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Nachwuchs für Naturwissenschaften: Wie Unternehmen nach Sandkasten-Ingenieuren suchen

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Frauen fehlen vor allem in technischen Berufen - und verschärfen damit den Fachkräftemangel. Deshalb greifen immer mehr Konzerne zu einem ungewöhnlichen Mittel: Sie versuchen, schon die ganz Kleinen für Technik zu begeistern - und werben im Kindergarten.

Hamburg - Es sind die üblichen Verdächtigen, die sich mit gutem Vorsatz zusammengetan haben: Bildungsministerin Annette Schavan (CDU), die Bundesagentur für Arbeit, DGB und IG Metall, die Max-Planck-Gesellschaft und die Spitzenverbände der Wirtschaft - sie alle wollen mehr Frauen für ein Technik- oder Naturwissenschaftsstudium begeistern. Mit einem "nationalen Pakt" soll der Anteil von Studienanfängerinnen in diesen Fächern um durchschnittlich fünf Prozentpunkte steigen.

Kinder beim Werksbesuch bei Bosch: "Spielerisch für Technik begeistern"
Bosch

Kinder beim Werksbesuch bei Bosch: "Spielerisch für Technik begeistern"

Denn die weiblichen Mitarbeiter fehlen - gerade in den technischen Bereichen: 2007 gab es 72.000 Ingenieurinnen, das sind nur elf Prozent aller Ingenieure. Der Frauenanteil bei den Studienanfängerinnen beträgt in Maschinenbau und Informatik je 17 Prozent, in der Elektrotechnik neun Prozent. Spitze ist Mathematik mit einer Quote von 53 Prozent. Bei den Uni-Absolventen in Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften sowie Technik (MINT) kommen Frauen auf 31 Prozent.

Das Problem dabei: Der geringe Frauenanteil verschärft den Fachkräftemangel, der sowieso schon in bestimmten Branchen wie Informationswirtschaft und Maschinenbau herrscht. Aktuell gibt es nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom mehr als 40.000 offene Stellen für IT-Experten und über 90.000 für Ingenieure.

Das merken auch die Unternehmen - und reagieren: Gezielt wenden sich Konzerne wie Bosch und Siemens, aber auch Familienunternehmen wie zum Beispiel Rabe-System-Technik an Kinder im Grundschulalter - und sogar im Kindergarten.

Zielgruppe: drei- bis sechsjährige Kinder

So verteilt etwa Siemens seit Ende 2005 sogenannte Forscherkisten, die Spielzeug und Materialien für kleine Experimente enthalten. Dazu gehören Glühbirnchen ebenso wie Batterien, Spiegel, Kristalle, Natronpulver oder auch Stifte und Lineale. Die Zielgruppe der rund 500 Euro teuren Pakete: drei bis sechsjährige Kinder. "Da Kinder in wenigen Monaten mehr lernen als viele Studierende in vier Jahren, ist ein Versäumnis in dieser Zeit nur schwer wieder zu beheben", heißt es bei Siemens.

Ähnlich agiert auch Bosch: Der Elektrokonzern schickt seine Auszubildenden im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts "Wissensfabrik" in Kindergärten. "Das machen wir aus zwei Gründen: Zum einen schaffen unsere Auszubildenden es, die Kinder spielerisch für Technik zu begeistern", erklärt Unternehmenssprecher Dirk Haushalter. "Zum anderen erlernen unserer Mitarbeiter durch den Umgang mit Kindern auch soziale Kompetenz."

Die beiden Technologiekonzerne sind keine Ausnahme: So veranstaltet ThyssenKrupp unter anderem in den Sommerferien eine technikorientierte Ferienbetreuung für Kinder im Grundschulalter. Der Verband Südwestmetall finanziert mit einer Million Euro Technologieecken in 90 Kindergärten, die Telekomstiftung hat allein im vergangenen Jahr rund 1,5 Millionen Euro für Projekte zur Frühförderung ausgegeben. Darunter das Programm "Natur-Wissen schaffen", bei dem Erzieherinnen geschult werden, wie sie Kompetenzen in Mathe, Technik und Naturwissenschaften spielerisch vermitteln können.

Aber es sind nicht nur die ganz Großen der Branche, die sich um den Nachwuchs bei den ganz Kleinen kümmern: Unter dem Namen "Sandkasten-Ingenieure" schickt das Familienunternehmen Rabe-System-Technik Studenten in Kitas, um dort die "Wieso-, Weshalb-, Warum-Fragen" der Kinder "verständlich" zu erklären. In Zweier-Gruppen nehmen Studenten mit den Kindern Versuche etwa zur Löslichkeit in Stoffen und zur Ausdehnung von Luft vor oder beantworten die Frage, warum Schiffe schwimmen können.

"Das Alltägliche wird nicht erklärt"

"Das Problem am naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen ist, dass er das Alltägliche nicht erklärt", sagt Irene Seling von der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände. "Wie funktioniert ein Handy? Wie kommt ein Bild in den Fernseher - das wird einem nirgends mehr erklärt." Deshalb sei es wichtig, Kinder so früh wie möglich anzusprechen und für Technik zu begeistern.

Grafik: Anteil der Beschäftigten in der Hightech-Branche
SPIEGEL ONLINE

Grafik: Anteil der Beschäftigten in der Hightech-Branche

"Wir sprechen Jugendliche in allen Altersgruppen an, um sie spielerisch an Technik heranzuführen", heißt es auch bei ThyssenKrupp. So habe man erst im Mai in Stuttgart einen Ideenpark veranstaltet - eine Art Technik-Erlebnisausstellung, mit der das Interesse an Technik geweckt werden soll. Beispielsweise hätten die Besucher Roboter oder Mini-Rennwagen bauen können. "Wir sollen so ein langfristiges Interesse für die Studiengänge wecken", sagt eine Sprecherin.

Das hofft man auch bei Bosch: "Je früher ein Kind spielerisch den Umgang mit Technik erlernt, desto leichter ist es, sein Interesse für diese Gebiete zu wecken", sagt Sprecher Haushalter. Denn wenn man sich erst an Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe wende, sei es häufig schon zu spät - vor allem bei den Mädchen.

Warum sich aber ausgerechnet in der Ingenieurs-Nation Deutschland der Nachwuchs insgesamt so schwer tut, kann sich auch die Wirtschaft nicht so genau erklären. Eigene Versäumnisse bei der Imagebildung sieht man höchstens in der Warnung vor einer "Ingenieursschwemme", die es in Teilen der Wirtschaft Anfang der neunziger Jahre gab. "Gerade die Studienanfänger, die ein naturwissenschaftliches Studium in Erwägung ziehen, reagieren extrem sensibel auf solche Arbeitsmarktschwankungen", sagt BDA-Frau Seling.

Die Ursache sieht man deshalb woanders: "Dem Berufsbild Ingenieur haften immer noch uralte Klischees von ölverschmierten Händen und introvertierten Kollegen an." Obwohl das in Zeiten von Nanotechnologie und Lasertechnik schon lange nicht mehr der Realität entspricht.

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