S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Zerschlagt die Familienunternehmen

Wir regen uns gern über russische oder ukrainische Oligarchen auf. Und tun so, als hätten wir solche Oligarchen in Deutschland nicht. Dabei nennen wir sie nur anders: Familienunternehmen.

Eine Kolumne von


Ferdinand Piëchs Abgang bei Volkswagen ist in letzter Konsequenz das Resultat einer Familienfehde. Eine einzige, wenn auch in sich zerstrittene Familie kontrolliert einen der größten Autokonzerne der Welt. In München kontrolliert eine andere Oligarchen-Familie einen anderen Konzern namens BMW. Und im westfälischen Gütersloh kontrolliert eine weitere schrecklich nette Familie einen wichtigen Teil des klassischen Mediengeschäfts der westlichen Welt.

Und dann gibt es noch die Ottos, die Oetkers und die Familien Würth, Reimann, Schwarz, Springer und noch viele andere. Auch in Schweden thronen reichen Familien über den Besitztümern des Landes - die Nobels, die Axel Johnsons und natürlich die Wallenbergs.

Es gibt selbstverständlich einen qualitativen Unterschied zwischen den westeuropäischen und den osteuropäischen Oligarchen. Letztere sind nämlich politische Akteure. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko reüssierte als Schokoladen-König seines Landes, bevor er dessen Präsident wurde. Wenn in Russland ein Oligarch in politische Ungnade fällt, dann verliert er Freiheit und Vermögen.

Unsere westlichen Oligarchen ziehen sicherlich etwas weniger an den Strippen der Politik als ihre neureichen Kollegen aus dem Osten. Außer Gerhard Schröder hat kein Ex-Bundeskanzler eine besonders ausgeprägte Nähe zu diesen Familien. Ihr großer Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft ist trotzdem problematisch.

Die Apologeten deutscher Familienunternehmen weisen immer darauf hin, dass mittelständische Strukturen besonders stabil sind. Familienunternehmen brauchten sich nicht am Aktienkurs zu orientieren, heißt es. Sie können mittelfristig planen. Kommt eine Rezession, dann sind sie eher als börsennotierte Großunternehmen bereit, ihre Mitarbeiter weiter zu beschäftigen. Das war im industriellen Zeitalter sicherlich so.

Die Oligarchen-Familie gehört ins Museum

Die Industrie spielt gerade in Deutschland zwar noch eine wichtige Rolle, aber wie überall in der westlichen Welt ist es eine abnehmend wichtige Rolle. Das Auto war das Erfolgsprodukt des 20. Jahrhunderts. Der relative Innovationsgrad in der Autoindustrie ist schon seit Langem rückläufig. Früher war das Auto synonym mit Mobilität. Heute sind es Billigflieger.

Im Einzelhandel ist der säkulare Trend zu den Großketten beendet. Innovation kommt nicht mehr von Discountern. Am allerwenigsten zu beneiden sind Zeitungsverlage, denn sie haben mit dem Internet ihr doppeltes Oligopol verloren - das Oligopol des Druckens und des Anzeigengeschäftes. Die wichtigen medialen Innovationen der vergangenen 20 Jahre wie Facebook, Twitter und die meisten modernen Nachrichtenportale stammen nicht von alteingesessenen familiengeführten Medienkonzernen, sondern von relativen Außenseitern.

Unternehmerischer Erfolg in unserer Zeit rührt von Kreativität und Vernetzung. Würden talentierte junge Menschen mit Tatendrang ihre Jugend in einer Familienfirma vergeuden, in der sie sich über Jahrzehnte hochschleimen müssen - und in der man zudem den richtigen Nachnamen haben muss, um Chef zu werden?

Diese Überlegungen führen mich zur Schlussfolgerung, dass man unternehmerische Familienstrukturen nicht mehr so stark begünstigen sollte, wie man das in der Vergangenheit gemacht hat. Konkret heißt das, dass man vererbten Großbesitz besteuern sollte - nicht das Vermögen an sich, sondern die Vererbung.

In diese Richtung zielen die Erbschaftssteuerpläne von Wolfgang Schäuble. Mir gehen diese Pläne nicht weit genug. Den meisten Kommentatoren gehen sie zu weit, wie etwa dem Wirtschaftsrat der CDU, der vor einer "Zerschlagung unseres erfolgreichen Mittelstandmodells" warnt. Ich würde dem nicht widersprechen - mit dem Unterschied, dass ich diese Zerschlagung für zwingend geboten halte.

Die Familie hat in der deutschen Wirtschaftsgeschichte eine große Vergangenheit. Wir sollten sie ehren. Die Oligarchen-Familie gehört ins Museum. Der Raum der Porsches und Piëchs wäre aus industrie-archäologischer Sicht besonders unterhaltsam und lehrreich. Schon heute lehrt uns der absurde Spuk bei VW, dass wir diesen Herrschaften unsere Zukunft nicht anvertrauen sollten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 346 Beiträge
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peeka(neu) 27.04.2015
1. Wenn
man BMW und VW als "Mittelständler" bezeichnet, dann kommt einem das doch recht seltsam vor. Die Zeit, als Mittelständler wie Borgward oder Glas die Automobilindustrie prägten, ist doch längst vorbei.
peitzman 27.04.2015
2. Alternative?
Lieber Herr Münchau, was wäre denn Ihr Alternativvorschlag, um das Familienbetriebsmodell zu ersetzen? Selten so einen Unsinn gelesen...
kwik-e-mart 27.04.2015
3. Heute gefällt mir der Münchau
ausgesprochen gut. Redet er heute doch nicht über Euro(sozialismus), EZB und andere garstige Dinge, von denen er nichts versteht. Weiter so, Herr Münchau, weiter so!
kp229 27.04.2015
4. Zukunftsmodell
Es ist sicher viel sinnvoller, unsere Zukunft Managern wie den Herren Jain und Middelhoff zu überlassen, die schaffen es ja nachweislich, unsere großen Deutschen Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen.
jens.kramer 27.04.2015
5. Helmut Kohl
Helmut Kohl war mit Odewald & Compagnie verstrickt, und die "INSM" ist doch auch heftigst mit der Politik verquickt https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-stille-werk-einer-deutsch-christlichen-heuschrecke
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