"Münstersche Zeitung" Verleger stellt ganze Redaktion kalt

Verblüffend unverfroren hat der Verleger der "Münsterschen Zeitung" eine komplette Lokalredaktion ins Aus gedrängt. Erst ließ er sie ins zugige Druckhaus verfrachten - jetzt wurden sie durch Angestellte einer neuen Firma ersetzt.

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Hamburg - "Mehr Service, mehr Leserfreundlichkeit, eine deutlich verbesserte Blattstruktur: Mit diesem Ziel stellt die Münstersche Zeitung mit dieser Montagsausgabe ihre redaktionelle Produktion auf neue Beine." Mit diesen frohen Worten empfing die Lokalzeitung aus dem westfälischen Münster am Montag ihre Leser. Von "deutlicher Schärfung des journalistischen Profils", "multimedialer Verschränkung" und "zeitgemäßer Optik" war da die Rede.

Was die neue Redaktionsleitung ihren Lesern verschwieg: Die alte Lokalredaktion, der Lokalsport und das Redaktionssekretariat sind fort. "Vom Dienst freigestellt", heißt es offiziell.

Am vergangenen Freitag hatte Verlagsleiter Lutz Schumacher die Bombe platzen lassen. In einer Versammlung mit der alten Lokalredaktion verkündete er das Aus für die altgediente Mannschaft. Er sprach von "dramatischen Entwicklungen", die sich ergeben hätten. Der Verleger habe entschieden, der Lokalredaktion den Auftrag zur Erstellung des Lokalteils zu entziehen - und diesen an eine Tochterfirma namens Media Service GmbH & Co. KG weiterzugeben.

"Sie haben heute Ihre letzte Ausgabe der 'Münsterschen Zeitung' produziert", sagte er den entsetzten 18 Mitarbeitern und Redakteuren. Man traue der alten Mannschaft nicht mehr zu, den Erfordernissen der Zukunft gerecht werden zu können. Das Blatt stecke in einer "schwierigen Marktsituation", heißt es dazu in einer Pressemitteilung. Die "Münstersche Zeitung", Druckauflage laut IVW gut 38.000, gehört zum Medienhaus Lensing, in dem auch die Dortmunder "Ruhr Nachrichten" erscheinen.

"Das hat uns alle kalt erwischt"

In den beiden ersten Pressemitteilungen des Verlags zu den Veränderungen bei der "Münsterschen Zeitung" stand kein Wort über den Verbleib der alten Lokalredaktion. Für eine Stellungnahme war die Verlagsleitung zunächst tagelang nicht zu erreichen. Erst heute Abend, nachdem dieser Text schon veröffentlicht war, reagierte die neue Chefredaktion mit einer aktualisierten Pressemitteilung. Verlagsleiter Schumacher betont darin, bisher sei bei der Umstrukturierung niemandem gekündigt worden.

Schumacher hatte am Freitag den geschassten Redakteuren anheim gestellt, sich bei der Firma Media Service um einen Job zu bewerben. Einige wenige Stellen sind dem Vernehmen nach noch zu besetzen - wohl viel zu wenig für die mehr als ein Dutzend Redakteure. Der Betriebsrat vermutet, dass die ersten Kündigungen schon in den kommenden Wochen verschickt werden, betriebsbedingt. Dann droht vielen Kollegen die Arbeitslosigkeit.

In der neuen Mitteilung stellt Schumacher nun Lösungen für die Betroffenen in Aussicht, die die Verlegerfamilie Lensing-Wolff "viel Geld kosten werde". Im Kern sei es bei der Umstrukturierung außerdem nicht um Einsparungen, sondern um die Steigerung der Qualität gegangen. Die Gesellschafter hätten keine andere Chance gehabt, als "einen neuen Dienstleister mit der Erstellung des Lokalteils zu beauftragen".

Ob das Vorgehen des Verlegers juristisch angreifbar ist, will der Betriebsrat in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften prüfen lassen. Wie hoch die Erfolgsaussichten für eine Klage sind, ist bisher selbst für Experten nicht abzusehen.

Viele Redakteure schreiben schon seit Jahrzehnten für die "Münstersche Zeitung". Für sie ist das abrupte Ende ihres Arbeitsalltags ein Schock. Die Stimmung sei "gespenstisch", berichtet einer der Betroffenen. "Das hat uns alle kalt erwischt." An negatives Feedback zur Arbeit der Redaktion kann sich niemand erinnern.

