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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Deutschland leidet am China-Syndrom

Eine Kolumne von

Fußgänger in Peking: Es werden Ungleichgewichte behoben Zur Großansicht
REUTERS

Fußgänger in Peking: Es werden Ungleichgewichte behoben

Die ganze Welt hat sich daran gewöhnt, dass Chinas Wachstum die globale Konjunktur am Laufen hält. Doch jetzt baut die Volksrepublik ihre Wirtschaft um: Das Land will weniger investieren und mehr konsumieren. Für Deutschland ist das eine schlechte Nachricht.

Die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft ist eines der ökonomischen Großereignisse unserer Zeit. Sie hat nichts mit der Konjunktur zu tun, sondern mit einer tiefgreifenden, überfälligen, aber auch riskanten Umstrukturierung der chinesischen Wirtschaft. Ob Angela Merkels Euro-Krisen-Strategie aufgeht, hängt sehr stark damit zusammen, wie dieser Prozess in China vonstatten geht.

Laut den letzten, offensichtlich frisierten chinesischen Statistiken lag das Wachstum im zweiten Quartal des Jahres 2013 exakt bei den von der Regierung gewünschten 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Die wirklich interessante Frage lautet jedoch nicht, ob sieben oder siebenkommanochwas, sondern ob China nicht womöglich schon am Rande einer Rezession steht.

Ähnlich wie Spanien und Irland erlebte China eine kreditfinanzierte Blase. In der Erwartung einer sich stetig fortsetzenden Industrialisierung wurde im Land auf Teufel komm raus investiert, in Geschäfts- und Wohnimmobilien, in Eisenbahnnetze und U-Bahnen mit Stationen auf dem flachen Acker. Die Investitionen betrugen 2012 54 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung, der inländische Konsum nur 45 Prozent - eine für westliche Verhältnisse unglaubliche Verzerrung. In Deutschland zum Beispiel liegen die Investitionsausgaben bei nur 17 Prozent.

Die neue Führung der Kommunistischen Partei in Peking ist angesichts der Verzerrungen ebenfalls besorgt und betreibt jetzt eine Politik der Anpassung. Doch das Problem mit strukturellen Anpassungen ist wie so häufig, dass alles zunächst schlechter wird, ehe es sich verbessert. Der Konsum steigt nicht so schnell, wie die Investitionen sinken. Vor allem werden Arbeitsplätze zerstört, und nach Abzug der Inflationsrate, die der britische "Economist" für das Jahr 2013 auf 3,3 Prozent schätzt, steigen die Löhne kaum noch. 2012 betrug der Anstieg der Löhne knapp 10 Prozent. In diesem Jahr sind es nur noch 6,5 Prozent.

Einer der Mechanismen, die dem Konsum auf die Sprünge helfen sollten, ist die noch ausstehende Normalisierung der Zinsen. Die Sparzinsen liegen bei etwas über 3 Prozent, auch von den Zinserträgen bleibt also nach Abzug der Inflation nichts mehr übrig. Da chinesische Familien große Nettosparer sind, würde eine längst überfällige Erhöhung der Zinsen ihre Renditen und das für den Konsum zur Verfügung stehende Geld erhöhen. Gleichzeitig würden Kreditzinsen steigen und die überschüssigen Investitionen gedrosselt.

Die USA als einziger Lichtblick

Der Strukturwandel ist aber nicht nur kurzfristig teuer, sondern bringt auch langfristig geringere Wachstumsraten. Der Finanzexperte Michael Pettis, der an der Universität von Peking lehrt, schätzt das Wachstumspotential nach der Normalisierung auf für chinesische Verhältnisse läppische 4 Prozent pro Jahr.

Nicht nur China, auch die Weltwirtschaft trifft dieser Wachstumsschock unvorbereitet. China war eine der wichtigsten Lokomotiven für die Weltkonjunktur. Die anderen Schwellenländer haben ihre eigene Krise wie jetzt Brasilien. Japan wertet gerade ab. Der Euro-Raum fällt auf absehbare Zeit wegen seiner Krise als Wachstumsfaktor aus. In diesem Umfeld wird auch das deutsche Wachstum unter dem vergangener Zeiten liegen. Der einzige Lichtblick sind die USA, wo sich die Wirtschaft gerade maßvoll erholt.

So wie die Welt von einem amerikanischen Kreditboom im letzten Jahrzehnt profitierte, so profitierte sie später von Chinas Blase. Jetzt ist auch das vorbei. Wenn die Chinesen nicht mehr wie verrückt investieren, sondern nur noch rational konsumieren, kaufen sie zwar immer noch deutsche Produkte, aber eben weniger. Vor allem weniger im Ausrüstungssektor, in dem die deutsche Industrie so stark ist.

