Münster Eine Stadt kämpft für ihre Zeitung

Das gab es in Deutschland noch nie: Ein Verleger baut seine Zeitung radikal um, wechselt Knall auf Fall die Redaktion aus - und steht nun vor einem Desaster. Im Kampf um die "Münstersche Zeitung" kündigen Leser reihenweise Abos, den neuen Reportern brandet Protest entgegen.

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Hamburg - Eine Woche lang herrschte Schweigen in der "Münsterschen Zeitung". Wie soll die geplante Umstrukturierung im Detail aussehen? Der Verlag hatte die gesamte Lokalredaktion inklusive Sport und Redaktionssekretariat von einem Tag auf den anderen vom Dienst freigestellt und durch neue Mitarbeiter ersetzt.

Protestaktion der Gewerkschaften in Münster: "Die Bürger sind empört"
DDP

Protestaktion der Gewerkschaften in Münster: "Die Bürger sind empört"

Erst nachdem mehrere überregionale Zeitungen, Fernsehsender und Branchendienste über die seltsamen Vorgänge im Pressehaus des Blattes informiert hatten, erklärte sich die Leitung der "Münsterschen Zeitung". In einem Interview mit Verleger Lambert Lensing-Wolff legte dieser auf der dritten Lokalseite der Wochenendausgabe seine Sicht der Dinge dar. Die "MZ" sei "moderner und mutiger" geworden, verspricht der Vorspann. Zu den Gründen der Umstrukturierung sagte Lensing-Wolff: "Der Markt hat es von uns verlangt." Umfragen hätten ergeben, dass der bisherige Lokalteil keine Zukunft gehabt habe. Die Entscheidung, der alten Redaktion den Produktionsauftrag zu entziehen, sei ihm "sehr schwer gefallen".

Nun wolle er "gemeinsam für alle eine faire Lösung finden", sagte Lensing-Wolff in dem Interview, das ohne Nachfragen und ohne einen namentlich genannten Gesprächspartner geführt wurde und deshalb ein wenig an ein Selbstgespräch erinnert. Zu den Umständen der Umstrukturierung äußerte er sich nicht.

"Münsters Bürger sind empört"

Doch gerade diese Umstände sind wohl die Ursache dafür, dass etliche Münsteraner ihre "kleine Zeitung" (wie sie in der Stadt liebevoll genannt wird) nicht mehr lesen mögen. "Münsters Bürger sind empört über das Vorgehen des Verlegers Lambert Lensing-Wolff und den Umgang mit seinen Mitarbeitern", sagte Werner Hinse, Chef des Pressevereins Münster-Münsterland, zu SPIEGEL ONLINE. Die alte Redaktion hatte in den vergangenen Wochen unter bizarren Umständen im Druckhaus arbeiten müssen. Die freien Mitarbeiter saßen in der Damenumkleide.

Die neuen Reporter stoßen nun bei Terminen in Münster mitunter auf breite Ablehnung. Einige Vereine lassen sie abblitzen und geben ihnen zu verstehen, dass sie den radikalen Austausch der Redaktion nicht gutheißen. Andere legen Protestflugblätter aus. Zahlreiche Abokündigungen sind schon beim Verlag eingegangen. Verlagskritiker spekulieren hinter den Kulissen, es seien mehr als 600. Nach Verlagsangaben sind es bislang jedoch nur 104 Kündigungen.

Die Aufregung über die rüden Methoden des Verlags in der Stadt scheint groß. In einem Fußballforum der Internetplattform "Westline", die auch den Auftritt der "Münsterschen Zeitung" unter ihrem Dach anbietet, ruft ein User namens "ketZer" zum Boykott der Zeitung auf. Einige verkünden in einem anderen Forum, sie hätten Bekannte dazu gebracht, den Verlag "von der Lieferung der 'Münsterschen Zeitung' mit sofortiger Wirkung freizustellen".

"Erst mal boykottiere ich dieses Blatt"

Etliche Mails mit ähnlichem Inhalt kursieren in der Stadt. Eine Mitarbeiterin eines der größten Krankenhäuser schickte eine Boykott-Rundmail an alle Kollegen.

