Nachtleben Das schnelle Ende eines Berliner Nobelclubs

Das Goya sollte der exklusive Treffpunkt der Hauptstadt werden. Doch stattdessen wurden nach nur fünf Monaten die Türen geschlossen. Übrig bleiben verärgerte Aktionäre, Gläubiger ohne Bezahlung und jede Menge Schulden. Nun untersucht die Staatsanwaltschaft den Fall.  

Von Eva Lodde


Berlin - Peter Leonhardt hat sich ein Erfolgsprojekt ausgesucht, um eine Niederlage einzugestehen. Der Insolvenzverwalter hatte das Hotel Berlin vor Jahren gerettet, ohne Mitarbeiter zu entlassen. Heute gibt er dort eine Pressekonferenz, um zu verkünden, dass der Goya-Club in Berlin endgültig seine Türen schließt. Am 3. März hatte das einst exklusive Clubrestaurant Insolvenz angemeldet. Jetzt, sagt Leonhardt, könne er nichts mehr tun. Fünf Millionen Euro Schulden könne er nicht mehr tilgen. 89 Mitarbeiter sind heute entlassen worden.

Schon vor der Eröffnung des Clubs hatten viele Skeptiker moniert: zu ambitioniert, zu schick, zu teuer. Dabei schien die Idee innovativ: Interessenten sollen Aktienpakete à 2000 oder 4000 Euro erwerben. Dafür bekommen sie lebenslang freien Eintritt für das baskische Dinner und den anschließenden Club. Die oberste Galerie ist allein für sie reserviert. 

Wie der exklusive Anspruch, so das Ambiente. Mit den 7,5 Millionen Euro der Aktionäre wird das "Metropol", das schon als Theater, Kino, Konzertsaal und zuletzt als Diskothek diente, vom Architekten Hans Kollhoff umgebaut: kühl, weiß, mit überdimensionalen Kronleuchtern und Kerzen - schlichter, eleganter Barock. Auch bei der Musik lautet das Motto: "Bloß kein Mainstream!" Weltmusik ist Programm, Salsa und Jazz. Seinen etwas hämischen Namen hat das ehemalige Theater schnell weg: "Club der Aktionäre". Es soll ein Festort für vermögende Erwachsene sein.

Doch die Eröffnung muss immer wieder verschoben werden, die Bauarbeiten gehen nicht schnell genug voran. Schließlich stellt sich heraus, dass der Raum wegen des vielen Gips sehr hallig ist - auf die Schnelle kann an der schlechten Akustik nichts mehr geändert werden. Da hilft dann auch der Ruf der angeblichen Exklusivität nicht mehr: Weder die Aktionäre kommen regelmäßig und in Scharen, noch neugierige Nicht-Aktionäre, die bereit sind, zehn Euro Eintritt zu bezahlen. Dafür gibt es in Berlin zu viele Clubs und Discos. Peter Leonhardt sagt, dass nicht einmal ansatzweise die im Konzept vorgesehenen Zahlen erreicht werden: "Statt 1300 bis 2700 Gästen pro Abend kamen teilweise nur 300."

Bereits im Dezember insolvent

Nach den Nachrechnungen des Insolvenzverwalters ist das Goya bereits Ende Dezember insolvent, kurz nachdem es eröffnet worden war. Ein Großteil der Gläubiger sei vom Vorstand hingehalten worden. Leonhardt will sich nicht dazu äußern, ob der Initiator und inzwischen entlassene Geschäftsführer Peter Glückstein dafür haften müsse. "Nur so viel: Bei Zahlungsunfähigkeit gilt eine Frist von drei Wochen - das ist die gesetzliche Lage", sagt der Rechtsanwalt. Nach dieser Zeit müsse die Insolvenz offiziell gemeldet werden. Nun untersucht die Staatsanwaltschaft den Fall. Peter Glückstein war für eine Stellungnahme heute nicht zu erreichen.

Kurz nachdem der Club Anfang März tatsächlich Insolvenz anmeldet, gibt Leonhardt eine Pressekonferenz auf der Tanzfläche des Goya. "Dort war noch ein verhaltener Optimismus vorhanden", sagt er nun resigniert. Das Goya braucht zu diesem Zeitpunkt mehr Geld und mehr Gäste. 1,5 Millionen Euro sind nötig. "Und das war schon mit sehr spitzem Bleistift gezeichnet", erklärt er. Trotz der desolaten Lage sind einige Aktionäre bereit, eine halbe Million Euro aufzubringen. Insolvenzverwalter Leonhardt spricht mit Veranstaltungsagenturen und ist optimistisch, dass er zusätzlich Fremdevents im Wert von einer Million Euro bekommen wird. Doch gebucht hat am Ende niemand.  

Der Jurist Leonhardt hat seinen Schilderungen zufolge ein Chaos vorgefunden: Gehälter sind falsch abgerechnet, alle Mitarbeiter müssen noch einmal befragt werden, täglich findet er nicht gebuchte Rechnungen. Hinzu kommt, dass gestohlen wird: Laptops und Handys, selbst ein 600 Kilogramm schwerer Tresor mit Einnahmen von rund 65.000 Euro verschwinden - trotz des Sicherheitsdienstes. Auch in diesem Fall wird ermittelt. 

Kostenloser Eintritt für jedermann

Mit der Insolvenz nimmt die anfänglich gepriesene Exklusivität ein jähes Ende. Geld muss in die gähnend leere Kasse. Zwei Wochenenden lang gibt es kostenlosen Eintritt für jedermann. Statt Musik aus der Nische - Musik für alle: House und Charts. In dieser Zeit strömen sie endlich: 15.000 Gäste in zwei Wochen. Doch langfristig reicht das nicht. Zuletzt werden selbst in der Regionalzeitung "Berliner Morgenpost" zu Ostern baskische Abendessen im kühlen Ambiente des Goya verlost.

Der "Gnadenschuss", wie Peter Leonhardt es nennt, kommt schließlich von der Brandschutzversicherung. Sie fordert Nachbesserungen, die vertraglich schon längst festgeschrieben sind. Doch dafür fehlt das Geld. Ein weiterer Betrieb sei für Gäste und Personal daher zu gefährlich. Der Gläubigerausschuss trifft sich in sechs Wochen - er wird entscheiden, was mit dem Goya passieren wird.

Bei der Pressekonferenz im Hotel Berlin ist auch Frank Wiebe, ein enttäuschter Aktionär. 2000 Euro hat er verloren. "Aber was wird denn nun mit unserer Veranstaltung?", fragt er, noch hoffend. Später zieht er einen Flyer aus der Tasche: Das Savoy Dance Orchestra sollte unter dem Motto "Swinging Ballroom" spielen, eingeladen von den Aktionären. Die Veranstaltung hätte in zwei Tagen sein sollen.



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