Betriebsratschef Martin Fahlbusch ist unbegreiflich, warum die Veränderungen nicht zusammen mit der ursprünglichen Redaktion umgesetzt worden sind. "Eine ganze Redaktion so vor die Wand fahren zu lassen - so etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt er SPIEGEL ONLINE. Bisher gebe es weder Abfindungen noch Aufhebungsverträge oder einen Sozialplan. Mit der neuen Ankündigung des Verlags, "die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen und damit auch der sozialen Verantwortung gerecht werden zu wollen", könnte sich das ändern.

Freie Mitarbeiter mussten in der Umkleidekabine schreiben

Schon seit Mitte November mussten die Journalisten unter grotesken Umständen im Druckhaus ihrer Zeitung am Stadtrand von Münster arbeiten. Die oberste Etage des Pressehauses - beste Innenstadtlage - solle vermietet werden, so lautete damals die Begründung der Verlagsleitung. Die Redakteure gaben ihre Schlüssel und Chipkarten ab und zogen in einen zugigen Anbau des Druckhauses, das über keine geeigneten Büroräume verfügt und sich schnell den Beinamen "Alcatraz" einhandelte. Die Zustände dort beschreibt ein Mitarbeiter als desolat: Einige Kollegen hätten ihre Ablagen auf Umzugskartons aufgebaut, die freien Mitarbeiter ihre Texte in der Damenumkleidekabine des Gebäudes geschrieben.

"Es ist unfassbar, mit welcher sozialen Kälte und Gleichgültigkeit von heute auf morgen gestandenen Lokaljournalisten der Stuhl vor die Tür gesetzt wird", sagt Frank Biermann, Chef der Münsterland-Sektion der Deutschen Journalisten-Union. "Es ist wohl bundesweit einmalig, dass eine gesamte Lokalredaktion mit all ihrer über Jahre angesammelten Kompetenzen im Hauruckverfahren entsorgt und durch eine neue Redaktion ersetzt wird."

Als "skandalös und zynisch" bezeichnet der Presseverein Münster-Münsterland des Deutschen Journalistenverbands (DJV) das Vorgehen der Verlagsleitung. "Ich glaube, dass das hier noch nicht vorbei ist", sagt der Vorsitzende Werner Hinse SPIEGEL ONLINE. "Verleger Lambert Lensing-Wolff wird diese Strategie in Nordrhein-Westfalen weiterverfolgen."

Die Arbeit der bisherigen Lokalredaktion in Münster hat nun ein Team um den neuen Chef Stefan Bergmann übernommen. Er hatte zuvor die Entwicklungsredaktion für die "Münstersche Zeitung" geleitet, die nun die Lokalseiten erstellt. Die Blattplanung soll über einen sogenannten Newsroom laufen, von dem aus auch die Online-Produktion gesteuert werden soll - "eine der bundesweit modernsten Redaktionsstrukturen", frohlockt die Chefredaktion. Standort der neuen Redaktion: das Pressehaus in der Innenstadt, die alte Wirkungsstätte der Vorgängerredaktion.

Die neuen Macher der "Münsterschen Zeitung" fühlen sich allerdings in falschem Licht dargestellt - von den Gewerkschaften und dem Mitbewerber, den "Westfälischen Nachrichten". Eine "inszenierte Schmutz-Kampagne" werde offenbar gegen ihre Zeitung gefahren, heißt es in dem Schreiben der Chefredaktion der "Münsterschen Zeitung". Die "Westfälischen Nachrichten" hätten in der Vergangenheit "Mitarbeiter im oberen zweistelligen Bereich entlassen". Das würde nun verschwiegen, und die Vorgänge bei der "Münsterschen Zeitung" nutze der Konkurrent für die eigenen Geschäftszwecke. "Dies ist an Heuchelei kaum zu überbieten und der eigentlich einmalige Vorgang in der deutschen Verlagsgeschichte."

Die Chefredaktion der "Westfälischen Nachrichten" weist die Vorwürfe weit von sich. Das Blatt habe "lediglich die öffentlichen und offiziellen Stellungnahmen von Parteien und Gewerkschaften zu diesem Thema in knapper und zusammenfassender Form veröffentlicht und insofern ihrer Informationsaufgabe in der Stadt Münster Genüge getan", sagte Chefredakteur Norbert Tiemann SPIEGEL ONLINE. Die Behauptung, es habe in seinem Hause in den vergangenen Jahren Entlassungen im oberen zweistelligen Bereich gegeben, entbehre jeder Grundlage.



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