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Standort Deutschland: Wie Schwarz-Rot die Zukunft verspielt

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Kanzleramt in Berlin: Deutschland lebt von der Substanz

Die Koalitionsverhandlungen sollen in dieser Woche zu Ende gehen. Die Ergebnisse bisher sind ernüchternd: Merkel, Gabriel und Co. ignorieren die wichtigsten Fragen für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft - das wird nicht lange gutgehen. Eine Wochenvorschau von Henrik Müller.

Der schnelle Überblick

Montag: Endrunde der Koalitionsverhandlungen in Deutschland. Neue Zahlen zum Geschäftsklima in Frankreich.

Dienstag: Mutmaßlicher Abschluss der Koalitionsverhandlungen.

Mittwoch: Neue Zahlen zum Konsumklima in Deutschland.

Donnerstag: Französisch-spanischer Gipfel. Neue Zahlen zum Geschäftsklima in Italien und in der Euro-Zone insgesamt. Neue Zahlen zu Arbeitsmarkt und Inflation in Deutschland.

Freitag: Neue Zahlen: Inflation in der Euro-Zone.


Nach langem Höhenflug wollen die Schwarz-Roten nun den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wagen. Dienstagabend sollen die Koalitionsverhandlungen eigentlich enden, wenn letzte Streitpunkte bis dahin abgeräumt werden können und keine Verlängerung nötig ist. Während sich die Parteispitzen mit allerlei Marginalien (Pkw-Maut!) befassen, bleibt ein Thema beharrlich ausgeblendet: Warum investieren die Unternehmen so wenig? Es ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft des Landes.

Über staatliche Investitionsprogramme in Straßen, Schulen und Universitäten haben die Koalitionäre in spe lang und breit geredet. Aber dass die finanzstarken deutschen Unternehmen sich zu wenig im eigenen Land engagieren, darüber gehen die Regierungsaspiranten hinweg. Dabei werden sich all die angepeilten sozialpolitischen Projekte - von der Mütterrente bis zum Mindestlohn - letztlich nur verwirklichen lassen, wenn das Produktivvermögen ordentlich wächst.

Worum es geht? Seit 20 Jahren sinkt die Investitionsneigung der Wirtschaft immer weiter. Heute werden nur noch sechs Prozent des Sozialprodukts für Maschinen, Anlagen und dergleichen ausgegeben. Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die Investitionsquote fast halbiert. 2012 und 2013 ist sie noch weiter gesunken.

Deutschland lebt von der Substanz. Lange wird das nicht mehr gutgehen. Aber kaum jemanden interessiert's.

Dieser Befund steht in krassem Gegensatz zur nationalen Selbstwahrnehmung, wonach die pralle Wirtschaftskraft nur gleichmäßiger verteilt werden muss. Am Donnerstag werden wieder mal neue Zahlen vom Arbeitsmarkt belegen, wie günstig die Beschäftigungssituation in Deutschland derzeit ist. Doch die guten Zeiten werden nicht anhalten, wenn die Investitionen weiter wegsacken. Eigentlich müsste sich die künftige Regierung vor allem darum kümmern, wie sich die Wertschöpfung in Deutschland mehren lässt.

Das ist, zugegeben, keine leichte Aufgabe. Denn Löhne und Steuern sind keineswegs zu hoch. Anders als in den trüben Neunzigern und frühen Nullerjahren ist Deutschland nicht zu teuer (wenn man von den steigenden Strompreisen absieht). Das Kosten-runter-Argument zieht also nicht.

Nein, die Wirtschaftsbedingungen sind in Deutschland inzwischen so gut, wie kaum irgendwo sonst. Im Ranking der wettbewerbsfähigsten Länder, das das World Economic Forum herausgibt, belegt Deutschland Rang vier. Kein anderes größeres Land schneidet besser ab. Dazu kommt: Die Zinsen sind sensationell niedrig. Für einjährige Kredite müssen Unternehmen in Deutschland gerade mal zwei Prozent zahlen, nur gut halb so viel wie in Südeuropa. Eigentlich sollte das einen enormen Investitionsschub auslösen. Aber das passiert nicht. Warum eigentlich nicht?

Offensichtlich trauen sich die Manager nicht, zu investieren, weil sie hochgradig verunsichert in die Zukunft blicken - wegen der vermurksten Energiewende, vor allem aber wegen der wackligen Lage in Europa.

