Nach Kritik an Mehdorn Bahn storniert Anzeigen bei "Capital"

In einer fünfseitigen Analyse unter dem Titel "Mehdorns Malaise" berichtete das Magazin "Capital", die Schulden der Bahn seien alarmierend angeschwollen. Kurz darauf stornierte der Staatskonzern bereits geplante Anzeigen - die Redaktion vermutet eine Vergeltungsaktion.

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Hamburg - Anfang der Woche habe die Anzeigenabteilung von "Capital" einen Anruf der Bahn erhalten, sagt Klaus Schweinsberg, der neue Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins aus Köln. Am Telefon sei die Mediachefin der Bahn gewesen. Sie habe mitgeteilt, dass alle bereits geplanten Anzeigen in "Capital" storniert würden. Es habe sich um mehrere einseitige Annoncen gehandelt.

Ein Bahn-Sprecher wollte auf Nachfrage keine Stellungnahme dazu abgeben.

Bahn-Chef Mehdorn: Beschwerde in Berlin
DPA

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"Capital" sei zu verstehen gegeben worden, dass das Anzeigenstorno eine direkte Reaktion auf den Anfang Februar erschienenen Artikel "Mehdorns Malaise" sei, so Schweinsberg. Er wollte nicht ausschließen, dass Bahn-Chef Hartmut Mehdorn selbst Einfluss auf die Entscheidung genommen haben könnte. Auch das wollte die Bahn nicht kommentieren

Schweinsberg fand harte Worte für den Konzern: "Es ist befremdlich, dass die Bahn das Instrument des Anzeigenstornos aus der Klamottenkiste hervorkramt", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Es sei außerdem "pikant", dass ein Staatskonzern versuche, "Druck auf die Pressefreiheit auszuüben". Kenner des Anzeigengeschäfts schätzen, dass das Magazin nun auf einen beträchtlichen, wohl sechsstelligen Geldbetrag verzichten muss.

Der Ressortleiter Unternehmen und der für die Bahn zuständige Fachredakteur hatten in dem "Capital"-Artikel geschrieben, der Schuldenstand der Bahn habe eine "horrende" Höhe erreicht. Der Konzern, der 1994 im Zuge der Bahnreform entschuldet worden war, habe laut internen Dokumenten bis Ende 2005 Nettoverbindlichkeiten von fast 20 Milliarden Euro angehäuft.

Ex-Bahnsprecher nennt FDP-Mitarbeiter "offenbare Quelle"

Auch das Bahn-Management selbst, schreiben die beiden "Capital"-Autoren, reagiere inzwischen alarmiert. In der Mittelfristplanung des Konzerns für die Jahre 2006 bis 2010 heiße es: "Gemessen an unternehmerischen Maßstäben hat die Verschuldung eine überkritische Grenze erreicht." Das Papier sei von allen Bahn-Vorständen unterzeichnet worden. Laut "Capital" kommt Mehdorn außerdem operativ langsamer voran als früher versprochen - die Ertragsprognosen für 2006 und 2007 seien gesenkt worden.

Mehdorn-Kritik in "Capital: "Auffällig viele Storys"

Mehdorn-Kritik in "Capital: "Auffällig viele Storys"

Mehdorn hatte schon kurz nach Erscheinen des Artikels in einem Schreiben an den Verkehrsausschuss des Bundestages kritisiert, "ein Mitarbeiter einer Bundestagsfraktion" streue gezielt Informationen über die Bahn. "Wir stellen auffällig viele Storys fest, in denen vertrauliche Unternehmenszahlen und -informationen ohne Sachkenntnis oder vorsätzlich verzerrend zusammengestellt und nahezu zu Verschwörungstheorien aufgebauscht werden", schrieb der Bahn-Chef an die Politiker. Es werde versucht, "auf den Entscheidungsprozess zur Privatisierung der DB AG polemischen Einfluss zu nehmen".

Politiker sämtlicher Bundestagsparteien kritisierten Mehdorns Verdächtigungen. Ein Bahn-Sprecher verteidigte das ungewöhnliche Schreiben gegenüber SPIEGEL ONLINE aber mit dem Hinweis, Mehdorn habe keine Namen und keine Fraktion genannt - es gehe auch nicht darum, "jemanden zu verhaften". Sinn des Briefes sei allein, den Verkehrsausschuss dafür zu "sensibilisieren", in Zukunft keine vertraulichen Daten mehr weiterzugeben.

