Neue Taxi-App Auf die billige Tour

Am Montag startet in Deutschland eine App, mit der es Taxikunden möglich ist, eine Tour mit anderen Fahrgästen zu teilen. Auch für Fahrer könnte der neue Dienst Perspektiven bieten.

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Die Premierenfahrt führte zu einer Dönerbude am Bahnhof Altona. Anders als sonst durfte Taxifahrer Stephan Schächtele nicht den direkten Weg durch Hamburg nehmen. Sein Smartphone zeigte ihm an, dass zwei weitere Fahrgäste in die gleiche Richtung wollen - trotz des Umwegs stand am Ende für den ersten Passagier ein geringerer Preis auf dem Taxameter.

Schächtele gehört zu den Testfahrern für ein neues System der Taxi-App Mytaxi. Die Funktion soll auch klamme Kundengruppen auf die Taxirückbänke locken: Studenten, Partygänger, Budgetmaximierer. Weil am amtlichen Taxitarif nicht gerüttelt werden darf, teilen sich die Gäste den Preis nach einer komplizierten Formel - billiger wird es in jedem Fall. Mytaxi, mehrheitlich zu Daimler gehörend, startet das System mit dem Namen Match am Montag in Hamburg, München und Berlin sollen folgen. Das System wurde bereits erfolgreich in Warschau getestet.

Das Taxigewerbe steht nicht zuletzt unter Druck, weil neue Konkurrenten wie Mytaxi auf den Markt drängen. Trotz vielerorts steigender Taxipreise war es in Metropolen nie einfacher, günstig von einem Ort zum anderen zu kommen, ohne den öffentlichen Nahverkehr oder ein eigenes Auto zu nutzen.

Carsharing-Anbieter wie Car2go oder DriveNow greifen manche Fahrt ab, die früher mit dem Taxi erledigt worden wäre. Die Deutsche Bahn lässt unter dem Dach ihrer Mobilitätsmarke Ioki in Bad Birnbach bei Passau einen Roboterbus fahren; auch an dem Sharing-Anbieter CleverShuttle ist die Bahn beteiligt. Volkswagen hat für das zukunftsträchtige Fahrdienstgeschäft die Marke Moia gegründet. Seit Oktober sind 20 VW-Vans in Hannover unterwegs. Für sechs Cent pro Kilometer können sich Testpassagiere derzeit durch die Stadt transportieren lassen. Moia will Ende 2018 in Hamburg starten - und das gleich mit 200 Fahrzeugen.

Etabliert hat die App-basierte Fahrdienstvermittlung der in Deutschland teilweise verbotene Fahrdienst Uber, der bereits seit drei Jahren geteilte Fahrten in den USA anbietet.

Das alles ist aber erst der Anfang einer Entwicklung, die den Personentransport in den Städten grundlegend verändern dürfte. "Autonomes Fahren wird in Zukunft natürlich auch das Taxigewerbe beeinflussen. Sharing Economy gehört schon jetzt zum Alltag in Großstädten", sagt Mytaxi-Chef Andrew Pinnington. Mit der Taxi-Teilfunktion will sein Unternehmen auf diese Herausforderungen antworten.

Wer das Taxi gemeinsam mit Fremden nutzen will, gibt beim Ordern zunächst seinen Zielort an. Dann ermittelt das System, ob es einen weiteren Zusteiger gibt. Aktuell sind nur zwei Einstiegspunkte für je zwei Gäste mit leichtem Gepäck erlaubt. Die Software berechnet den Umweg und kalkuliert einen Endpreis. Eine vier Kilometer lange Strecke darf sich nur um maximal zwei Kilometer verlängern, damit die Passagiere noch sparen. Rund 2000 Fahrer werden allein in Hamburg für das System geschult.

Entsteht ein völlig neuer Taximarkt?

Mancher Taxifahrer fürchtet, dass die Zusammenlegung die Zahl der Touren verringern wird. Mytaxi-Deutschland-Chef Alexander Mönch hält diese Sorgen aber für unbegründet. "Wir öffnen das Taxi für neue Zielgruppen, die sich das sonst nicht leisten würden", sagt er. "Businessvögel" seien nach wie vor lieber allein unterwegs, um ohne mitlauschende Konkurrenz telefonieren zu können.

