfinger, Talanx.

FREITAG

BRÜSSEL - Euro-Demokratie - Im Ringen mit dem Europaparlament um den Brüsseler Haushalt 2016 treffen sich die EU-Finanzminister.

WIEN - Nach Assad - Geplantes Außenminister-Treffen zum Syrien-Konflikt. Mit dabei: Vertreter Russlands, der USA, Deutschlands, Frankreichs, Ägyptens, der Türkei, Saudi-Arabiens

DORTMUND - In eigener Sache - Wirtschaftspolitische Konferenz "On the record" an der TU Dortmund. Mit dabei: Bundeswirtschaftsminister Gabriel, BDI-Präsident Grillo und der DGB-Vorsitzende Hoffmann im Streitgespräch, Post-Vorstandschef Appel, Deutsche-Bank-Finanzvorstand Schenck sowie Chefredakteure von "Wirtschaftswoche", "Frankfurter Allgemeiner Zeitung", "manager magazin" und "Cicero".

BRÜSSEL/WIESBADEN etc. - Konjunktur-Zwischenstand - Neue Schätzungen zur Entwicklung des BIP im dritten Quartal in Deutschland und in vielen anderen Eurostaaten, sowie in der Eurozone insgesamt.

Berichtssaison V - Quartalszahlen von Solarworld ABN Amro Heidelberger Druck EnBW

SONNTAG

ANTALYA - Erdogan Show - Gipfel der G20 unter türkischem Vorsitz.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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insgesamt 272 Beiträge
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1. Ineffektiver
Ein_denkender_Querulant 08.11.2015
Damit wird das Leben ineffektiver und wie verschwenden viel mehr Zeit für Überflüssiges und Belangloses. Das wird der nächsten Generation sehr viel Lebensfreude rauben. Urlaub planen für nächstes Jahr? Vergesst es ....
2. wursteln ist das richtige Wort
kritischer-spiegelleser 08.11.2015
Im Rahmen von Koalitionen werden eben Krisen nicht mehr abgearbeitet sondern man nimmt ihnen nur die Spitzen. Diese "Wurstelei" ist nur ein Zeichen für unsere derzeitige schwache Politik.
3. Die neue Unübersichtlichkeit ist keine Entschuldigung
Michael Jürgens 08.11.2015
Der generelle Hinweis, dass die Welt unübersichtlicher geworden ist, sollte nicht als Entschuldigung dafür dienen, dilettantische und halbherzige Politik zu machen, ohne Visionen, ohne Mut zur Gestaltung, wie wir es derzeit mit Frau Merkel und ihrem hochqualifizierten Kabinett erleben dürfen.
4. Das ist sehr gut beobachtet.....
joG 08.11.2015
....wenn auch eine wesentliche Herausforderung teilweise unerwähnt bleibt. Vieles konnte man lange vorher auf uns zukommen sehen und nicht nur taten wir kaum etwas in Vorbereitung. Wir haben leicht lösbaren Fehlentwicklungen wachsen und faulen lassen, so daß wir in keiner Weise auf die Beschleunigung der Ereignisse eingerichtet sind.
5.
DJ Doena 08.11.2015
Wann war die Welt außerhalb von Bausparvertragswerbeclips denn je planbar?
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