Bei "Capital" ist als Reaktion auf den "Malaise"-Text aber ein Beschwerdefax des früheren Bahn-Kommunikationschefs Dieter Hünerkoch eingegangen, in dem sehr wohl ein Name genannt wird. Obwohl Hünerkoch nur noch als Berater Mehdorns tätig ist und sich mit einer eigenen Firma in Buxtehude selbständig gemacht hat, trägt sein Fax die Abschickkennung "DB AG".

Hünerkoch: "Das darf einer Wirtschaftsredaktion nicht passieren"

In dem Leserbrief an "Capital" legt Hünerkoch den Schluss nahe, ein von ihm namentlich erwähnter Mitarbeiter der FDP-Fraktion sei "die offenbare Quelle für Ihre Informationen" gewesen. Als dieser noch bei der Bahn arbeitete, sei er wegen seiner "Besserwisserei" aufgefallen, bemerkt Hünerkoch, man sei "heilfroh" gewesen, "als er das Haus verließ". Seitdem sei der FDP-Mitarbeiter "im Hintergrund" als "Büchsenspanner" aktiv gewesen, so Hünerkoch weiter. Der Betroffene wollte gegenüber SPIEGEL ONLINE zunächst keinen Kommentar abgeben.

Früherer Bahn-Kommunikator Hünerkoch: Kritik am "Büchsenspanner"
DDP

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"Capital"-Chefredakteur Schweinsberg verteidigte den Artikel als "sachlich richtig". Er nannte es erstaunlich, dass ein Berater der Bahn versuche, einen Mitarbeiter einer Bundestagsfraktion "anzuschwärzen". "Herrn Mehdorn wird es nicht gelingen, damit eine sachlich-kritische Auseinandersetzung mit seinem Unternehmen zu unterbinden", sagte er. Ob der Leserbrief des Mehdorn-Beraters abgedruckt werde, sei noch nicht entschieden.

Hünerkoch sagte am Abend zu SPIEGEL ONLINE, er habe nicht behauptet, dass der FDP-Mann die Quelle für den ganzen Artikel gewesen sei. Er habe in dem Fax nur darauf hinweisen wollen, dass die Bilanzierungsmethode der Bahn von HGB- auf IFRS-Standards umgestellt worden ist. Dass dies auch Auswirkungen auf die Schuldenbilanzierung und Gewinnprognosen habe, sei "Capital" entgangen. Hünerkoch: "Das darf bei einer Wirtschaftsredaktion nicht passieren."

"Capital"-Redakteur Jobst-Hinrich Wiskow hat inzwischen mit einem Brief an Hünerkoch reagiert. Die Umstellung der Bilanzierung, schreibt er, könne die "immense Differenz" zwischen den früheren Planungen der Bahn und den revidierten Prognosen nicht allein erklären.

Mehdorn selbst hatte im Januar im SPIEGEL-Interview die Profitabilität der Bahn gelobt. "Wir haben 2005 einen Gewinn von über 400 Millionen Euro erzielt, das Haushaltsrisiko Bahn ist Vergangenheit." Die Bahn-Reform sei ein großer Erfolg gewesen. "Die Ziele lauteten: Mehr Verkehr auf die Schiene und Ersparnis für die Steuerzahler", sagte der Bahn-Chef. "Das haben wir erreicht. Wer das für missglückt hält, dem kann ich auch nicht mehr helfen."

