Widersprüchliche Wirtschaftspolitik Notenbanken im Geldrausch

Die globale Geldflut hört einfach nicht auf: Mit immer mehr Cash wollen die Notenbanken das Abgleiten in eine Dauerkrise verhindern. Aber die Gefahr steigt, dass sie so die nächste Krise einleiten.

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Seltsame Zeiten: Die Zinsen sind so niedrig wie nie - aber es wird kaum investiert. Viele Produkte werden immer billiger - aber die Fachleute machen sich deshalb Sorgen. Die Schulden sind fast überall auf historischen Höchstständen - aber die Politik versucht die Firmen dazu zu bringen, noch mehr Kredite aufzunehmen. Die Bevölkerungen vieler Länder altern rapide - aber viele Bürger sparen immer weniger für ihre Zukunft. Die Gewinnaussichten der Unternehmen waren schon besser - aber an den Börsen herrscht Dauerparty.

Widersprüche über Widersprüche. Was ist hier eigentlich los?

Offensichtlich haben wir es mit einem Strukturbruch zu tun: Seit Ausbruch der Finanzkrise sind diverse ökonomische Gewissheiten ins Wanken gekommen. Dennoch tut die Wirtschaftspolitik so, als könnte sie mit den alten Konzepten weiterarbeiten. Das ist gefährlich, weil so der Boden bereitet wird für die nächsten Krisen.

Insbesondere die Notenbanken navigieren im Blindflug über unbekanntem Terrain. Sie alle handeln mehr oder weniger gleich: die amerikanische Fed, die Europäische Zentralbank, die Bank oft England, die Bank of Japan, die People Bank of China. Ihre oberste Priorität: Mit Unmengen Geld ein Abgleiten in die "Deflation" zu verhindern, auch eine lange Phase sehr niedriger Inflationsraten ("Lowflation" im Jargon) zu vermeiden, und mittelfristig die "Inflationserwartungen" wieder auf Werte um 2 Prozent anzuheben. So argumentieren sie im Prinzip alle - vorletzte Woche die EZB, diese Woche die Fed, nächsten Donnerstag die Bank of England.

Aber was heißt das eigentlich "Inflation", "Deflation", und warum überhaupt 2 Prozent?

In Wahrheit ist es so: Die Notenbanken folgen Konventionen, die sie teils selbst geschaffen haben. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, muss aber in der Gegenwart noch lange nicht richtig sein.

Die wichtigste Zielgröße der Notenbanken ist immer noch die jährliche Steigerungsrate der Konsumentenpreise. Warum? Weil das in den vergangenen Jahrzehnten gut funktionierte. Liegt dieser Wert nah bei 2 Prozent, gilt es als Erfolg. Fällt der Wert nahe Null ("Lowflation") oder gar in negatives Terrain ("Deflation"), gibt es nach gängiger Lehre gravierende Probleme. Die Konsumentenpreise wiederum berechnen sich aus einem Durchschnitt der Produkte, die in einem amtlichen Warenkorb enthalten sind - also jenen Dienstleistungen und Güter, die ein Durchschnittshaushalt verbraucht.

Nicht enthalten in den Warenkörben sind übrigens Produkte zur Altersvorsorge und Geldanlage: Anleihen, Aktien, Immobilien, Versicherungen. Bei diesen Anlagegütern übrigens gibt es hohe Inflationsraten - vulgo: Kapitalmarktblasen. Eine Folge der übermäßigen Geldversorgung durch die Notenbanken. Für diese Art der Inflation jedoch erklären sie sich für nicht zuständig. Seltsam eigentlich.

So produzieren sie Vermögenspreisinflation, um eine Güterpreisdeflation zu verhindern. Ist das klug?

Eigentlich sollte es kein Problem sein, wenn viele Produkte billiger werden. Im Gegenteil: Erstmal ist Deflation eine tolle Sache. Denn bei sinkenden Preisen kann man sich, bei gegebenem Einkommen, immer mehr leisten. Westliche Länder erlebten im 19. Jahrhundert Phasen sinkender Preise, was enorm half, die Lebensstandards breiter Bevölkerungsschichten anzuheben. Ähnliches galt für China im vergangenen Vierteljahrhundert.

Es kommt also sehr auf die jeweilige Situation an: Deflation, die durch steigende Produktivität entsteht, ist gut. Deflation, die durch brachliegende Produktionskapazitäten entsteht, ist schlecht, korrigiert sich aber womöglich irgendwann von selbst. Ganz hässlich ist Deflation bei hohen Schuldenständen: Weil die Verbindlichkeiten bei sinkenden Preisen real immer mehr wert werden, kommt es zu einer schleichenden Überschuldung, so wie sie die USA in den Dreißigerjahren durchlitten.

Momentan passiert all das gleichzeitig: Viele Güterpreise sinken rapide - von Öl und Benzin bis zu Elektronikprodukten. Zugleich sind offenkundig viele Kapazitäten ungenutzt, wie die hohen Arbeitslosenzahlen nahelegen. Und was die Schulden angeht, so schieben Staaten, Unternehmen und private Haushalte von Portugal bis China große Berge davon vor sich her.

