Mysteriöser Kurssprung Warum die VW-Aktie verrückt spielt

Weltweit wanken die Börsen - doch die Aktie von Volkswagen schießt urplötzlich nach oben und schwankt innerhalb eines einzigen Tages um 50 Prozent. Experten rätseln über die Gründe: Hedgefonds, Optionsgeschäfte oder gar Ferdinand Piëch gelten als mögliche Kurstreiber.

Von Kai Lange


Frankfurt am Main - Die Börsen kennen derzeit überwiegend nur eine Richtung: nach unten. Nicht so die Aktie von Volkswagen Chart zeigen. Die Papiere des Autobauers legten am Dienstag Vormittag inmitten der Börsenkrise zeitweise kräftig zu: In der Spitze sprangen die Titel um 50 Prozent auf ein Rekordhoch von 452 Euro. Anschließend gaben sie aber wieder nach und gaben bis zum Handelsschluss auf Xetra sogar ihre kompletten Gewinne wieder ab.

Eine Kursschwankung von mehr als 50 Prozent binnen eines einzigen Handelstages - was sind die Gründe für diese extremen Kursausschläge?

Autostadt Wolfsburg: Für die VW-Aktie gelten anscheinend andere Gesetze
DPA

Autostadt Wolfsburg: Für die VW-Aktie gelten anscheinend andere Gesetze

Anfang September hatte die VW-Aktie noch bei rund 200 Euro notiert - und selbst dieses Niveau galt fast allen Analysten bereits als "völlig überbewertet". Nun, vier Wochen später, war die Aktie für einige Stunden mehr als doppelt so viel wert.

Entsprechend ratlos zeigen sich Händler und Analysten. Sie greifen auf unterschiedliche Modelle zurück. Hier die drei wahrscheinlichsten Erklärungsmuster.

• Theorie 1: Optionsgeschäfte von Porsche

Ein beliebtes Erklärungsmodell: Möglicherweise stecken Optionsgeschäfte des Großaktionärs Porsche Chart zeigen hinter der Kursexplosion. Seit Wochen kursiert die Theorie am Markt, dass nicht Porsche selber Aktien zukaufen müsse, um seinen Anteil an VW wie geplant zu erhöhen: Auf Grund von Optionsgeschäften, die Porsche rechtzeitig mit Banken getätigt habe, seien nun die Banken unter Zugzwang, VW-Aktien zu kaufen und diese Papiere zum vereinbarten Termin an den Geschäftspartner Porsche zu liefern.

Die Partnerbanken von Porsche hätten sich nach dieser Theorie schlicht verspekuliert und zu lange darauf gewartet, dass die VW-Aktie, wie alle anderen Autoaktien auch, an Wert verliert. Dem war nicht so. Nun müssten die Banken möglicherweise um jeden Preis Aktien kaufen, um ihren Liefertermin zu erfüllen und damit ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Porsche zu erfüllen.

Porsche jedenfalls ist offenbar dabei, seine Anteile bei Volkswagen aufzustocken. "Wir haben heute außerbörslich ein kleines Aktienpaket erworben", sagte eine Sprecher. Über die genaue Größenordnung machte er keine Angaben. Nur soviel: Porsche habe die Wertpapiere deutlich unter dem aktuellen Marktpreis erworben.

• Theorie 2: Hedgefonds müssen sich eindecken

Manche vermuten auch Hedgefonds als Käufer. Diese hätten Volkswagen-Aktien in den vergangenen Monaten leer verkauft, weil sie ebenso wie viele andere Marktteilnehmer auch auf einen Kurssturz der VW-Aktie gewettet hatten. VW sei gegen die Krise auf dem globalen Automarkt nicht immun und müsse auf Grund der aufziehenden Rezession auch bald kräftig an Wert verlieren, so die Begründung für das so genannte Short-Selling. Wäre die VW-Aktie gefallen, hätten die Short-Seller entsprechende Gewinne eingestrichen.

Doch nun, da die VW-Aktie weiter gestiegen ist, geraten die Shortseller unter Zugzwang: Sie müssen ihre Verluste begrenzen und ihre Short-Geschäfte schließen, das heißt sich mit VW-Aktien wieder eindecken, um nicht noch mehr Geld zu verlieren.

