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Münz-Durchmischung: Der deutsche Euro - ein Einzelgänger wider Willen

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Entgegen aller Prognosen finden sich kaum ausländische Euro-Münzen in deutschen Portmonees. Die enttäuschten Wissenschaftler haben die Schuldigen natürlich längst ausgemacht: Die vielen emsigen Sammler sollen die schnelle Durchmischung verpatzt haben.

Der Griff in die eigene Geldbörse beweist: Euro-Geldstücke aus dem Ausland finden sich hier selten
AP

Der Griff in die eigene Geldbörse beweist: Euro-Geldstücke aus dem Ausland finden sich hier selten

Karlsruhe/Freiberg - Ein wenig traurig ist Hans-Dieter Jöckel schon. Einmal im Monat treibt es den Hobby-Numismatiker an einen Münzroll-Automaten in Karlsruhe oder Saarbrücken. Hier besorgt er sich 2000 Euro-Münzen, um deren Herkunft am heimischen Küchentisch genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch statt der erhofften ausländischen Euros findet Jöckel fast ausschließlich heimische Münzen. "Wie langweilig", sagt er.

Auch Wissenschaftler wie Dietrich Stoyan, Professor an der Uni Freiberg (Sachsen), finden die bisher erfolgte Durchmischung deutscher und ausländischer Euros eher enttäuschend. "Ich hatte für Ende 2002 kühn einen Anteil ausländischer Münzen von zehn Prozent prognostiziert", sagt Stoyan, "in Wirklichkeit waren es dann gerade mal 3,6 Prozent." Und der Statistik-Professor weiß genau, wer an der mangelnden Integration schuld ist: Die vielen deutschen Sammler - also Münzhändler genauso wie euro-begeisterte Privatleute oder emsige Schulkinder. "Die haben alles verdorben", sagt er.

Zeigt eine Harfe auf der Rückseite: das irische Ein-Euro-Stück

Zeigt eine Harfe auf der Rückseite: das irische Ein-Euro-Stück

Mehr als die Hälfte aller ausländischen Münzen, die Deutschland erreichen, werden seiner Schätzung nach umgehend von den Sammlern aus dem Geldverkehr gezogen. Allein vom Ein-Euro-Stück sollen somit rund 80 Millionen Exemplare in Sammelschachteln verschwunden sein.

Der Trend geht zum "Zweitportmonee"

Dabei sind es nicht nur die Deutschen, die Spaß am Euro gefunden haben. Auch in anderen Ländern wie Italien und Frankreich sammeln die Menschen begeistert ausländische Münzen. "In Frankreich geht der Trend sogar zum Zweiportmonee", berichtet Stoyan, der im ständigen Austausch mit anderen europäischen Forschungskollegen steht. Er verfolgt seit Januar 2002 mit der Studie "Euro.Diff" die Diffusion des Ein-Euro-Stücks in Deutschland. Rund 50 freiwillige Euro-Zähler wie Hans-Dieter Jöckel übermitteln Stoyan einmal monatlich ihre Euro-Ergebnisse via Internet. Diese dienen Stoyan dazu, sein Rechenmodell, das die Diffusion von Münzen prognostizierbar machen soll, soweit wie möglich der Realität anzugleichen.

Wegen des Eulen-Motivs bei Sammlern besonders beliebt: das griechische Ein-Euro-Stück

Wegen des Eulen-Motivs bei Sammlern besonders beliebt: das griechische Ein-Euro-Stück

Anfangs rechnete Stoyan neben schwer kalkulierbaren Faktoren wie "Reisehäufigkeit" und "Einfluss der Pendler" auch die jeweilige Bevölkerungszahl eines Landes mit ein. Schnell stellte er fest, dass das allein zu ungenauen Ergebnissen führte. So war der Austausch an Münzen zwischen beispielsweise Österreich und Deutschland viel geringer, als der zwischen der Bundesrepublik und dem viel kleineren Luxemburg. Mit einem zusätzlichen "Sympathie-Faktor" gleicht Statistiker Stoyan seitdem diese doch recht menschliche Ungleichheit in seinem Rechenmodell aus.

Die "totale Durchmischung" bleibt weiter möglich

Trotz anfänglicher Start-Schwierigkeiten bleibt Dietrich Stoyan zuversichtlich, dass eine "totale Durchmischung" der Euro-Münzen erreicht werden kann. Dann sollten in jedem der 15 Euro-Länder beispielsweise 33 Prozent aller Münzen aus Deutschland, 17 Prozent aus Frankreich und ein Prozent aus Luxemburg stammen - entsprechend der jeweils ausgegebenen Menge an Münzen.

Ziert die Rückseite der niederländischen Ein-Euro-Münze: Königin Beatrix

Ziert die Rückseite der niederländischen Ein-Euro-Münze: Königin Beatrix

Bei insgesamt 120 verschiedenen Euro-Geldstücken, die sich anhand ihrer Rückseite unterschieden lassen, wäre ein Blick ins eigene Portmonee dann ziemlich abwechslungsreich. So zeigt der niederländische Euro beispielsweise Regentin Beatrix, der irische eine Harfe, der griechische eine Eule. "Vor 2020 ist eine totale Durchmischung aber nicht wahrscheinlich", sagt Stoyan, "wenn es den Euro dann überhaupt noch gibt."

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