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Rainer Dressler, 12.04.2005
1.
Was soll man dazu sagen? Mir jedenfalls fällt zu DIESER Bahn nichts mehr ein. Preissteigerungen von - bis zu - 100% in den letzten paar Jahren. Gleichzeitig Verschlechterung des Service und der Flexibilität. Mittlerweile ist man mit dem Flugzeug (fast, da nicht immer) günstiger unterwegs, je nachdem, wo man hin will. Auf jeden Fall schneller. Ich persönlich kann nur den Kopf darüber schütteln, wie man sich Kunden so vergraulen kann.
DAW, 13.04.2005
2.
Das Problem ist doch ganz einfach: Die Privatisierung zielt eben nicht auf die optimale Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bürger ab, sondern nur auf die Erreichung der Börsenfähigkeit. Und danach sind die Fahrgäste / Kunden auch nur noch die Zahlemänner für Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre wie schon bei den anderen börsennotierten Unternehmen. Das sieht man unter anderem daran, dass Mehdorn viele Strecken und Verbindungstypen wie den InterRegio zugunsten neuer ICE-Verbindungen eingestampft hat. Da braucht es Prestige - natürlich auf Kosten der Kunden - und da die Bahn ein Monopol (zumindest auf der Schiene) hat, darf sie fleißig alles testen und ausprobieren, bis sie komplett heruntergewirtschaftet ist, Mehrdorn mit Millionen im Ruhestand ist und auch die Aktionäre ihr Scherflein bekommen haben. Mal ehrlich: Wie selten dämlich müssen Regierungen sein, die Unternehmen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen der Bürger, welche außerdem eher als Volkseigentum zu bezeichnen sind, dem internationalen Kapitalmarkt in den gierigen Rachen werfen? Hat man aus Telekom sowie Ver- und Entsorgern immer noch nichts gelernt?! MfG Daniel
Rainer Dressler, 13.04.2005
3.
---Zitat von DAW--- Das Problem ist doch ganz einfach: Die Privatisierung zielt eben nicht auf die optimale Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bürger ab, sondern nur auf die Erreichung der Börsenfähigkeit. Und danach sind die Fahrgäste / Kunden auch nur noch die Zahlemänner für Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre wie schon bei den anderen börsennotierten Unternehmen. Das sieht man unter anderem daran, dass Mehdorn viele Strecken und Verbindungstypen wie den InterRegio zugunsten neuer ICE-Verbindungen eingestampft hat. Da braucht es Prestige - natürlich auf Kosten der Kunden - und da die Bahn ein Monopol (zumindest auf der Schiene) hat, darf sie fleißig alles testen und ausprobieren, bis sie komplett heruntergewirtschaftet ist, Mehrdorn mit Millionen im Ruhestand ist und auch die Aktionäre ihr Scherflein bekommen haben. Mal ehrlich: Wie selten dämlich müssen Regierungen sein, die Unternehmen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen der Bürger, welche außerdem eher als Volkseigentum zu bezeichnen sind, dem internationalen Kapitalmarkt in den gierigen Rachen werfen? Hat man aus Telekom sowie Ver- und Entsorgern immer noch nichts gelernt?! MfG Daniel ---Zitatende--- Lieber DAW, wie wahr, wie wahr. Womit wir wieder beim Shareholdervalue wären, der alles und nichts bestimmenden Maxime. Ich frage mich nur, wie der bei der deutschen Bahn aussieht heutzutage, kann eigentlich nicht sonderlich toll sein. Wer fährt mit diesem sonderbaren "Ruderverein" eigentlich noch? Mal vor, mal zurück und Keiner von denen blickt mehr so richtig durch. Die Preisgestaltung ist mehr als obskur. Alles sehr seltsam... Mit den besten Grüssen aus dem Schwarzwald. Rainer Dressler
Pinarello, 14.04.2005
4.
---Zitat von DAW--- Das Problem ist doch ganz einfach: Die Privatisierung zielt eben nicht auf die optimale Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bürger ab, sondern nur auf die Erreichung der Börsenfähigkeit. Und danach sind die Fahrgäste / Kunden auch nur noch die Zahlemänner für Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre wie schon bei den anderen börsennotierten Unternehmen. Das sieht man unter anderem daran, dass Mehdorn viele Strecken und Verbindungstypen wie den InterRegio zugunsten neuer ICE-Verbindungen eingestampft hat. Da braucht es Prestige - natürlich auf Kosten der Kunden - und da die Bahn ein Monopol (zumindest auf der Schiene) hat, darf sie fleißig alles testen und ausprobieren, bis sie komplett heruntergewirtschaftet ist, Mehrdorn mit Millionen im Ruhestand ist und auch die Aktionäre ihr Scherflein bekommen haben. Mal