Murdoch übernimmt "Wall Street Journal" Der verhasste Retter triumphiert

Monatelang wurde verhandelt, jetzt ist der Deal perfekt: Rupert Murdoch kauft den Dow-Jones-Verlag und dessen "Wall Street Journal". Kritiker prophezeien den Untergang der weltbesten Wirtschaftszeitung. Doch der erzkonservative Medienmogul könnte genau das sein, was das Blatt braucht.

Von , New York


New York - Am Ende ging es doch nur ums Geld. Genauer gesagt um rund 30 Millionen Dollar. Diese Summe - ein Bonus über den Kaufpreis von fünf Milliarden Dollar hinaus - versprach Rupert Murdoch den bis zuletzt widerspenstigen Mitgliedern der Bancroft-Familie, um ihnen den US-Verlag Dow Jones (DJ) und dessen "Wall Street Journal" (WSJ) nach dreimonatigem Verhandlungskrimi abzuluchsen. Offiziell soll die Versüßungsgabe in einen Sonderfonds fließen, um die Anwalts- und Notarkosten der Bancrofts abzudecken.

Neuer Dow-Jones-Eigner Murdoch: Grundsätze sind gut, Geld ist besser
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Neuer Dow-Jones-Eigner Murdoch: Grundsätze sind gut, Geld ist besser

30 Millionen Dollar zahlt der mächtigste Medienmann der Welt aus der Portokasse. Die Erben des DJ-Urvaters Clarence Barron hatten sich zwar geziert, sich bei ihrem Widerstand gegen Murdochs Pläne auf journalistische Grundsätze berufen. Tatsächlich waren sie jedoch mit kaltem Cash zu ködern. Deshalb auch die überzogene Kaufsumme, ein 67-prozentiger Aufschlag auf den vorherigen Marktwert von DJ und das Privatvermögen der Bancrofts. Das Murdoch-Prinzip traf selbst auf den alten Presse-Clan zu: Grundsätze sind gut - Geld ist besser.

Und so nahm seinen Lauf, was viele als Untergang des journalistischen Abendlandes beklagen: Rupert Murdoch - Machtmensch, Zeremonienmeister des Vulgären, brillant-skrupelloser Geschäftsmann - erfüllt sich seinen größten Lebenstraum und verleibt sich die weltbeste Wirtschaftszeitung ein, eine der letzten unabhängigen Pfründe in der US-Zeitungslandschaft. Die Direktorien beider Firmen - DJ und Murdochs News Corp. - unterzeichneten die Merger-Vereinbarung in der Nacht. "Ein dunkler Tag für Amerikas Nachrichtenmedien - und für die amerikanische Demokratie", hatte Paul Krugman, Star-Kolumnist der "New York Times", schon mal prophylaktisch gejammert.

Sind die Bedenken gerechtfertigt? Oder ist Murdoch genau die Testosteron-Spritze, die DJ und das "WSJ" brauchen - vielleicht sogar der gesamte US-Zeitungsmarkt? Dort ist Murdoch nun erstmals massiv präsent. Trotz aller Mankos ist er das Beste, was dem kränkelnden Verlag passieren konnte: ein waschechter, altmodischer Pressefuchs mit einer Leidenschaft fürs lukrative Blattmachen.

Besser als die lethargischen Bancrofts, die nur ihre Erbschecks kassierten, während die Print-Auflage und die Anzeigenumsätze des "WSJ" immer weiter bröckelten. Besser vor allem als die andere, immer üblichere Alternative - eine gesichtslose Finanzbeteiligungsgesellschaft, die an Journalismus kein Interesse hat, nur auf die Kosten schielt, als erstes Stellen streicht und den Verlag zerschlägt.

Hochzeit einer Fürstin mit einem Zuhälter

Positive Bewertungen der Übernahme gehen bislang im Chor der Kassandrarufe unter. Auch fehlten sie lange in der Berichterstattung der US-Medien, die den monatelangen Balztanz Murdochs um die in aller Welt verstreuten Bancrofts so überheblich kommentierten wie die Hochzeit einer Fürstin mit einem Zuhälter.

Seit den Tagen William Randolph Hearsts ist kein US-Medienbaron so von der eigenen Branche verteufelt worden wie Murdoch. Sie beschimpften ihn als schamlosen Populisten, der den Massen nur den "kleinsten gemeinsamen Nenner", sprich: Schmuddel, serviere. Als Egomanen, der keine Verwendung für echte demokratische Strukturen habe, geschweige denn für journalistische Inhalte. Als Manipulator, der sein Imperium nur zur weiteren Machtbereicherung einsetze.

Oft sind diese Einwände berechtigt, sicher - oft sind es auch Steine aus dem Glashaus. Etwa von Tina Brown, der Ex-Chefin der "Vanity Fair", die ein "WSJ" unter Murdoch als "Horror-Show" bezeichnete. Obwohl sie selbst sich einst nicht zu schade war, zwecks Auflagen-Dopings eine nackte und hochschwangere Demi Moore aufs Cover zu klatschen. Oder von Bill Keller, dem Chefredakteur der "New York Times", der Murdoch "den Antichrist" nannte - obwohl auch sein Blatt in den vergangenen Jahren in Ethik-Skandale verwickelt war.