Für Merkels Euro-Krisen-Strategie ist dies das denkbar schlechteste Umfeld. Der Erfolg dieser Strategie hängt davon ab, ob die Euro-Zone insgesamt große Leistungsbilanzüberschüsse einfahren kann, um ihre Auslandsschulden abzubauen. Wenn nun die Exporte in Richtung China einbrechen, wird es noch schwieriger als bisher, dieses Ziel zu erreichen.

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1.
marthaimschnee 17.07.2013
Zitat von sysopREUTERSDie ganze Welt hat sich daran gewöhnt, dass Chinas Wachstum die globale Konjunktur am Laufen hält. Doch jetzt baut die Volksrepublik ihre Wirtschaft um: Das Land will weniger investieren und mehr konsumieren. Für Deutschland ist das eine schlechte Nachricht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muenchau-ueber-die-china-krise-a-911618.html
Nicht unbedingt auf den ersten Blick ersichtlich, aber wir exportieren eben - Autos ausgenommen - keine Massenkonsumgüter, sondern vor allem Maschinenbauprodukte, Güter in die investiert wird, um Geld zu verdienen, nicht um Bedürfnisse zu stillen. Und um Konsumgüter exportieren zu können, sorry, soweit lassen sich die Löhne hier nicht drücken. Zumindest nicht, ohne das Gesellschaftssystem komplett zu destabilisieren, statt nur wie bisher, es zu strapazieren. Das Problem hierbei ist, solange sich die Politik einen Kaufrausch der Bevölkerung herbeilügt - und diesen Unfug offensichtlich auch noch glaubt! - wird sie keine Gegenmaßnahmen ergreifen, solange sie es noch kann. Denn eins ist sicher: Wenn die deutschen Exporte erstmal wegbrechen, wird es hier richtig finster. Es bestärkt sich der Eindruck, daß hier mit dem Wohl der deutschen Bevölkerung alles oder nichts gespielt wird, wobei sie auch im Gewinnfall ja gar nichts gewinnen kann, außer Jobs zu Dumpinglöhnen.
2.
Aguilar 17.07.2013
Zitat von sysopREUTERSDie ganze Welt hat sich daran gewöhnt, dass Chinas Wachstum die globale Konjunktur am Laufen hält. Doch jetzt baut die Volksrepublik ihre Wirtschaft um: Das Land will weniger investieren und mehr konsumieren. Für Deutschland ist das eine schlechte Nachricht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/muenchau-ueber-die-china-krise-a-911618.html
Deutschland hat eigentlich eine gute Chance, sich einmal *gesund* zu schrumpfen. Niedrige Geburtenrate, zuviele Arbeitskräfte für die bezahlbare Arbeit etc. Wenn dieses Land aufhören würde, sich zum Sozialamt der Welt zu stilisieren, mehr für die eigene Bevölkerung täte, z.B auf dem Bildungssektor, könnten wir eigentlich gut leben, ohne dem Wachstum verpflichtet zu sein.
3. Welch Überraschung
pimpflegionaer 17.07.2013
Das hatte China bereits 2008 angekündigt, dass sich zukünftig mehr auf den Binnenmarkt konzentriert wird. Schön, dass es noch fähige Politiker gibt die sogar etwas angekündigtes Umsetzen und Politik für ihr Volk, statt für den Rest der Welt machen.
4. Maßvolle Inflation
Maßvolle Inflation 17.07.2013
was dem Euro fehlt ist eine maßvolle Inflation. Schon Keynes hatte nichts gegen eine Inflation in gewissen Maßen. Hinzu kommt, daß wir im Euroraum auch ein Vielzahl von Volkswirtschaften haben, bei denen Abwertungen eine gewisse Tradition haben. Die kleinsten Währungseinheiten waren nicht zufällig in 1.000er Einheiten (1000Lire, 1000 Peten, Drachmen etc.) gedruckt worden. Zudem stellt eine maßvolle Inflation einen Weg dar, wie Staaten sich entschulden können. Warum also soll man bewärtes bewußt ablehnen :-)).
5. Freut mich,
wolle0601 17.07.2013
daß SPON auch wieder ein bißchen Platz für nicht-NSA-Themen findet. Die sind nämlich alle noch da. Und ich hoffe, daß auch die Wähler nicht vergessen haben, wer die Steuern flächendeckend erhöhen will und noch mehr Geld in den Süden und in die Taschen der Ökolobby umleiten will. Wenn es in China wirklich abwärts geht, wird es umso wichtiger, eine Regierung zu haben, die etwas von Wirtschaft und nicht nur vom Geldausgeben versteht.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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