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Nach dem Crash: Vier Szenarien für die Wirtschaft der Zukunft

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Versinkt der Westen in Armut? Heilt sich der Kapitalismus von selbst? Der Trendforscher Matthias Horx hat vier Szenarien für die Welt nach der Finanzkrise entwickelt. Ob softer Sozialismus oder Defizit-Desaster, klar ist: Nichts bleibt, wie es war. SPIEGEL ONLINE stellt die Möglichkeiten vor.

Hamburg - Ob Sex, Konsumverhalten oder Führungsstil - Trend- und Zukunftsforscher lassen kaum ein Thema unerforscht, um neue (oder vermeintlich neue) gesellschaftliche Entwicklungen zu entdecken, Anglizismen zu erfinden und Firmen zu zeitgemäßeren Produkten zu raten. So wird aus der - freilich nicht neuen - Sexualität der über 50-Jährigen plötzlich "Silver Sex", aus der Wiederentdeckung des Kochens als preiswerte Alternative zum Restaurantbesuch entsteht "Home Cooking".

Nur die Finanzkrise bleibt Finanzkrise, und ihr gigantisches Ausmaß hat kein Zukunftsforscher so richtig vorausgesehen.

Börsianer an der Wall Street: Was kommt nach dem Crash?
DPA

Börsianer an der Wall Street: Was kommt nach dem Crash?

Crash-Gefahr ja, Platzen der Immobilienblase auch, aber ein derart gewaltiges Beben der gesamten Finanzwelt? Droht 2009 tatsächlich eine Weltrezession, wie der Internationale Währungsfonds erwartet? Politiker, Ökonomen und Zukunftsexperten hat die Krise gleichermaßen unvorbereitet erwischt.

Trendforscher interessiert jetzt, wie die Welt nach der Krise aussehen wird - davon hängt ab, wie die Menschen künftig konsumieren werden, worauf sie Wert legen und worauf Firmen, Dienstleister wie Industrie, künftig achten müssen, um ihre Produkte erfolgreich auf den Markt zu bringen.

"Nichts wird mehr so sein, wie es war"

Was also kommt auf uns zu? So lautet die große Frage, die derzeit niemand beantworten kann. Ist dieser Crash eine Zäsur? Sind Kapitalismus und Marktwirtschaft am Ende, erlebt der Sozialismus eine Renaissance? Oder werden die Kräfte des freien Marktes eine Lösung finden? Muss der Staat sich mehr in wirtschaftliche Angelegenheiten einmischen oder sich jetzt erst recht zurückhalten?

Blick ins Jahr 2013: Vier Szenarien für die künftige Welt
SPIEGEL ONLINE

Blick ins Jahr 2013: Vier Szenarien für die künftige Welt

Um mögliche Entwicklungen der Welt zu erforschen, hat das Zukunftsinstitut, ein Forschungs- und Beratungsunternehmen in Kelkheim bei Frankfurt, gegründet 1996 von dem Soziologen und Autor Matthias Horx, vier mögliche Szenarien entwickelt. Die Krise der Finanzmärkte "zieht das globale Wirtschaftssystem in ihren Sog", stellen die Forscher um Horx fest. Eines sei klar: "Nichts wird mehr so sein, wie es war." Aber wie dann?

Den Trendforschern kam die Idee, wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, der letzten "globalen Zäsur", Szenarien für eine zukünftige Welt zu entwerfen und zur Diskussion zu stellen (siehe Grafik). "Wir stellen eine große Verunsicherung bei den Menschen fest und wollen herausfinden, was sie über ihre Zukunft denken", sagt Horx. Es entstanden insgesamt vier Bilder für das Jahr 2013 - zwei, in denen die staatliche Regulierung zunimmt, und zwei, bei denen sie abnimmt:

Szenario 1: Selbstreinigung der Märkte

Szenario 2: Soft-Sozialismus

Szenario 3: Globale Depression

Szenario 4: Defizit-Desaster

Bis Freitagmorgen haben erst rund 800 Personen aus dem Umfeld des Zukunftsinstituts auf der Internet-Seite darüber abgestimmt, welches Szenario "für die Welt von morgen" sie für das wahrscheinlichste halten. Optimistisch, wie Trendforscher sind, rechnen die meisten mit einem guten Ausgang der Krise - die ersten beiden Szenarien schneiden mit jeweils mehr als 30 Prozent am besten ab. Das dritte Szenario wird mit rund zehn Prozent für am unwahrscheinlichsten gehalten, Szenario vier kommt auf knapp 19 Prozent.

"Die Abstimmung ist keinesfalls repräsentativ und wird es auch nicht sein, wenn mehr Menschen abstimmen", betont Horx. Auch genüge sie dadurch, dass es keine Kriterien für die Teilnehmer gebe - jeder kann im Internet abstimmen - keinen wissenschaftlichen Kriterien. Den Trendforschern geht es darum, ein Gespür dafür zu bekommen, wie die Menschen in die Zukunft blicken, um diese Erkenntnis für die Beratung der Kunden zu verwerten.

Mehrheit der Deutschen ist pessimistisch

Es dürfte ein eher pessimistisches Bild werden, mutmaßt Horx. "Je mehr Menschen sich an der Umfrage beteiligen, desto negativer wird wohl das Ergebnis werden", sagt er - die Deutschen seien eben pessimistisch.

Ganz im Gegensatz zu den Trendforschern selbst, deren Thesen meist vor Optimismus strotzen, wohl auch, um ihre Kunden damit anzustecken. So verbreiteten Horx und seine Kollegen bislang die These, in der Ökonomie der Zukunft könnten alle, Unternehmer wie Arbeitnehmer, nur gewinnen. Noch Anfang Oktober veröffentlichte das Unternehmen eine Studie, wonach die Angst der Deutschen vor einem wirtschaftlichen Niedergang unbegründet sei. Es gehe den Deutschen so gut wie seit Jahren nicht mehr, Deutschland profitiere von der globalisierten Welt. Trotzdem blickten die Deutschen pessimistisch in die Zukunft - wie schon in den achtziger Jahren. Damals vermiesten Waldsterben und saurer Regen die Stimmung.

Tatsächlich geht Horx von einem Szenario aus, dass von allen vier Modellen etwas habe. Um eine realistische Ahnung dessen zu bekommen, was die Menschen erwarten, können die Umfrageteilnehmer auch ein eigenes Szenario entwerfen und Anmerkungen machen. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Gewiss ist nur, dass auch diese Krise irgendwann vorbei geht.

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