ehrlich: Wie selten dämlich müssen Regierungen sein, die Unternehmen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen der Bürger, welche außerdem eher als Volkseigentum zu bezeichnen sind, dem internationalen Kapitalmarkt in den gierigen Rachen werfen? Hat man aus Telekom sowie Ver- und Entsorgern immer noch nichts gelernt?! MfG Daniel ---Zitatende--- Na ja, ist ja nicht so einfach, die Privatisierung der Staatsunternehmen geht ja von der EU aus, wir Deutschen also Paradeeuropäer müssen hier natürlich wieder weit voraus marschieren, die Franzosen scheren sich einen Dreck umd die EU, wenn es um das Wohl des Staates geht. Bleibt noch anzumerken, die Privatisierung der - vom Steuerzahler aufgebauten und finanzierten - ehemaligen Staatsunternehmen Bahn und Post kann man in Deutschland zumindest aus Sicht der Kunden und Verbraucher als restlos gescheitert sehen, ehrlich gesagt, ich kann diese grinsenden Gesichter der Herren Vorstände beider Unternehmen schon gar nicht mehr sehen. Siehe Deutsche Post, in den USA werden Milliarden in den Sand gesetzt, man will ja schließlich Global Player werden, hier in Deutschland wird abgebaut wo es nur geht, sei es Filialen, Mitarbeiter und Briefkästen, oder wie soll man die Nachricht verstehen, daß 2004 in den USA etwa 700 Mio Euro Verlust gemacht wurden, aber hier in Deutschland wieder mal tausende von Filialen und Mitarbeitern das Ende eingeleitet wird. Iss ja klar, das Geld für die Global Player Spielereien des Vorstandes muß ja schlißelich irgendwo herkommen. Auch Bahnchef Mehdorn will ja jetzt weltweit expandieren, getreu dem Motto, "wenn wir schon im eigenen Land nix auf die Beine kriegen, dann versuchen wir es halt gleich weltweit", schließlich denken alle nur noch Global. Gerade die Bahn lebt eigentlich nur noch von der Substanz aus den alten Bundesbahntagen, fragt sich noch wie lange.
Rainer Dressler, 14.04.2005
5.
---Zitat von Pinarello--- Na ja, ist ja nicht so einfach, die Privatisierung der Staatsunternehmen geht ja von der EU aus, wir Deutschen also Paradeeuropäer müssen hier natürlich wieder weit voraus marschieren, die Franzosen scheren sich einen Dreck umd die EU, wenn es um das Wohl des Staates geht. Bleibt noch anzumerken, die Privatisierung der - vom Steuerzahler aufgebauten und finanzierten - ehemaligen Staatsunternehmen Bahn und Post kann man in Deutschland zumindest aus Sicht der Kunden und Verbraucher als restlos gescheitert sehen, ehrlich gesagt, ich kann diese grinsenden Gesichter der Herren Vorstände beider Unternehmen schon gar nicht mehr sehen. Siehe Deutsche Post, in den USA werden Milliarden in den Sand gesetzt, man will ja schließlich Global Player werden, hier in Deutschland wird abgebaut wo es nur geht, sei es Filialen, Mitarbeiter und Briefkästen, oder wie soll man die Nachricht verstehen, daß 2004 in den USA etwa 700 Mio Euro Verlust gemacht wurden, aber hier in Deutschland wieder mal tausende von Filialen und Mitarbeitern das Ende eingeleitet wird. Iss ja klar, das Geld für die Global Player Spielereien des Vorstandes muß ja schlißelich irgendwo herkommen. Auch Bahnchef Mehdorn will ja jetzt weltweit expandieren, getreu dem Motto, "wenn wir schon im eigenen Land nix auf die Beine kriegen, dann versuchen wir es halt gleich weltweit", schließlich denken alle nur noch Global. Gerade die Bahn lebt eigentlich nur noch von der Substanz aus den alten Bundesbahntagen, fragt sich noch wie lange. ---Zitatende--- Heute war ich bei der Bahn um eine Fahrkarte für die nächste Woche zu holen, geht leider nicht anderst. Ich habe geschlagene 20 Minuten gebraucht, ohne anstehen, bis ich sie bekommen habe. Genau so lange hat der gute Mann am Schalter gebraucht, um in seinem Bahnsystem durchzublicken, wohin ich will und was ich will. Wobei, das muss ich sagen, ein letztendlich günstigerer Preis herausgekommen ist, als wenn ich die Fahrkarte im Internet bestellt hätte. Und schneller ist die Verbindung auch. Mehdorn, leider meine Meinung, ist nicht sehr zuträglich für die Deutsche Bundesbahn. Er stiftet mehr Unruhe bzw. Unordnung als Klarheiten für den Kunden. Was soll ich davon halten, wenn der Preis im Internet um rund 40 EUR teurer ist gegenüber dem Preis am Bahnschalter? Wobei genau diese immer seltener werden! Dubioser Verein, so langsam! Mit den besten Grüssen aus dem Schwarzwald. Rainer Dressler
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