Es gibt also alles zur gleichen Zeit: gute, schlechte und hässliche Deflation.

Die Gründe?

  • Die Digitalisierung führt dazu, dass viele Produkte, von Musik über Nachrichten bis zu Finanzdienstleistungen, an Wert verlieren. Folge: Viele Güter werden zu immer niedrigeren Preisen oder sogar umsonst nutzbar.

  • Derzeit gibt es bei vielen Industrieprodukten Überkapazitäten. Es ist der große Hang-over nach der ersten Phase der Globalisierung, als insbesondere in China kaum vorstellbare Summen investiert wurden. Neue Technologien haben enorm die Effizienz gesteigert, auch in der Erdölförderung (Fracking). Nun drücken große Produktionspotenziale auf die Preise.

  • Die Demografie befindet sich global derzeit an einem Wendepunkt. Nach Vorhersagen der UNO hat die Alterszusammensetzung der Weltbevölkerung gerade ihr volkswirtschaftliches Optimum (den niedrigsten Anteil von Kindern und Alten im Verhältnis zu Beschäftigten) überschritten. Von nun an dreht sich, global gesehen, der demografiebedingte Rücken- in Gegenwind. Die Wachstumsraten gehen zurück, und die Schuldenlast wird umso schwerer tragbar - Humus für eine hässliche Deflation.

Die drei großen Trends verändern derzeit die Weltwirtschaft fundamental. Gemeinsam drücken sie auf die Preise. Doch was tun die Notenbanken? Das Gleiche wie immer: Gelddrucken - in der Hoffnung, damit die Produktionskapazitäten an die Auslastungsschwelle zu bringen und die Preissteigerungsraten auf die Norm von 2 Prozent zu bekommen. Dass sie dieses Ziel auch mit massiven Geldinfusionen nicht erreichen, ficht sie nicht an. Die therapeutische Schlussfolgerung bleibt: mehr Medizin von der gleichen Sorte.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der nächsten Woche

MONTAG

BRÜSSEL - Chlorhühnchen, tiefgefroren - Mitten im globalisierungskritischen Shitstorm beginnt die achte Verhandlungsrunde über das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen EU und den USA (bis Freitag).

BERLIN - Verzögerungen im Betriebsablauf - Fortsetzung der Tarifgespräche zwischen Bahn und Lokführer-Gewerkschaft GDL.

KÖLN/MÜNSTER - Drohen & Warnen - Die NRW-IG Metall plant Streiks, Demos und Kundgebungen.

PEKING - RIC ohne B und S - Russland, Indien und China prüfen beim Treffen ihrer Außenminister gemeinsame Interessen. Die beiden westlichen Partner der BRICS - Brasilien und Südafrika - sind nicht dabei.

DIENSTAG

ROM/BERLIN - Eurokrisendiplomatie - Wieder mal manövriert Griechenland die Währungsunion an den Rand des Abgrunds: Der neue Athener Premier Tsipras und sein Finanzminister Varoufakis treffen auf der Suche nach Verbündeten ihre italienischen Counterparts Renzi und Padoan. Parallel dazu redet in Berlin Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit EU-Währungskommissar Pierre Moscovici.

LUXEMBURG - Geld zurück! - Die deutschen AKW-Betreiber haben die Bundesregierung wegen der sogenannten Brennelementesteuer verklagt. Nun verkündet der Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) seinen Schlussantrag.

MÜNCHEN - Gefallener gelber Engel - Der ADAC berichtet über die Neuausrichtung des Clubs.

ROM/BRÜSSEL - Deflationsalarm - Neue Erkenntnisse zur Entwicklung der italienischen Verbraucherpreise und der Euro-Zonen-weiten Erzeugerpreise.

MITTWOCH

BRÜSSEL - Öffnung - Bei den TTIP-Verhandlungen dürfen an diesem Tag auch Nichtregierungsorganisationen ihre Vorstellungen darlegen.

DETROIT - Muscle Cars - Billiger Sprit lässt die SUV-Verkäufe in den USA anziehen: General Motors berichtet vom Geschäft im vierten Quartal.

DONNERSTAG

LONDON - Mind the Gap - Die Bank of England entscheidet über ihre weitere Geldpolitik.

BRÜSSEL - Lahme Zahlen - Die EU-Kommission stellt ihre Wirtschaftsprognose für die 28 Mitgliedstaaten vor.

STUTTGART - Alles glänzt? - Daimler-Chef Dieter Zetsche präsentiert die Bilanz fürs abgelaufene Geschäftsjahr. Der Konzern floriert, bleibt aber hinter der Konkurrenz aus München und Ingolstadt zurück.

PARIS - Flüssige Medizin - Die französischen Multis Sanofi (Pharma) und BNP (Banken) legen Zahlen für 2014 vor.

BRÜSSEL - Zuspitzung - Während sich die Kämpfe in der Ostukraine verschärfen, kommen die Nato-Verteidigungsminister zu Beratungen zusammen.

