S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Was Diesel und Kernkraft gemeinsam haben

Volkswagen und Regierung haben sich an die gestrige Diesel-Technologie gekettet, obwohl sie wussten, dass sie nicht sauber ist. Jetzt muss das ganze Land den Preis für ihre verlorene Wette bezahlen.

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Qualmender Auspuff (Archivbild): Dämlich, sich von der Autoindustrie abhängig zu machen
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Qualmender Auspuff (Archivbild): Dämlich, sich von der Autoindustrie abhängig zu machen


Jedes Land hat seine prägenden Wirtschaftskrisen. In Großbritannien war es die erzwungene Loskopplung vom Europäischen Wechselkursmechanismus im Jahre 1992. In den USA war es der Immobiliencrash, der eine globale Finanzkrise auslöste. Der Euroraum kennt nichts anderes als die Krise. Und Deutschland hat nun VW.

Es sagte einmal ein Autokanzler, er wolle nicht alles anders machen, sondern nur einiges besser. Bei dieser Autokrise wird sich fast alles ändern, und nichts wird besser - für die Beteiligten.

Es brechen hier gleich drei Welten zusammen. Da ist zum einen die schon längst nicht mehr so heile Welt innerhalb von VW. Die zweite ist die der Dieseltechnologie, auf die die deutsche Industrie eine hochriskante Wette abgeschlossen hat. Und dann ist es die Welt eines Wirtschaftssystems, das trotz seines Schwadronierens über liberale Marktordnungen so dämlich war, sich von der Autoindustrie abhängig zu machen, die wiederum von einer fragwürdigen Technologie abhängig war.

Weit mehr als das Schicksal eines Unternehmens

Auf VW kommen jetzt Schadensforderungen zu, die in Deutschland alle Vorstellungen sprengen. Hierzulande gibt es kein Unternehmensstrafrecht. Das im Grundgesetz verankerte Verhältnismäßigkeitsprinzip verhindert drakonische Strafen und ist somit unternehmensfreundlich. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, was die US-Gerichte machen werden oder ob es zu außergerichtlichen Einigungen kommen wird. Weil man dort Entschädigung und Strafzahlungen addiert, sind die Summen dort häufig weitaus höher als bei uns. Dazu kommen noch Strafen wegen Umweltschäden, die weit über den von der amerikanischen Umweltbehörde avisierten 18 Milliarden liegen dürften. Insgesamt kann man sagen, dass das Gesamtrisiko für VW in den dreistelligen Milliardenbetrag hineinstrahlt. In dem Fall wäre die Zukunft des Unternehmens nicht mehr gesichert.

Wirtschaftlich geht es hier um weit mehr als das Schicksal eines Unternehmens. Es geht auch um die wichtigste Technologie, in die deutsche Autofirmen in den letzten Jahrzehnten investiert haben. Wenn der Diesel tatsächlich so umweltschonend wäre, wie seine Fürsprecher behaupten, wie kommt es dann, dass ein bis dahin respektables Unternehmen die Technologie mit krimineller Energie verteidigt? Diese Frage wird zu klären sein. Meine Vermutung ist, dass es nicht anders ging. Die Technologie ist nur mit kriminellen Mitteln am Markt zu halten.

Und das war in der Industrie weitgehend bekannt. Die Ingenieure bei VW und die Vorstände der anderen Autofirmen wussten natürlich, was in ihren Autos drinsteckte. Das ist anders als damals im Jahre 2008, als die Bankvorstände keine Ahnung von den komplizierten Finanzprodukten hatten, die ihre Händler auf den Markt geschmissen haben. Wer in der Autoindustrie arbeitet, war oft in seiner Jugend ein Garagenmurkser. Die kennen jede Schraube. Das heißt aber auch, dass sie wussten, was sie taten.

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht rentabel

Auch die Politik wusste, was sie tat. Die Bundesregierung machte sich bei der Europäischen Kommission dafür stark, dass man Dieselfahrzeuge realistischer prüfen sollte. Was damit gemeint ist: Man sollte die Prüfung an die miserablen Abgaswerte der Autos anpassen und nicht umgekehrt. Diesel ist wie Kernkraft: unter normalen wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht rentabel. Sie braucht hohe Subventionen und steuerliche Verzerrungen. Und ist gefährlich für die Umwelt.