Ein paar Redakteure des "WSJ" verglichen Murdoch in einer internen E-Mail sogar mit Hitler - und die Übernahmeverhandlungen von News Corp. mit dem Münchener Abkommen von 1938. Wenn's um sie selbst geht, klagen Journalisten eben gern besonders laut. Das liest man auch zwischen den Schlagzeilen, mit denen das "WSJ" heute etwas unbequem seinen eigenen Verkauf vermeldet: "Bancroft-Familie stimmt Fünf-Milliarden-Dollar-Buyout zu", heißt es, gefolgt von dem sentimentalen ersten Satz: "Ein Jahrhundert Dow Jones & Co. im Besitz der Bancroft-Familie ist vorbei."

Zugegeben: Unter Murdoch mutierte die linksliberale, dröge "New York Post" zum konservativen Kampfblatt, das jeden Feind zerfetzt. Doch ist sie selbst für Murdochs ärgsten Gegner Pflichtlektüre - und hat einen auffallend gut informierten Wirtschaftsteil.

Auch zugegeben: Fox News, Murdochs Nachrichtensender, verbreitet gern Regierungspropaganda. Doch sein Fox-Network - die große Network-Schwester des Kabel-Newskanals - machte immerhin mit den "Simpsons" Quote, jenem subversiven Zeitkritik-Comic, in dem sich Murdoch, einmal selbst auf die Schippe nahm: "Ich bin Rupert Murdoch, der Milliardärs-Tyrann!"

"Es ist Zeit, die Augen zu öffnen"

Sein Buchverlag HarperCollins verlegt nicht nur Strandlektüre, sondern auch die Memoiren des regierungskritischen früheren CIA-Chefs George Tenet und die Wirtschafts-Bestseller "Freakonomics". Ebenfalls gern vergessen: Ein Jahrzehnt lang besaß Murdoch das linksalternative Wochenblatt "Village Voice", das er unbehelligt ließ - und dem es damals wesentlich besser ging als heute, als Teil des kalifornischen Verlags New Times, der einen "Voice"-Veteranen nach dem anderen feuert.

So steckt hinter der Anti-Rupert-Front denn auch mehr Angst als sonst was: Ein "WSJ" mit Murdoch-Dampfdruck wird nun nicht nur die US-Medienszene ungemütlich aufrütteln. Die Kraft-Kombo News Corp. und DJ "könnte den Finanznachrichtenmarkt weltweit klar führen", prophezeite Medienberater Larry Kramer gestern auf wsj.com, der "WSJ"-Website.

Die Scheinheiligkeit der Murdoch-Kritik ging schließlich selbst manchen Bancrofts zu weit. "Es ist an der Zeit, die Augen zu öffnen", schrieb Crawford Hill, ein Mitglied der jüngeren Generation, an die anderen Erben. "Es herrscht viel Familien-Mythologie und eine komplette Verzerrung, die korrigiert werden muss, besonders, was unser Vermächtnis angeht."

Zum Beispiel der Mythos, dass das "WSJ" der Inbegriff des ausgewogenen Journalismus sei, der nun vom konservativen Murdoch bedroht werde. Dazu muss man sich nur mal das - vom Nachrichtenteil unabhängige - Meinungsressort ansehen, das Aushängeschild jeder Zeitung.

Nacktmodels mit Wirtschaftsabschluss

"Wir erheben nicht den Anspruch, uns in der Mitte zu bewegen", deklarierte man schon 1951 in der "redaktionellen Philosophie". Fest in der Tradition der Neocons, stand das "WSJ" auch US-Präsident George W. Bush meist treu zur Seite und trommelt bis heute für dessen Irak-Krieg. In dieser Hinsicht ist das "WSJ" seit langem mehr Murdoch als Murdoch selbst.

Was sonst könnte sich ändern? Die großen Reportagen, die Murdoch persönlich "zu lang" sind? Der oft gedrechselte Stil? Viel Spielraum hat Murdoch nicht, dazu ist der "WSJ"-Leserkreis viel zu elitär - er dürfte beim ersten Ausflug in niedere Gefilde schnell abwandern. "Wenn das 'Journal' seine Seite-3-Girls bekommt", juxte Murdoch im Interview mit dem US-Magazin "Fortune" in Anspielung auf die täglichen Nacktfotos in seiner britischen Postille "Sun", "dann werden wir sicherstellen, dass sie ihren Betriebswirtschaftsabschluss haben."

Was sich sicher ändern dürfte, ist die Finanzlage des Verlags. Während die Redaktion ihre Palastrevolte nur zähneknirschend unterlässt, freuen sich andere Abteilungen schon auf den neuen Besitzer: Marketing und Anzeigen. Fiel doch der Print-Anzeigenumsatz des "WSJ" im ersten Quartal 2007 um 1,8 Prozent, im zweiten Quartal um 6,8 Prozent.

Schon hat Murdoch laut mit dem Gedanken gespielt, die Trennung von Print- und Online-Redaktion weiter zu lockern, das "WSJ" in sein Medien-Netz einzugliedern und hunderte Millionen Dollar zu investieren, um neue Star-Schreiber anzulocken. Wohl als Ersatz für all die Puristen, die nun angeblich aus Prinzip kündigen wollen. Denn ab heute gilt hier das Murdoch-Prinzip: Grundsätze sind gut - Geld ist besser.



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