Nach dem Verfassungsgerichtsurteil So vererben Sie richtig

Übers Sterben und Vererben schweigen die Deutschen pietätvoll - zu Unrecht. Denn das heutige Urteil des Bundesverfassungsgericht zur Erbschaftssteuer bei Immobilien ist ein Alarmzeichen: Beim Vermächtnis kann man viele Fehler machen. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie Sie die vermeiden.


Hamburg - Die Entscheidung war eindeutig. Das Bundesverfassungsgericht sieht in den geltenden Erbschaftsregeln einen Verstoß gegen das Grundgesetz. Der Hauptgrund: Vererbte Immobilien werden nur zu 50 bis 60 Prozent besteuert - im Gegensatz zu Bargeld. Die Politik müht man sich nun nach Kräften, die Aufregung gering zu halten: Die Entscheidung solle auf keinen Fall dazu genutzt werden, die Abgaben für geerbte Häuser und Grundstücke dramatisch zu erhöhen, teilte die Unions-Fraktion eilig mit. Wie Vermächtnisse künftig geregelt werden - über diese Streitfrage muss sich die Große Koalition nun dringend zusammenraufen.

Für viele Deutsche lenkt das Urteil den Blick auf ein Thema, über das sie aus Pietät gerne schweigen. Wer denkt schon gerne über den eigenen Tod nach? Richtig vererben und dabei Steuern sparen - das ist heikel und nicht leicht.

Eine Umfrage der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge (DVEV) hat ergeben, dass 74 Prozent der Deutschen weder ein Testament gemacht noch einen Erbvertrag abgeschlossen haben. Entsprechend ungeordnet gestaltet sich so manche Erbschaft. Bei zahlreichen Erbschaften wird dem Staat viel Geld geschenkt, sagt DVEV-Geschäftsführer Jan Bittler.

Das immer noch beliebte sogenannte Berliner Testament mag romantisch sein - es kommt die Familie aber oft teuer zu stehen. Bei dieser Form setzen Eheleute ihren Partner als Alleinerben ein. Der vermacht das Vermögen dann nach seinem Ableben den gemeinsamen Kindern. Dabei wird selten bedacht, dass das Erbe so zweimal voll versteuert werden muss. Wird der Nachlass dagegen etwa auf den Ehegatten und zwei Kinder aufgeteilt, können alle drei die jeweilige Freigrenze in Anspruch nehmen.

Fallstrick Lebensversicherung: Häufig setzen Eheleute beim Abschluss ihrer Lebensversicherung den Partner als Bezugsberechtigten im Falle des eigenen Todes ein. Ein fataler Fehler. Der Hinterbliebene muss im Fall der Fälle nämlich dann auf den anfallenden Betrag Erbschaftssteuer zahlen. Klüger ist es deshalb, mit Einverständnis des Partners eine Versicherung auf dessen Leben abzuschließen und umgekehrt. Dann ist die Auszahlungssumme im Todesfall steuerfrei.

Schenken statt Vererben: Bei wertvollen Immobilien oder Wertpapieren lohnt es sich unter Umständen, Teile des Besitzes schon zu Lebzeiten gestaffelt an seine Erben zu verschenken. Zwar gelten dabei die gleichen Steuersätze wie bei Erbschaften - allerdings kommt den Bedachten nach zehn Jahren erneut der gesamte Freibetrag zu Gute. Kindern kann so eine Immobilie im Wert von 400.000 Euro steuerfrei vermacht werden, obwohl sie nur Anrecht auf einen Freibetrag von 205.000 Euro hätten. Dass die geltende Zehn-Jahres-Regel für Schenkungs-Freibeträge bei der nun fälligen Neugestaltung der Erbschaftssteuer wegfällt, hält Steuerexperte Bittler für ausgesprochen unwahrscheinlich.

Wer trotzdem nicht noch Jahrzehnte warten will, kann sein Hab und Gut eventuell auf Umwegen an den Nachwuchs weitergeben. Wenn zum Beispiel ein Haus oder ein Aktienpaket nur einem Ehepartner gehört, kann er Teile einfach an den anderen Ehepartner übertragen. Der muss bis zu einem gewissen Vermögenswert ja keine Abgaben dafür leisten. Erst danach wird der so aufgeteilte Besitz an die Kinder weitergegeben. Diese können so sowohl beim Geschenk der Mutter als auch beim Geschenk des Vaters von der Steuerfreigrenze profitieren.

Durch eine rasche Übertragung von Häusern und Grundstücken lässt sich auch die Gefahr umgehen, dass durch die jetzt nötige Neuregelung der Erbschaftssteuer Kindern und Enkeln plötzlich ungeahnte Kosten drohen, wenn sie eines Tages Haus oder Grundstück erben. Um die Miet- oder Pachteinnahmen der vermachten Objekte muss sich der Schenker auch für den Fall eines deftigen Familienkrachs nicht sorgen: Er muss nur den sogenannten unbefristeten Nießbrauch vertraglich festhalten.

Bei größerem Grundvermögen raten manche Steuerberater sogar dazu, eine GmbH & Co. KG für Häuser und Wohnungen zu gründen, besonders wenn auf den Objekten Hypotheken lasten. Wenn Eltern ihren Kindern dann Firmenanteile schenken, kann die Familie rund 225.000 Euro an zusätzlichen Steuerfreibeträgen geltend machen - und einen saftigen Wertabschlag. Allerdings ist Eile geboten: Die Schließung dieses Steuerschlupflochs steht unmittelbar bevor.

Geldgeschenk mit Vorgaben: Wer den Kindern ein Eigenheim oder ein Grundstück spendieren will, sollte ihnen die dafür vorgesehene Summe möglichst bald übermachen. Denn Geld, das speziell für einen Immobilienkauf verschenkt oder vererbt wird, wird derzeit noch genauso bevorzugt besteuert wie zum Beispiel ein Grundstück oder ein Haus selbst. Allerdings muss das Wunschobjekt bei der Schenkung schon feststehen.

Doch auch wenn der heutige Richterspruch aus Karlsruhe das Erben und Schenken in einigen Fällen teurer für die Bedachten macht: Experten warnen, jetzt allzu voreilig großzügig zu Kindern und Enkeln zu sein. Erbschafts-Experte Bittler mahnt: "Wer weiß, ob ein Mensch sein Haus im Alter nicht doch für eine seniorengerechte Eigentumswohnung verkaufen muss? Das sollte er dann schon noch selbst entscheiden dürfen." Er rate deshalb "generell dazu, jetzt das Hab und Gut sorgfältig zu analysieren - und dann nur das frühzeitig zu verschenken, was man offensichtlich nicht mehr selbst brauchen wird".

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