"Viele Aktien sind sicherlich nicht mehr am Markt, Porsche hält Stücke und das Land Niedersachsen auch. Aber irgendjemand muss unglaublich short sein und sich blind eindecken", mutmaßte ein Händler. "Es muss ein Riesen-Short-Squeeze sein", meinte ein anderer, also ein Verkäufer-Engpass. Der Umstand, dass das Land Niedersachsen und Porsche bereits große Anteile an VW halten, die Zahl der frei handelbaren VW-Aktien entsprechend kleiner geworden ist, macht die Aktie noch anfälliger für Schwankungen. Einige Shortseller mussten sich offenbar um buchstäblich jeden Preis wieder mit VW-Aktien eindecken, um ihre Positionen schließen zu können. Die extremen Kursschwankungen der Aktie könnten ein Indiz dafür sein.

• Theorie 3: Ferdinand Piëch zielt auf fünf Prozent

Eine weitere Theorie: Möglicherweise lässt der Aufsichtsratschef von Volkswagen, Ferdinand Piëch, weitere Aktien aufkaufen, um nach der jüngsten Auseinandersetzung mit der Porsche-Familie seine Macht bei VW weiter zu stärken. Piëch besitzt ein geschätztes Privatvermögen von mehr als vier Milliarden Euro sowie eine Beteiligung an Porsche von rund 13 Prozent: "Damit wäre es Piëch theoretisch möglich, mehr als fünf Prozent der VW-Anteile zu erwerben", meint Christian Aust, Analyst bei UniCredit.

Gemeinsam mit dem Stimmanteil des Landes Niedersachsen, das 20 Prozent an VW hält, könnte Piëch in diesem Fall eine Sperrminorität bei VW erreichen und alle Entscheidungen des Aufsichtsrates blockieren - selbst dann, wenn das VW-Gesetz, wie von Porsche angestrebt, bald fallen sollte.

"Kein rationaler Mensch kauft derzeit VW-Aktien"

Analyst Aust hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass derzeit einer der drei Big Player im VW-Monopoly - also die Familien Porsche, Vertreter der Piëch-Sippe oder das Land Niedersachsen - derzeit VW-Anteile zukaufen. "Kein strategischer Investor stockt bei solch aberwitzigen Kursbewegungen seine Aktienanteile auf", meint Aust. Zwar gehe es bei VW auch um die künftige Macht im Konzern. Doch selbst ein Machtmensch wie Piëch dürfte inmitten solcher Kursausschläge nach oben wie derzeit als Käufer auftreten oder kaufen lassen.

"Es sieht eher danach aus, als ob jemand verpflichtet sei, Volkswagen-Aktien zu kaufen - egal, um welchen Preis", sagt Aust. Er hält es für möglich, dass einige Hedgefondsmanager einen "margin call", also eine Aufforderung ihrer Kreditgeber zur Kapital-Aufstockung, erhalten haben. Nun könnten sie gezwungen sein, sich um jeden Preis mit VW-Papieren wieder einzudecken und ihre Positionen zu schließen, um nach einer schiefgelaufenen Short-Wette nicht noch mehr Geld zu verlieren. Möglicherweise könnten aber auch Banken, die Porsche VW-Aktien liefern müssen, als Käufer unterwegs sein: "In diesem Fall hätten sich dann einige Banken verspekuliert."

Auch Porsche-Aktie klettert

Der kurzzeitige Kurssprung bei VW kam auch der Aktie des Großaktionärs Porsche zugute. Porsche-Aktien, die in den vergangenen Monaten deutlich an Wert verloren und ein Zweijahrestief markiert hatten, legten am Dienstag zeitweise um rund 20 Prozent zu.

Porsche Chart zeigen wird auf Grund der VW-Beteiligung für das abgelaufene Geschäftsjahr vermutlich mehr Gewinn als Umsatz ausweisen: Das ist ein Novum in der Börsengeschichte.

Mit Blick auf die extremen Kursschwankungen bei Volkswagen sagte Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler: "Wir haben heute vermutlich den Extremfall gesehen. Mehrere Kräfte verstärkten sich gegenseitig, ohne dass die Marktteilnehmer wirklich wissen, was da eigentlich passiert." Er könne jedem Investor jetzt nur raten. "die Finger von der VW-Aktie zu lassen".



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