Dauerkriselnde Volkswirtschaften - am Montag gibt es neue Zahlen zur miesen Unternehmensstimmung aus Frankreich, am Donnerstag aus Italien, am Freitag werden neue Daten zu den Verbraucherpreisen zeigen, wie nahe die Euro-Zone einer Deflation ist - bedeuten für deutsche Unternehmen: Der europäische Heimatmarkt bröckelt. Warum also sollen sie hier investieren? Die soziale und politische Instabilität, die allmählich hochkriecht wie die Kälte im Herbstnebel, geht auch an der Wirtschaft nicht spurlos vorüber. Deshalb bauen sie neue Fabriken lieber in den USA, in China oder anderen Schwellenländern auf.

Die Schlussfolgerung ist klar: Solange die Lage in Europa nicht dauerhaft stabilisiert ist, werden die Investitionen in Deutschland lahmen. Mit allen Folgen, die das für die Gesellschaft hat: schwaches Produktivitätswachstum, mäßige Lohnzuwächse, zunehmende Ungleichheit.

Wenn die mutmaßlich kommende schwarz-rote Regierung etwas für die breite Mehrheit, die sie gewählt hat, tun will, dann sollte sie sich vorrangig darum kümmern, die Euro-Zone auf ein neues, sicheres Fundament zu stellen. Ohne eine deutsche Führungsrolle ist das nicht vorstellbar. Wer sonst könnte sich an eine so große Aufgabe wagen, wenn nicht eine große Koalition? Während der Koalitionsverhandlungen war dazu nicht viel zu hören. Außer, dass man sich gegenseitig erzählte, was man alles nicht will: keine Euro-Bonds, keine gemeinsam finanzierten Bankenrettungen, keinen gemeinsamen Schuldentilgungsfonds.

Deutschland ist in der Rolle des Neinsagers. Gestalten geht anders. Am Donnerstag treffen sich Frankreichs Präsident François Hollande und Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy, unter anderem um über die Bankenunion zu sprechen. Das Ziel dabei: einen Teil der riesigen privaten Schulden geordnet abzuschreiben. Ohne diesen Schritt wird Europa nicht von der Dauermalaise genesen, werden auch die Investitionen hierzulande nicht in Gang kommen.

Alle warten auf Deutschland, doch sie hören vor allem: Nein. Von einer Großen Koalition, die diesen Namen verdient, kann man mehr erwarten.