Musiker und Kabarettist Tobias Sudhoff schrieb seiner Heimatstadt einen offenen Brief: "Mal im Ernst, Münster: Lässt Du Dir so was gefallen? Lässt Du es zu, dass man eine ganze Zeitungsredaktion einfach so vor die Wand fahren lässt?" Die Antwort gab er sich gleich selbst: "Ich sollte mich doch sehr in Dir irren, wenn Du nicht das Gleiche tust, was ich jetzt tun werde: Zuerst mal boykottiere ich dieses Blatt, bis die alte Redaktion zu den alten Bedingungen wieder eingestellt wird."

Bei einer Protestaktion der Gewerkschaften am Wochenende unterschrieben rund tausend Menschen die Forderung an Verleger Lensing-Wolff: "Lassen Sie die 'MZ'-Kollegen wieder für Münster schreiben!"

Für Verlagsmitarbeiter, die mit den empörten Münsteranern und wütenden Abonnenten umgehen müssen, gibt es einen "Argumentationsleitfaden". Unter fünf Themenbereichen ist dort augenscheinlich die Sicht der Verlagsleitung dargelegt; ein Verfasser ist auf dem zweiseitigen Papier nicht genannt. Um einen "deutlichen Arbeitsplatzabbau" zu vermeiden, habe man den Auftrag einer anderen Redaktion geben müssen, steht dort unter "Inhaltliche Argumente": "Das vorherige Redaktionsteam hatte über Jahre die Chance, sich zu bewähren, und diese Chance - bis auf wenige Ausnahmen - leider nicht genutzt."

Für die ausgewechselten Redakteure sind solche Sätze nicht nachvollziehbar. "Das fühlt sich an wie ein Tritt ins Gesicht", sagt einer.

"Ein Boykott ist keine Hilfe"

17 Mitarbeiter der alten "MZ" sind trotz des Protests immer noch freigestellt. Fest steht: Claus-Jürgen Spitzer, seit Jahren Chefredakteur und Lokalchef zugleich, darf bleiben - als Herausgeber der Zeitung. Er war seit Jahren verantwortlich für Inhalt, Konzept und Personalpolitik der "Münsterschen Zeitung". Er wolle weiter seinen Beitrag zu einer guten Zukunft der "Münsterschen Zeitung" leisten, sagte er SPIEGEL ONLINE. Dass für seine langjährigen Kollegen wohl kein Platz mehr im Boot ist, ändere nichts an seiner "Loyalität gegenüber der 'MZ'". Das Schicksal jedes einzelnen tue ihm gleichwohl sehr Leid.

Massenhafte Abokündigungen könnten für die Zeitung und die neue Belegschaft zum existenziellen Problem werden. Die Vertreter der Gewerkschaften und auch die kaltgestellten Redakteure legen Wert darauf, niemanden zur Stornierung von Abonnements aufgerufen zu haben - denn "ein Boykott ist keine Hilfe", sagt Gewerkschafter Hinse. Niemand wolle die "MZ" in den Ruin treiben. Es müsse gewährleistet bleiben, dass neben den "Westfälischen Nachrichten" noch eine zweite Lokalzeitung in der 280.000-Einwohner-Stadt erscheint.

Nur eine Tageszeitung für Münster wäre fatal: Immerhin darin sind sich Gewerkschaften und Verlagsleitung einig. Man wolle dem Mitbewerber nicht das Meinungsmonopol in der Stadt überlassen, sagte Verleger Lensing-Wolff in seinem Interview.

Darüber hinaus sind Stellungnahmen weder von ihm noch von der Verlagsleitung zu bekommen. Untätig ist man aber offenbar nicht. Ein peinlicher Missgriff wurde in den vergangenen Tagen bekannt. Der Eintrag "Münstersche Zeitung" im Online-Lexikon Wikipedia wurde geändert. In der vorigen Woche löschte ein Benutzer einen kompletten Absatz, in dem es um die Umstrukturierung des Blattes geht. Verfolgt man die IP-Adresse des anonymen Nutzers zurück, wird man in Dortmund fündig: beim Verlag Lensing-Wolff GmbH & Co. KG. Dort verliert sich die Spur.

Inzwischen ist der Absatz wieder da - ein aufmerksamer Leser hat ihn wieder eingefügt.



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