Mytaxi will den Fahrern einer Sammeltour zunächst vier Euro zusätzlich überweisen, was in etwa der entgangenen zweiten Grundgebühr entspricht. Kunden könnten mit einem Gutschein entschädigt werden, wenn kein Mitfahrer gefunden würde und sie den vollen Fahrpreis zahlen müssten.

Spätestens im Zeitalter autonomer Autos werde ein völlig neuer Taximarkt entstehen, sagt Mytaxi-Chef Pinnington und zieht Vergleiche mit dem Luftverkehr. "Man kann von A nach B fliegen, auf einem niedrigeren Serviceniveau; oder, als anderes Extrem, mit einem Privatjet, in dem jeder verfügbare Komfort zu finden ist - aber auch Zwischenvarianten sind denkbar." Die berufliche Zukunft von Taxifahrern könne darin liegen, so Pinnington, aus dem Billigtaxi einen Luxusshuttle zu machen: Hilfe beim Gepäck, Kaffee nach Wunsch oder eine Stadtführung.

Zunächst aber müssen sich die Taxifahrer darauf einstellen, zusätzliche Passagiere einzusammeln. Das kann sich für sie durchaus lohnen. Bei seiner Premierenfahrt für Mytaxi Match bekam Taxifahrer Schächtele auch zweimal Trinkgeld.



insgesamt 17 Beiträge
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frenchie3 03.12.2017
1. Eine gute Idee
Aber auch das teure Taxi ist oft billiger als der ÖPNV. Bei Flughäfen wie Rom oder Lyon können Gruppen ab 3 Personen per Taxi billiger in die Stadt kommen
Barxxo 03.12.2017
2. nicht mehr zeitgemäß
In Zeiten von Vernetzung und permanenter Erreichbarkeit ist eigentlich ein Haufen Taxen, die zu 50% der Zeit nutzlos herumstehen und mit laufendem Motor auf Kunden warten, nicht mehr zeitgemäß.
Eine Wahrheitssuchende 03.12.2017
3. Warum Taxis?
Ich würde auch gern Leute mitnehmen, wenn ich allein unterwegs bin, z. B. wenn ich zur Arbeit pendle. Und dafür ein anderes Mal auf das Auto verzichten und mich mitnehmen lassen - ohne mich mit Kollegen oder Freunden dafür tagelang vorher verabreden zu müssen. Warum gibt es das Ride Sharing nicht schon mit privaten PKW? Hätte m. E. viel größeres Potenzial und Auswirkungen auf den Stau im Berufsverkehr als so eine Sammeltaxi-App.
amadeus300 03.12.2017
4. Schöne neue Welt....
Das ist die schöne neue Welt in einer Branche, in der es ohnehin nur Geringverdiener gibt. Ist es da wirlklich gerechtfertigt das Modell von Mytaxi als gesellschaftliche Großtat zu feiern und die Branche weiterem finaziellen Druck auszusetzen? Traditionell war der Vermittlungsdienst von Taxen in der Hand von Genossenschaften (bspw. München), die NICHT GEWINNORIENTIERT arbeiteten. Nun tritt mit Mytaxi ein neuer Vermittlungsdienst auf, der gewinnorientiert arbeitet, sich aber sonst nicht im geringsten um die gewerbepolitischen Belange vor Ort kümmert (diesen finanzellen Aufwand sollen ja mal "schön" die Genossenschaften stemmen). Was ist das Ende vom Lied? Mytaxi gewinnt zunehmend an Marktmacht im Vermittlungsdienst, bestimmt unabhängig von der Branche, wie hoch die Vermittlungsgebühren sind, die von einer Fahrt enbehalten werden. Das bedeutet: der Taxifahrer wird angesichts der steigenden Vermittlungsgebühren noch ärmer oder die Fahrpreise müssen angehoben werden. Zudem sei einmal bemerkt, daß man dem Investor von Mytaxi, sene gesamten Mobilitätsdaten zur Verfügung stellt. Das ist gleichsam der doppelte Reibach. Bei Daimler Benz freut man sich wie kleine Schneekönige
Sixpack, Joe 03.12.2017
5. Uber jetzt überall?
Gibt es dann jetzt auch Uber in ganz Deutschland? Oder immer noch nur in Berlin und München?
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