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Müllers Memo
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insgesamt 105 Beiträge
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1. Der Ausverkauf und Abbau
women_1900 25.11.2013
Deutschlands findet schon lange statt und schreitet immer weiter voran. Wenn die menschliche Arbeitskraft so billig ist, daß sich die Investition in Maschinen und Effizienzen nicht lohnt, dann schwindet auch die Innovation. Die Infrastruktur in diesem Lande ist marode, da seit ewigen Zeiten nicht mehr richtig investiert wurde. Geld wäre vorhanden, das aber wird den Banken in den Rachen geworfen. Die Erhöhung des Beitrages zur Pflegeversicherung, die Deckelung des AG Beitrages und einseitige Erhöhung zu Lasten des AN, die Plünderung der Rentenversicherung, die Enteignung der Sparer durch Niedrigzins, die Einführung einer Maut, die einseitige EEG Umlage etc. etc. - dies alles ist ein Griff in die Taschen der Bürger, die noch Bedarf haben und konsumieren würden. Statt dessen findet eine Umverteilung der Vermögen zu den Reichen hin, die bereits übersättigt sind. Wer ist wieder an forderster Front dabei? Die SPD.
2. Investieren
pruefer 25.11.2013
Die Unternehmen wären sicher geneigter zu investieren, wenn sie auch die Möglichkeit zum Absatz ihrer Produkte sehen würden. Aber wer soll diese kaufen, wenn die Löhne sinken, bestenfalls stagnieren. Der Artikel beschreibt aber ein Problem: Wenn die Unternehmen keine Schulden machen und nicht investieren, der Staat wg der Schuldenbremse nicht, die Privaten wg der Zukunftsaussichten auch nicht, wer dann? Das Ausland! Ob das eine gute Idee ist, ....
3. Die Wirtschaftsblockade
founder 25.11.2013
Die Politik blockiert die wirtschaftliche Entwicklung. Die Folge dieser Blockadepolitik sind Arbeitslosigkeit von Mensch und Geld. Arbeitslosigkeit von Geld? Das Arbeitsamt veröffentlicht die Arbeitslosenstatistik. Die EZB und FED veröffentlicht die Arbeitslage vom Geld. EZB 0,25% Zinsen, FED 0% Zinsen. Experten der wirtschaftlichen Lage meinen, es kommt praktisch kein Geld in der Realwirtschaft an. Geht alles nur ins Spielcasino. Wenn in der Realwirtschaft kein Geld ankommt, dann sind dies die Symptome einer Wirtschaftsblockade. Beschreibung der idealen Szene Der Ausweg aus Klimaänderung und Peak-Öl-Gas-Kohle-Uran wird breit in der Öffentlichkeit von Parteien und Experten diskutiert. Unternehmer übertreffen sich mit Plänen für den Umstieg auf erneuerbare Energie und elektrische Mobilität. Gigantische Investitionen sind nötig. Für diese Investitionen sind ebenso gigantische Mengen an Geld nötig, die mit dem Verkauf von Aktien oder über Kredite bereit gestellt werden müssen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Die ungeheure Nachfrage nach Investitionen in die Realwirtschaft führt zu ungewöhnlich hohen Zinsen. Wer "Arbeit für Geld" für etwas Verwerfliches hält, sollte an seine Zusatzrente denken. Der Traum von einer auf der Arbeit von Geld basierenden Zusatzrente zerplatzt bei weiter 0,25% EZB Zinsen wie eine Seifenblase im Taifun Haiyan. Es sind Boomjahre um die Folgen einer jahrzehntelangen wirtschaftlichen Blockade aufzuholen. Was steht am Ende der Boomjahre? Am Ende der Boomjahre steht eine stabile Zivilisation. Die heutige Stagnation trifft in einer Zeit extremer Abhängigkeit von Energieimporten auf. Es muss mehr exportiert werden, koste es was es wolle, die Energieimporte müssen bezahlt werden. Weil die Dynamik dahinter nicht verstanden wird, destabilisiert sich die Gesellschaft immer mehr. Wie kommen wir dahin? Durch die Verschiebung des Kostenoptimums. Jeder Einzelne strebt nach dem Kostenoptimum für seinen Lebensstandard. Eine Verschiebung des Kostenoptimus führt zu Investitionen um das neue Kostenoptimum zu erreichen. Die Methode der Wahl ist eine aufkommensneutrale Steuerreform, wo die Kaufkraft von Arbeitgeber und Arbeitnehmern gestärkt wird, gleichzeitig aber unerwünschtes wie fossile Energie besteuert wird. Die Steuerreform nimmt dabei die zu erwartenden Preissteigerungen von fossiler Energie vorweg, aber das Geld bleibt im Land, kann zur Entlastung von Mensch und Wirtschaft eingesetzt werden, anstatt aus dem Land in Richtung diverser lupenreiner Demokraten zu fließen.
4. Wieso investieren?
static_noise 25.11.2013
Ich mag ja wenig Ahnung von Wirtschaft haben, aber soweit i h das sehr, ist das Verhalten der Unternehmen doch absolut logisch. Investiert wird nicht aus Selbstzweck sondern erst wenn ich muss(volkswirtschaftliche Interessen sind da genauso idealistischer Quatsch wie soziale). Und wenn man investiert, dann dort wo der höchste "return of invest" Wink. Es passiert genau das was Kriitiker unseres System vorhersagen, mehr Geld in der Wirtschaft/Unternehmen fließt NICHT zurück sondern wird als Gewinn abgeschöpft oder fließt in andere lokale Systeme die mehr 'neuen Gewinn' versprechen.
5. Hochgradig verunsichert? Im Gegenteil!
Kottan 25.11.2013
Herr Müller schreibt: "...Aber dass die finanzstarken deutschen Unternehmen sich zu wenig im eigenen Land engagieren, darüber gehen die Regierungsaspiranten hinweg..." Sarkasmus an: *Genau, wir brauchen endlich eine strikte Lohnobergrenze für Nichtmanager und Nichtpolitiker, eine klare Absenkung der Harz IV Sätze und nicht zuletzt eine demokrafiegerechte Kürzung der Renten. Dann geht es aufwärts...* Sarkasmus aus. Herr Müller schreibt: "Offensichtlich trauen sich die Manager nicht, zu investieren, weil sie hochgradig verunsichert in die Zukunft blicken..." Nein, Herr Müller, der Grund ist ein anderer, und das wissen Sie. Die Manager investieren nicht, weil Investitionen ihnen keine millionenschweren Boni, sondern nur (persönliche!) Nachteile bringen. Nur der "Shareholder Value" ist götzengleich alleiniger Maßstab ihrer Entscheidungen. Nur Profitmaximierung im Quartalstakt bringt ihnen maximale Boni!
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.


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