Jetzt explodiert der deutsche Dieselmotor wie einst Loriots Atomkraftwerk, und alles, was die Industrie umgibt, fällt mit ihr um. Wie damals hat die deutsche Technologiepolitik versäumt, Alternativen zu schaffen. Man hätte schon früher in erneuerbare Energien investieren sollen. Heute verpasst Deutschland den Trend zum Elektroauto. Dafür gibt es den Diesel an den Tankstellen billiger.

Es ist nie gut, wenn sich Länder von einzelnen Industrien abhängig machen. Früher sagte man über General Motors: Was gut für GM ist, ist gut für Amerika. Das sagt man schon lange nicht mehr. In Finnland sagte man dasselbe bis vor nicht allzu langer Zeit über Nokia. Dann kam das Smartphone. Finnland kam mit dem Wandel nicht gut klar. Als Entschuldigung kann man anführen, dass kleine Länder oft keine andere Wahl haben. Große dagegen schon. Für ein Land wie Deutschland ist es schon ziemlich dämlich, sich an eine Industrie zu kleben, die ihre Blütezeit in einem anderen Jahrhundert hatte.

Was sollte die Bundesregierung jetzt tun? Um Gottes Willen nicht VW retten, und schon gar nicht die Dieseltechnologie. Überlasst VW den US-Gerichten zum Fraß, und den Diesel den reinigenden Kräften des Marktes. Der schafft das ganz schnell, ganz ohne Software.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 512 Beiträge
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Seite 1
Untertan 2.0 02.10.2015
1. Wieso?
---Zitat--- Überlasst VW den US-Gerichten zum Fraß, und den Diesel den reinigenden Kräften des Marktes. Der schafft das ganz schnell, ganz ohne Software. ---Zitatende--- Das hätte man bei den Banken auch tun können, hat man aber nicht. Und diesmal hängen sogar Arbeitsplätze dran...
fraumarek 02.10.2015
2. Guter Artikel !
Kein Mnesch braucht ein Dieselfahrzeug. Raus aus dieser Dreck-Technologie. Unsere Kinder müssen den Dreck einatmen, nur weil das die Autoindustrie so will. Lösung: Rauf mit den Dieselpreisen, runter mit den Subventionen. Dann geht das ganz schnell.
maxis.papa 02.10.2015
3. Respet!
Sie haben die Situation auf den Punkt gebracht!
rolandjulius 02.10.2015
4. Mein Kommentar zum VW Betrug
108 26.09.2015, 14:04 von rolandjulius Diesel ade. Es ist doch ganz klar, dass der Dieselmotor langfristig nicht zu halten ist. Sein Problem allein schon mit dem tödlichen Feinstaub macht ihn von Natur aus zu gefährlich. Es kann aber jeder Dieselmotor auf Gas angepasst werden. Hiermit wäre zumindest das Problem des anfallenden Feinstaubs gelöst. Die USA zahlt hohe Prämien für umgerüstete Lkws. Da muss doch etwas dahinter sein. Die Dieseltechnik ist meiner Ansicht nach voll ausgereizt. Das beweisen ja auch die Betrügereien. Luxusautos sollten ebenfalls unter die Lupe genommen werden. Ich sehe sie nur als enorme Geld Verschleißer und Devisen Abzocker. Der neue Chef des VW mag das Google Mobil nicht. Aber jetzt öffnet sich eine große Chance in dem Konzept mitzumischen, damit alle Menschen, ob alt oder ohne Führerschein endlich auch ein Fahrzeug besitzen können.
BurgRitter 02.10.2015
5. Arg dünn
der Inhalt. Wenn VW fertig ist, geht es nach der Insolvenz mit VW 2 weiter. Das E-Auto, womöglich mit Strom aus Braunkohle, ist doch ein Scherzartikel für Kurzdenker.
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