FREITAG

MÜNCHEN - Konflikte überall - Selten gab es so viele Krisen zu besprechen: Zur Münchner Sicherheitskonferenz (bis Sonntag) werden allerlei große Namen erwartet, darunter die Staatenlenker Merkel (Deutschland), Poroschenko (Ukraine), Ghani (Afghanistan), al-Abadi (Irak).

SAN FRANCISCO - 140 Zeichen für ein Halleluja - Twitter berichtet vom Geschäft im vierten Quartal 2014.

SONNTAG

WASHINGTON/OTTAWA - Go West - Angela Merkel bricht zu einem Besuch der USA und Kanadas auf.

Peking - Angeschlagene Wirtschaftssupermacht - Neue Außenhandelszahlen; in Zeiten der Unsicherheit über die weitere Entwicklung der chinesischen Wirtschaft wird davon Aufschluss über die wahre Lage erwartet.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
ambulans 01.02.2015
1. hallo hallo,
lieber prof. müller, keep it cool, be straight and so on: wenns kohle ohne ende gibt, niemand mehr daran denkt resp. denken will, wohin damit? was macht man da, hier & jetzt? richtig: >kohle (möglichst >geborgt) >attraktiv verwenden - wenn hier einer jung genug ist/sein sollte, müsste er eigentlich wissen, was hier gemeint ist ... mfg, dr. ("carpe diem quam minimum credula postro ...") ambulans, alle kassen
derfreitag 01.02.2015
2. Wo
Professoren gehen wohl nicht selber einkaufen. Wo bitte gibt es die Deflation im realen Leben? In den letzten zwei Jahren wurden vor allem folgende Dinge teurer oder erhöht: - Milchprodukte - Fleisch - Obst, Gemüse - Brot - Wohnen (Miete, Strom, Gas, sämtliche kommunale Abgaben) - Handwerkwerkerdleistungen Was billiger wurde: - Flugtickets - Benzin / Diesel, das aber vorher exorbitant stieg Von dem ersten beschriebenen Block kann mir leider NICHTS aufheben wenn mal die Preise fallen würde. Außerdem brauche ich das jedes Monat. Das einzige was stetig passiert , das die Sparer in diesem Land enteignet werden, für die europäische Idee der Politiker, die so mit den Verhältnissen keine Chance. hat. Man hat in letzten 20 Jahren hinbekommen das die Lohnsteigerungen die niedrigsten in der gesamten EU waren. Das gleiche will man wohl bei den privaten Konten hinbekommen. Also, Deflation: wo wird genau was für genau wen um genau wieviel billiger ???
spon-facebook-10000617956 01.02.2015
3.
Ein sehr schöner Artikel. Ich möchte noch hinzufügen, dass es meiner Ansicht nach zwei verschiedene Sorten von Deflation gibt. Eine schlechte, die von einer Wirtschaftskrise verursacht wird und darin begründet ist, dass viele Menschen arbeitslos werden und sich schlicht nichts mehr kaufen können. Eine gute Inflation erleben wir seit vielen Jahren im Bereich der Computertechnologie. Die Preise sinken beständig und dadurch gibt es immer wieder neue Käuferschichten für ein Produkt. Diese gute Deflation führt dazu, dass die Bürger sich mehr leisten können, der Wohlstand also steigt. Der EZB ist die Natur der Deflation aber egal, weil es ihr nur um die Rettung von Banken und verschuldeten Staaten geht und die Deflation als Argument ohnehin nur vorgeschoben wird.
submerger 01.02.2015
4. Gut verständlich.
Eine gut verständliche Analyse! Allein die Sache mit der Geldflut stimmt so nicht: Das viele Geld sucht nicht nach Kreditvergabe, sondern nach Anlagen. Die Industrie hat keine Kreditklemme, sie braucht nicht diese vielen Milliarden. Auch kleinere Unternehmen kommen problemlos an neues Kreditgeld. Wozu wird also das viele Geld genutzt? Richtig, es wird wieder massiv spekuliert. Vielleicht nicht mehr ganz so risikobereit wie noch vor Jahren, aber immerhin. Draghis Plan mit der Geldflut wird nicht den gewünschten Effekt haben, das ist mal sicher.
Ossifriese 01.02.2015
5. Endspiel
Alles soweit richtig. Nur - was sollen die Notenbanken denn tun? Verknappen sie das Geld durch Zinsanhebungen, bricht zunächst der Aktienmarkt ein, dann gehen die institutionellen Anleger wie Hedgefonds etc. in Knie und am Ende auch die Produktionssphäre überhaupt. Eine klassische Weltwirtschaftskrise wie nach dem schwarzen Freitag. Machen die Notenbanken so weiter mit immer neuem billigen Geld pumpen sie die Blase weiter auf - bis zum platzen mit einer Hyperinflation bzw. Währungsreform überall. Ich denke, die Wirtschaftsverantwortlichen und die Politiker haben sich in eine Situation manövriert, aus der es kein Entkommen ohne crash gibt. Und festhalten tun sie an ihrem Kurs nur, weil sie wissen, dass dieser Crash sie alle hinwegfegen wird... mais - aprés nous le deluge...
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