Mysteriöse Krankheit China in der Schweinekrise

Eine mysteriöse Krankheit rafft in China Borstenviecher dahin. Der Preis für Schweinefleisch ist deshalb drastisch gestiegen. Die Regierung in Peking sieht sich mit einer Staatskrise konfrontiert - und will auf ihre strategische Fleischreserve zugreifen.


Hamburg - Chinas Regierung ist alarmiert: Um knapp 30 Prozent ist der Preis für Schweinefleisch allein in der vergangenen Woche gestiegen. Schweinefleisch ist Grundnahrungsmittel in China, in der Bevölkerung macht sich Angst breit, sich bald kein Fleisch mehr leisten zu können. Peking sieht sich deshalb mit einem Problem konfrontiert, das sich, sollten die Preise dauerhaft hoch bleiben, durchaus zu einer Staatskrise auswachsen könnte.

Schweinefleisch-Händler in China: Zehnjahreshoch beim Preis für das Grundnahrungsmittel
AP

Schweinefleisch-Händler in China: Zehnjahreshoch beim Preis für das Grundnahrungsmittel

Wie dramatisch die Lage ist, lässt sich schon an der emsigen Reisediplomatie der Regierung ablesen. So besuchte Premierminister Wen Jiabao jetzt einen Markt in der Provinz Shanxi und forderte Landwirte auf, daran mitzuwirken, ausreichend Fleisch für die 1,3 Milliarden Menschen zählende chinesische Bevölkerung zu produzieren. Er versprach, dass die Regierung dafür sorgen werde, "die Versorgung mit Schweinefleisch zu leistbaren Preisen aufrecht zu erhalten".

Ganz einfach wird das nicht. Denn die Nachfrage ist schon seit längerem deutlich höher als das Angebot. Außerdem machen den Bauern hohe Futterpreise zu schaffen. Sie hoffen, am Ende der Krise vernünftig für ihre Arbeit und für ihre Produkte bezahlt zu werden.

Noch deutlich schlimmer allerdings ist eine Krankheit, die die Tiere in Massen dahinrafft und die erst vor kurzem identifiziert werden konnte. Einem Bericht der "Financial Times" zufolge handelt es sich um das sogenannte "blue ear disease" (deutsch: Blaue-Ohren-Krankheit), die erstmals Mitte der achtziger Jahre in den USA diagnostiziert wurde. Veterinäre in Deutschland kennen die Viruserkrankung unter der Abkürzung PRRS. Unterschiedliche Symptome und die hohe Veränderungsfreudigkeit des Virus bereiten auch hierzulande Kopfzerbrechen.

Außerdem sei die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Experten zufolge werde sich die Krankheit mit steigenden Temperaturen weiter ausbreiten.

Als Folge davon sind die Preise für lebende Schweine in den vergangenen Monaten mit zunehmendem Tempo gestiegen - nach Angaben des chinesischen Agrarministeriums kostet Schlachtvieh 71,3 Prozent mehr als noch im April dieses Jahres - ein Zehnjahreshoch.

Dem Bericht zufolge werden schätzungsweise 500 Millionen Schweine in China gehalten. Die Zeitung zitiert einen Manager, wonach rund 20 Millionen davon von der Epidemie betroffen seien. Die chinesische Regierung macht keine Angaben über die Zahl der notgeschlachteten Tiere, zumal die landesweite Zahl der Kleinbauern nicht erfasst ist. Anfang des Monats meldeten Zeitungen in Hongkong unter Berufung auf Daten der Regierung, rund 1000 Tiere seien infiziert und mehr als 300 gestorben. Die Tiere hätten hohes Fieber und Blutungen, heiß es in der Zeitung "Ping Juo Jat Bo".

Versorgungsengpass mit Fleischreserve überbrücken

Unabhängig von diesen weit auseinander liegenden Angaben - die Auswirkungen der Schweinekrankheit sind landesweit spürbar. Fleisch- und Wurstproduzenten klagen über steigende Preise, Peking denkt über eine Erhöhung der Schweinefleischimporte aus Südamerika nach. Diese Überlegungen kollidieren allerdings mit den chinesischen Einfuhrbestimmungen, die aufgrund von gesundheitlichen Bedenken Fleischimporte stark reglementieren. Europäisches oder amerikanisches Schweinefleisch ist für den chinesischen Markt zu teuer und kommt daher nicht in Frage.

Seit Ende der neunziger Jahre hat die chinesische Regierung eine "strategische Schweinefleischreserve" angelegt, um Versorgungsengpässe zu überbrücken. Die Reserve umfasst gefrorenes Fleisch ebenso wie Farmen mit lebenden Schweinen. Handelsminister Li Xizhen erklärte jetzt, die Regierung denke darüber nach, auf Teile dieser Reserve zuzugreifen und damit den Markt zu entspannen. "Wir werden das Fleisch nicht verschenken, sondern es auf dem Markt verkaufen, um die extremen Preisschwankungen in den Griff zu bekommen."

Ein Experte sagte dem Sender Radio China International, es bestehe schon seit einigen Jahren ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. "Schweinezüchter haben in den letzten Jahren Verluste gemacht. Viele haben den Beruf gewechselt, wodurch es zu einem Rückgang in den Schweinebeständen kam", sagte Xu Lianzhong vom Zentrum für Preiskontrolle bei der nationalen Kommission für Entwicklung und Reform. Problematisch sei, dass sich wegen des verteuerten Futters auch Geflügel und Eier verteuert hätten. Mit Blick auf geringe Ernteerträge beim Getreide sei eine Entspannung der Lage noch nicht in Sicht. Billiges Schweinefleisch, so Xu, wird es in China frühestens in ein paar Monaten wieder geben.

kaz



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